Anschlag in Paris

Im Regen trauern die Berliner um die Terroropfer

Hunderte Menschen ziehen gemeinsam vom Pariser Platz zum großen Stern. Ein bewegender Marsch. Am Ende liegen sich alle in den Armen.

Trauermarsch für die Opfer vom Terror in Paris

Trauermarsch für die Opfer vom Terror in Paris

Foto: Massimo Rodari

Um 14.23 Uhr war es ganz still vor dem Brandenburger Tor. Knapp 500 Menschen standen da, hielten sich an den Händen, bildeten einen Kreis, der mehr als die Hälfte des Pariser Platzes einnahm. Nieselregen fiel auf sie herab. Und dann ertönt irgendwo aus der Menschenkette eine hohe Frauenstimme, singt die Marseillaise.

Und alle stimmen ein – leise und traurig. Mit zittriger Stimme singt auch die 19-Jährige Fyrial mit. Sie kommt aus Paris und ist in dieser Woche auf Berlinbesuch. „Es ist wichtig, dass wir jetzt Zusammenhalt zeigen“, sagt der 26-Jährige Jean-Christophe, der in seiner linken Hand fest die rechte von Fyrial hält.

Auch am zweiten Tag nach den tödlichen Terroranschlägen von Paris kamen den ganzen Tag über Menschen vor die französische Botschaft in Berlin. Sie legten Blumen nieder, zündeten Kerzen an. Die improvisierte Gedenkstätte nimmt inzwischen fast den ganzen Gehsteig vor dem rot-weißen Absperrgitter am Botschaftsgebäude ein.

Nur rund ein Viertel der angemeldeten 2000 Berliner ist gekommen

Während in Frankreich und Belgien die ersten Verdächtigen festgenommen wurden, kam Andrea Henao, einer gebürtigen Pariserin, die seit 2 Jahren in Berlin lebt, am Sonnabend der Gedanke, man müsse ein weiteres Zeichen für Solidarität setzen – nicht nur für die Opfer der Pariser Anschläge, auch mit den Menschen in Beirut. Die libanesische Hauptstadt wurde am Donnerstag von zwei Selbstmordattentaten erschüttert.

„Wir müssen zeigen, dass wir gemeinsam gegen Terror einstehen – egal wo auf der Welt er verübt wird“, sagt Henau. Sie trägt schwarze Schuhe, schwarze Hose und einen schwarzen Mantel. Um den rechten Oberarm hat sie sich eine weiße Armbinde geschnürt. Henaos schwarze Wimperntusche ist verschmiert. Dass nur rund ein Viertel der 2000 Berliner gekommen ist, die sich auf Facebook für den Trauermarsch angemeldet hatten, versteht sie angesichts des Wetters. Inzwischen regnet es in Strömen.

„Ich stehe hier um meine Anteilnahme auszudrücken“

Ronald Jochens, Familienvater aus Falkensee bei Berlin, ließ sich von der schlechten Wettervorhersage nicht abhalten. „Ich stehe hier um meine Anteilnahme auszudrücken“, sagt er. Und Jochens möchte sich auch nicht durch die Angst vor neuen Anschlägen aufhalten lassen. „Wenn es die Terroristen schaffen, dass wir Veranstaltungen meiden und uns nicht mehr frei in unseren Städten bewegen, dann haben wir verloren“, sagt Jochens.

Dann setzt sich der Trauermarsch in Bewegung, durch das Brandenburger Tor auf die Straße des 17. Juni. Veranstalterin Andrea Henau läuft vorweg, in einer Reihe von sieben Menschen, die sich gegenseitig die Hände halten. Rechts neben Henao läuft eine Geflüchtete aus Syrien. Der Wind peitscht Ihnen den Regen ins Gesicht, Henao und die Syrerin kneifen die Augen zusammen.

Sie sprechen über den Terror in Paris – und über den Terror vor dem die junge Syrerin nach Deutschland geflohen ist. Während des Marsches sagt Henao: „Wir ziehen gerade gemeinsam in den Krieg – in einen friedlichen Krieg gegen die Terroristen“. Als der Trauermarsch an der Siegessäule angekommen ist, liegen sich die beiden in den Armen.