9. November in Israel

„Alles cool“ - solange Geschichte nicht vergessen wird

Zwei Monate arbeitet Morgenpost-Redakteurin Alexandra Kilian als Stipendiatin in Israel. Dort erlebt sie die Tage 75 Jahre nach den Novemberpogromen ganz anders als gedacht - überraschend entspannt.

Foto: Bildagentur Huber / Schmid Reinh / picture alliance / Bildagentur H

Sababa – cool: Das ist das erste hebräische Wort, das ich hier lerne. Beschämend, ich weiß. Aber so bezeichnet es Oren Shany, Schauspieler und geborener Tel Avivi, dass ich aus Berlin komme. „Meine Freunde haben mir so viel von der Stadt und den Deutschen erzählt – nächsten März fahre ich selbst“, sagt der 36-Jährige. Schon der Grenzbeamte am Ben-Gurion-Flughafen, mein Vermieter, die Chef-Dramaturgin des Cameri-Theaters, sogar der Mann, der mir morgens den Milchschaum auf den Coffee Viennese schaufelt, nicken nahezu anerkennend, als sie von meiner Herkunft erfahren. Eran Tiefenbrunn, mein Chefredakteur auf Zeit, begrüßt mich gar gleich auf Deutsch: Fünf Jahre war er Europa-Korrespondent in Berlin, eine gute Zeit sei das gewesen, sagt er. Ab sofort finden Themen und Termine auf Deutsch statt. Ausnahmslos. „Herzlich willkommen in Tel Aviv“, sagt Eran Tiefenbrunn.

Für zwei Monate arbeite ich als Ernst-Cramer-&-Teddy-Kollek-Stipendiatin in Israel. Bei „Ynetnews“, der englischen Nachrichtenseite der „Yedioth Aharonoth“. Sowohl in der Redaktion als auch in Tel Aviv verbindet jeder etwas mit Berlin, mit Deutschland. Wenig überraschend, aber traurig und gut zugleich. Noch nie war mir mein Deutschsein so bewusst wie hier. Nachdem ich Geschichte studiert und mich mit dem Nationalsozialismus befasst habe, habe ich auch negative Reaktionen nach Nennung meiner Nationalität erwartet. Jetzt überraschen mich die durchweg positiven der Israelis – und es ärgern mich meine eigene Vorurteile.

Kaum Veranstaltungen zum 9. November

„Jedes Land hat gute und schlechte Menschen“, sagt David Dahan, Lobbyist in der Knesset und Ex-Fußballspieler des TSV 1860 München, den ich in Jerusalem treffe. Die Pogromnacht jähre sich zum 75. Mal?, fragt er. Nein, da sei nichts in der Knesset geplant. Auch in Tel Aviv, der deutschen Botschaft, dem Goethe-Institut, der Hebrew University of Jerusalem finden keine Termine statt. Nur in Yad Vashem laufen eine Ausstellung sowie ein Symposium – über das in den Medien nicht berichtet wird. „Den 9. November erleben wir hier in Israel sehr intensiv“, sagt der deutsche Botschafter Andreas Michaelis. Ich frage mich, wo.

Das Gedenken sitzt 25 Minuten südlich von Tel Aviv. Fanny Englard erwartet mich in ihrem Haus im Kibbuz Beit Hanan. „Mach die Tür auf“, höre ich es laut und deutlich Deutsch von innen. Eine Gehhilfe an der Hand, sitzt Fanny Englard am Esstisch. Butterkekse und bunte Mappen liegen vor ihr. Ihre blauen Augen prüfen die meinen. „Du darfst alle Fragen fragen“, sagt Fanny Englard.

Fanny Englard hat den Holocaust überlebt. 1925 ist sie in Köln geboren, 1941 als 16-Jährige nach Riga deportiert worden. Ihre Mutter ist mit dem jüngsten Bruder in Belzec vergast worden, der Vater im Warschauer Getto gestorben, zwei weitere Brüder wurden bei Minsk erschossen. Seit 1947 lebt Fanny Englard in Israel. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Nachfolgegenerationen aufzuklären. Ein Buch hat sie geschrieben, zahlreiche Reden als Präsidentin der Organisation der ehemaligen Nazi-Gefangenen gehalten.

Aktives Miteinander wichtiger für junge Israelis

Immer wieder hebt sie die Mappen einzeln hoch, Briefe an Merkel, Kauder, Westerwelle, von Studenten, die sie mit ihrer Geschichte mehr als bewegt hat. „Das gebe ich dir alles mit, das ganze Material“, sagt sie. „Du bist jetzt mein Botschafter, du musst erzählen, was passiert ist.“ Ob sie die Unterlagen nicht brauche, frage ich. Fanny Englard schnauft verächtlich. „Die jungen Leute hier wollen das Gequatsche von der Schoah nicht mehr hören.“

Oren Shany hat nicht vergessen. Nur „Freier“ würden glauben, dass junge Israelis ihre Geschichte nicht kennen, sagt er. Mein zweites hebräisches Wort. „Freier“ ist jiddisch und bedeutet „Trottel“. Den jungen Leuten sei wichtiger, aktiv etwas für das Miteinander zu tun, sagt Oren Shany. Sich zu besuchen, sich kennenzulernen, zusammenzuarbeiten. Und solange auch die Deutschen ihre Geschichte nicht vergessen, sich ihrer Verantwortung bewusst sind, sagt Oren Shany, „ist alles cool“. Sababa eben.

>> Thema: 75 Jahre Pogromnacht 1938

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