Pogromnacht

Tage des Hasses und der Gewalt – die Chronologie des Pogroms

Am Morgen des 9. November 1938 veröffentlichen Berlins Morgenzeitungen Hassartikel über angebliche jüdische Verschwörungen. Es ist der Beginn des schlimmsten Pogroms in Mitteleuropa seit Jahrhunderten.

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Es war eine Zäsur: Vor 75 Jahren fand in Deutschland das schlimmste Pogrom in Mitteleuropa seit mehreren Hundert Jahren statt. Hitler-Anhänger ließen ihrem Antisemitismus freien Lauf, setzten Synagogen in Brand, demütigten Zehntausende Juden, brachten Hunderte um. 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager gebracht und oft grausam misshandelt.

Unzählige Deutsche plünderten fremden Besitz, vor allem am 9. und 10. November. Auslöser der organisierten Übergriffe war das Attentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan auf den Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris. Die Berliner Morgenpost rekonstruiert die entscheidenden beiden Tage des Pogroms.

9. November 1938

+++ 6.30 Uhr +++ Berlins Morgenzeitungen veröffentlichen Hassartikel über die angebliche jüdische Verschwörung, die Herschel Grynszpan bezahlt habe.

+++ Vormittags +++ Zum ersten Mal dürfen der Vater und ein Bruder des angeschossenen Ernst vom Rath in sein Krankenzimmer in Paris. Der Zustand des Patienten verschlechtert sich. Er fällt ins Koma, um 16.30 Uhr Ortszeit stirbt er.

+++ 17.45 Uhr +++ Eine Viertelstunde nach dem Tod des Diplomaten schickt Hitlers Leibarzt Karl Brandt ein Vorrangtelegramm an die Reichskanzlei. Vermutlich ruft er auch in Hitlers Münchner Wohnung an.

+++ 18.15 Uhr +++ Aus einer Meldung des Deutschen Nachrichtenbüros erfährt Joseph Goebbels in seinem Münchner Hotel, dass Ernst vom Rath gestorben ist. Er notiert in sein Tagebuch: „Nun ist es aber gar!“

+++ 18.30 Uhr +++ Gespannte Ruhe liegt über der Reichshauptstadt. Noch ist unklar, was die Nacht bringen wird.

Das Novemberpogrom 1938 - Die Berlin-Karte

+++ 19 Uhr +++ In München beginnt der traditionelle „Kameradschaftsabend der alten Kämpfer“ des Putsches von 1923. Ehrengast ist Adolf Hitler. Goebbels spricht ihn auf den Tod des Diplomaten an und notiert darüber: „Ich gehe zum Parteiempfang im alten Rathaus. Riesenbetrieb. Ich trage dem Führer die Angelegenheit vor. Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen. Das ist richtig.“ Hitler ergreift an diesem Abend nicht das Wort.

+++ 22 Uhr +++ Nachdem der NSDAP-Chef den Kameradschaftsabend verlassen hat und in seine Privatwohnung zurückgekehrt ist, hält Joseph Goebbels eine etwa 15-minütige Hetzrede. Er spricht davon, dass „Aktionen größten Stils mit vollkommen freier Hand für jedermann gegen Juden einzutreten haben“, hält der SS-Mann Odilo Globocnik fest. In sein Tagebuch notiert Goebbels: „Ich rede kurz vor der Parteiführerschaft. Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telefone. Nun wird das Volk handeln.“

+++ Bald nach 23 Uhr +++ Der „Stoßtrupp Hitler“, die Leibgarde des Parteichefs aus der Gründungszeit der NSDAP, ergreift die Initiative. Die etwa drei Dutzend „alten Kämpfer“ ziehen zur Synagoge Ohel Jacob und setzen den Bau in Brand.

+++ 23.30 Uhr +++ Himmler, als Chef der deutschen Polizei zuständig für die öffentliche Ordnung, kommt in Hitlers Münchner Wohnung, um Instruktionen zu bekommen. Wie sollen Polizei und Feuerwehr vorgehen? Hitler bestimmt, dass nur das Übergreifen der Flammen auf nicht-jüdischen Besitz zu verhindern ist.

+++ 23.55 Uhr +++ Nach einem Telefonat mit Himmler gibt der stellvertretende Gestapo-Chef Heinrich Müller eine Weisung heraus: „Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen, stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Jedoch ist sicherzustellen, dass Plünderungen und sonstige besondere Ausschreitungen unterbunden werden.“ Außerdem ordnet Müller an, die Festnahme von 20.000 bis 30.000 jüdischen Männern vorzubereiten: „Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden.“

10. November 1938

+++ 0.30 Uhr +++ SA-Leute haben die Synagoge in der Oranienburger Straße gestürmt und stapeln brennbares Material auf. Wilhelm Krützfeld, der Vorsteher des zuständigen Polizeireviers 16 am Hackeschen Markt, erfährt davon und geht sofort mit einigen seiner Beamten los. Weil der Bau denkmalgeschützt sei, so befiehlt er den überraschten SA-Leuten, dürfe er nicht angesteckt werden.

+++ Kurz vor 1 Uhr +++ SA-Leute stürmen die große Synagoge in der Fasanenstraße, schichten aus Bänken, Vorhängen und Büchern einen Scheiterhaufen auf und stecken ihn in Brand.

+++ Gegen 2 Uhr +++ Ein Reporter der „New York Times“ sieht, wie die Ausschreitungen von Synagogen auf jüdische Geschäfte in der Leipziger und der Friedrichstraße übergreifen. An der Kreuzung stehen SS-Leute bereit, als sich ein aufgeputschter Mob aus SA, Hitlerjugend und anderen NS-Anhängern nähert. Statt die Menge zu bremsen, setzen sich die jungen Männer in Zivil, aber mit den für NS-Gliederungen typischen hohen Schnürstiefeln, an die Spitze.

+++ Gegen 3 Uhr +++ Der Schriftsteller Erich Kästner ist auf dem Tauentzien unterwegs. Er hört Glas klirren. Der von den Nazis verfemte Autor notiert: „Es klingt, als bestehe die ganze Stadt aus nichts wie krachendem Glas.“

+++ Kurz vor 8 Uhr +++ Schulkinder plündern einen Schreibwarenladen in der Nähe ihrer Schule. Eine Dame, die zufällig vorbeikommt, verbietet ihnen das. Ein Junge antwortet: „Unser Vater hat gesagt, das ist kein Diebstahl, denn die Juden haben uns das alles ja vorher auch weggenommen.“

+++ Vormittags +++ Zwei jüdische Jungen, David Zwingermann und Horst Löwenstein, betreten die ausgebrannte Synagoge in der Markgraf-Albrecht-Straße. In einem massiven Eichenschrank entdeckten sie zwölf von den Flammen unversehrte Thorarollen. Obwohl SA-Leute und Schaulustige um die Ruine herumstehen, bringen die beiden Jungen die heiligen Schriften in Sicherheit.

+++ Gegen 11 Uhr +++ Auf dem Boulevard Unter den Linden plündern Passanten zwei jüdische Juweliergeschäfte.

+++ Berlin, mittags +++ Die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich hält ihre Eindrücke im Tagebuch fest: „Tobt sich hier spontane Volkswut aus? Springt der Funke über, fällt ins Pulverfass und entlädt den verhaltenen Grimm einer ganzen Nation mit donnernder Explosion? Nein und abermals nein!“

+++ Früher Nachmittag +++ Der siebenjährige Günter Lamprecht kommt aus der Schule. Sein Freund Helmut sagt: „Heute ist alles umsonst, die Judenläden sind aufgekloppt worden, da kannste dir rausholen, was du willst!“ Gemeinsam plündern die beiden Jungen einen demolierten Tabakladen, dessen Besitzer konsterniert im Hinterzimmer sitzt und zusieht.

+++ Nachmittag +++ In einem Bus, der Unter den Linden entlangfährt, ereifert sich eine Nationalsozialistin, dass noch nicht alle Schaufenster jüdischer Geschäfte zerschlagen worden sind. Anders als erwartet, erntet sie nicht Zustimmung, sondern eisiges Schweigen der anderen Passagiere.

+++ Gegen 16 Uhr +++ Der 65-jährige Kaufmann Elias Feuerstein wird von Plünderern vor seiner Spirituosenhandlung in der Strausberger Straße 25 erschlagen.

+++ Gegen 16.30 Uhr +++ Im Rundfunk wird die Anweisung von Goebbels verlesen, das Pogrom zu beenden. Dennoch wird weiter geplündert und geschändet.

+++ Gegen 21.30 Uhr +++ Der Arzt Erich Nathorff kommt nach Hause, wo ihn zwei Polizisten erwarten. Sie nehmen ihn fest und bringen ihn ins Konzentrationslager.

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