Meine Woche

75 Jahre Pogromnacht – Nie mehr wegschauen!

Nicht nur SA-Männer sind verantwortlich für die Greueltaten an den Juden. Historiker haben herausgefunden, dass die Zivilbevölkerung viel stärker an den Verwüstungen beteiligt war als bisher bekannt.

Es war der Beginn des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte: Vor 75 Jahren verwüsteten die Nazi-Schergen jüdische Geschäfte und zündeten Synagogen an. Es ist der Teil der Berliner Geschichte, der in dieser Stadt nie vergessen werden darf. Und deswegen muss immer wieder an die Greueltaten der Nationalsozialisten erinnert werden. Noch gibt es einige Zeitzeugen wie die unermüdliche Inge Deutschkron, die den Kindern und Jugendlichen von heute die Schreckenstaten von damals schildern können.

Doch wie erhält man dieses lebendige Erinnern auch noch über Generationen hinweg? Es gibt viele Möglichkeiten. Doch dieses Jahr 2013 hat gezeigt, wie es funktionieren kann. Der Senat hat das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ ausgerufen. Damit will er an die Folgen der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erinnern.

In einer sehr persönlichen Form wird geschildert, wie das vielfältige, kulturelle und soziale Leben in Berlin durch die Nazis zerstört wurde. Denn eine große Zahl von Schriftstellern, Komponisten und Theaterleuten, aber auch Professoren, Anwälten und Lehrern, die Anfang in den 20er- und Anfang der 30er-Jahre das Leben in der damaligen Weltstadt Berlin prägten, ausgegrenzt und verfolgt wurden.

>> Das Novemberpogrom 1938 - Die Berlin-Karte

Die Ausschreitungen und Plünderungen gegen die jüdischen Mitbürger vor 75 Jahren waren nicht nur von einigen wenigen SA-Männern getragen. Wie der US-Historiker Alan E. Steinweis betont, hat sich die deutsche Bevölkerung „ohne Zwang“ viel stärker an den Pogromen beteiligt als bisher bekannt.

Es sind die Schicksale der einzelnen Menschen, die aufrütteln und die dafür sorgen, dass die Schandtaten der Nazis nicht vergessen werden. Wenn Geschichte persönlich wird, löst sie auch Empfindungen aus. Insofern hat das Themenjahr, das an diesem Sonntag mit der Eröffnung einer temporären Ausstellung am Brandenburger Tor ausklingt, hoffentlich viele Berliner bewegt. Der Name der Ausstellung klingt wie ein Ausrufezeichen: „Unsere Vielfalt nimmt uns keiner mehr“.

Doch genau daran, an der Vielfalt der Stadt, der Liberalität Berlins, muss ständig gearbeitet werden. Denn es gibt sie bis heute, die Gegner eines friedlichen Miteinanders. Mich erschreckt es immer wieder, wenn Stolpersteine beschmiert werden. Diese in den Boden eingelassenen und mit den Namen von deportierten und ermordeten Juden versehenen Gedenksteine sollen an die Menschen erinnern, die in Berliner Häusern wohnten, bis sie zu Opfern der Nazis wurden.

>> Die Übersichtsseite zu 75 Jahre Pogromnacht 1938

Ich finde es auch erschreckend, wenn ein Rabbiner wie Daniel Alter Angst hat, in bestimmten Gegenden in Berlin seine Kippa öffentlich zu tragen. Hier muss die Gesellschaft jeder antisemitischen Tendenz entgegenwirken. Und das tut sie – anders als noch vor 75 Jahren.

In Friedenau beispielsweise gibt es Menschen, die beschmierte Stolpersteine gleich wieder säubern. Dieses Menschen sind nicht mehr teilnahmslos, sie schauen nicht mehr weg. Es ist auch gut, wenn in Berliner Schulen das Thema Antisemitismus thematisiert wird. Die Berliner SPD setzt sich dafür ein.

Wenn an diesem Wochenende viele Rabbiner zu einem Treffen nach Berlin kommen und ein Israel-Kongress stattfindet, dann zeigt das, dass das Wachhalten der Vergangenheit auch zu einem Wandel der Gegenwart führt. Wenn Rabbiner Pinchas Goldschmidt sagt, das Treffen sei auch ein „Ausdruck des Vertrauens“, dann dürfen sich die Berliner darüber freuen. Aber es ist auch ein Ansporn, Ausgrenzung, Antisemitismus und dem menschenverachtenden Handeln weiterhin keinen Platz in dieser Stadt und in diesem Deutschland zu bieten.