Terror in Paris

Die Jagd nach den Tätern: Was bekannt ist

Nach den Attentaten laufen die Ermittlungen auf Hochtouren: Eine Spur führt nach Belgien, zwei kamen als Flüchtlinge getarnt

In Paris sichern nach den Anschlägen Soldaten die zentralen Plätze ab, wie hier am Eiffelturm. Noch ist unklar: Sind noch Attentäter auf der Flucht?

In Paris sichern nach den Anschlägen Soldaten die zentralen Plätze ab, wie hier am Eiffelturm. Noch ist unklar: Sind noch Attentäter auf der Flucht?

Foto: Guillaume Horcajuelo / dpa

Paris/Athen/Brüssel.  Irgendwo zwischen den Blutlachen und Trümmern im Pariser Clubs „Bataclan“ entdeckten die Ermittler einen Finger, abgerissen vom Körper durch die Explosion des Sprengstoffs. Die Spurensicherung konnte im Labor die Abdrücke des leblosen Fingers nehmen. Die Polizei fand einen Treffer in ihrer Datenbank: Omar Ismail M., 29 Jahre alt, als Kleinkrimineller vorbestraft. Und den Behörden aufgrund seiner islamistischen Haltung bekannt. Als Terrorist war er nicht verdächtig. Bis Freitagnacht.

Als die deutsche Fußball-Elf gerade gegen die Franzosen im Stade de France spielte, lenkte M. einen schwarzen VW Polo, ein Mietwagen mit belgischem Kennzeichen, durch Paris in Richtung „Bataclan“. Auch das konnte aufgrund des Fingerabdrucks ermittelt werden. Zu dritt sollen sie im Auto gesessen haben, bewaffnet mit Handfeuerwaffen und Sprengstoff. Kurz darauf ermordeten die Terroristen 82 Menschen in dem Konzertsaal, mehr als 300 wurden teils lebensgefährlich verletzt. Der Angriff war eines von mehreren Zielen der Extremisten, die im Namen des sogenannten „Islamischen Staates“ insgesamt mindestens 129 Zivilisten töteten.

Die Jagd auf das Terrornetzwerk des IS läuft auf Hochtouren, Staatsanwälte ermitteln, Fahnder analysieren Spuren an den Tatorten, befragen Augenzeugen, Sicherheitsbeamte kooperieren mit Kollegen im Ausland. Immer neue Details über die Täter werden durch Angaben der Behörden oder Recherchen der Medien bekannt, frühere Annahmen über Anzahl und Vorgehen der Täter werden korrigiert. Doch vieles blieb am Wochenende weiter im Unklaren.

In drei Kleingruppen sollen die Terroristen angegriffen haben

M. war der erste mutmaßliche Täter, den die französischen Behörden identifizieren konnten. Er wurde in Courcouronnes geboren, einem Vorort von Paris, eine Hochhaussiedlung, in den Sechzigerjahren aus dem Boden gestampft. M. war einer von vier Brüdern und zwei Schwestern. Seit 2010 lebte er in der Stadt Chartres, südwestlich von Paris. Regelmäßig besuchte er eine Moschee, lange war er nach Aussagen von Anwohnern aber kaum noch zu sehen in dem Viertel der Stadt. Anfang 2014 tauchte M. laut der Zeitung „Le Monde“ wieder auf. Er fiel Polizisten als Mitglied einer Salafisten-Gruppe auf. Als „Gefährder“ bewerteten sie ihn nicht.

Zwischen 2004 und 2010 wurde M. acht Mal wegen kleinerer Vergehen verurteilt. Eine Haftstrafe musste er aber nicht verbüßen. Die Polizei prüft, ob er 2014 nach Syrien gereist war. Vater und Bruder des 29-Jährigen wurden vernommen, ihre Wohnungen durchsucht. Der Bruder hatte sich selbst gemeldet, als er von der Verwicklung seines Bruders in die Anschlagsserie erfuhr. Der Kontakt zu ihm sei vor Jahren abgerissen. Seine letzte Information sei gewesen, dass sein Bruder mit Frau und Tochter nach Algerien gereist sei.

In drei kleinen Gruppen sollen die Angreifer Freitagnacht zu den verschiedenen Zielen mit Autos gefahren sein. Die genaue Zahl der Terroristen ist noch unklar, bislang sind sieben Attentäter getötet worden. Offenbar waren drei Brüder an der Terrorserie „beteiligt“. Das berichtete die Nachrichtenagentur AFP und beruft sich auf Kenntnisse der Ermittler. Einer von ihnen sei bei den Attentaten ums Leben gekommen, ein zweiter befinde sich in Belgien in Polizeigewahrsam. Einer könnte noch auf der Flucht sein. Ermittler stellten östlich von Paris einen schwarzen Seat sicher, aus dem heraus Attentäter Cafés beschossen hatten. In dem Auto wurden drei Kalaschnikows gefunden.

Am Stade de France fanden Polizisten nahe einer Leiche einen syrischen Pass. Er soll auf einen Ahmed Almohammad ausgestellt worden sein, geboren 1990. Am 3. Oktober dieses Jahres hatte sich ein Mann mit diesem Ausweis in einem Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Leros registrieren lassen. Zudem gab es Hinweise, dass er gemeinsam mit einem weiteren Attentäter eingereist war. Der Pass sei laut griechischer Behörden von einer Person vorgelegt worden, die in einer Gruppe auf einem Boot aus der Türkei gekommen war. Von dort aus ging die Reise getarnt als Flüchtling weiter über Mazedonien nach Serbien, wo er sich laut Behörden in einem Erstaufnahmezentrum nahe der Grenze registrieren ließ.

Nach Informationen dieser Zeitung gibt es bei den deutschen Behörden keinen Eintrag zu diesem Reisepass. Mittlerweile gehen die Behörden ohnehin davon aus, dass das Dokument gefälscht ist. Und dass der Terrorist nicht zufällig den Pass am Tatort dabei hatte, als der Sprengsatz am Stadion in Paris detonierte. Naheliegend ist, dass er entdeckt werden sollte, um so in Europa Misstrauen gegenüber syrischen Flüchtlingen zu entfachen. Ziel der Extremisten: den Konflikt zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen zu befeuern. Und Radikalisierte für sich zu gewinnen.

Nachdem die Ermittler den gemieteten Polo mit dem belgischen Kennzeichen in Paris entdeckt hatten, führte die Spur nach Brüssel. Zwei der getöteten Attentäter lebten offenbar zuletzt im Großraum der belgischen Hauptstadt. Es handele sich um Personen mit französischem Pass. Die Polizei nahm dort sieben Verdächtige fest. Ob sie mit den Anschlägen zu tun hätten, werde ermittelt, so die Staatsanwaltschaft.

Regelmäßig führen vom Terror in Frankreich Spuren nach Belgien, wo Islamisten Nachwuchs rekrutieren und Waffen besorgen. Im Blickpunkt steht der Brüsseler Stadtteil Molenbeek-Saint-Jean. Beim Überfall auf das jüdische Museum in Brüssel 2014, bei dem im August vereitelten Anschlag auf den Schnellzug Thalys, bei den Verzweigungen einer Terrorzelle, die nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen ausgehoben wurde – stets taucht Molenbeek als Durchgangsstation oder Unterschlupf der Attentäter auf. Offenbar auch jetzt, nach dem Terror in Pariser.