75 Jahre Pogromnacht

Gedenken in Berlin - Jauch und Raabe putzen „Stolpersteine“

75 Jahre nach der Reichspogromnacht haben die Berliner an die Opfer des NS-Terrors erinnert. Prominente würdigten mit einer besonderen Aktion die in der Stadt gelegten „Stolpersteine“.

Man tritt sie mit Füßen – in manchem Viertel der Stadt beinahe bei jedem Schritt. Trotzdem sind die etwas mehr als 5000 Stolpersteine, die seit 1996 in Berlin an von den Nazis verfolgte und meist ermordete Menschen erinnern, ein äußerst eindrucksvolles Denkmal. Denn wann immer einem Passanten auffällt, dass er gerade vor einer der in den Bürgersteig eingelassenen, zehn mal zehn Zentimeter kleinen Messingplaketten steht, tritt beinahe reflexartig Interesse ein: Man liest den Namen auf dem Schild, der stets durch das Geburtsjahr, meist ein Deportationsdatum und in vielen Fällen ein Todesdatum ergänzt wird. So konkret kann Erinnerung sein.

Allerdings nur, wenn die Messingplaketten auch gepflegt werden. Zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome hat Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) die Berliner aufgerufen, sich um die Stolpersteine zu kümmern – und ist gleich mit gutem Beispiel vorangegangen: In der Passauer und der Marburger Straße hat er mit prominenter Unterstützung die Erinnerungsschilder poliert. Mit dabei war die 92-jährige Zeitzeugin Margot Friedländer, die 1943/44 in Berlin untergetaucht war und danach das Durchgangslager Theresienstadt überlebt hatte. Außerdem putzten der TV-Moderator Günther Jauch, die Sänger Klaus Hoffmann und Max Raabe sowie der langjährige Präsident des Abgeordnetenhauses, Walter Momper.

Die Stolpersteine, die auf eine Idee des Kölner Künstlers Gunter Demnig zurückgehen, werden auf Initiative von Bürgern hin verlegt. Meist, aber nicht nur für im Nationalsozialismus diskriminierte Juden – der 5000. in Berlin einzementierte Stolperstein erinnert zum Beispiel seit Juni diesen Jahres an den behinderten Jungen Paul Höhlmann, der im August 1942 im Alter von 14 Jahren ermordet wurde.

>> Das Novemberpogrom 1938 - Die Berlin-Karte

Stolpersteine werden grundsätzlich vor die Eingänge jener Häuser verlegt, in denen die Menschen ihren letzten selbst gewählten Wohnort hatten. Ab Ende der 30er-Jahre wurden viele Juden gezwungen, ihre Wohnungen aufzugeben. Sie mussten unter meist extrem beengten Verhältnissen mit anderen in sogenannten Judenhäusern zusammenzuziehen. Von hier aus deportierten die Behörden dann ab Oktober 1941 mehr als 50.000 Berliner Juden in Gettos oder Vernichtungslager meist im besetzten Polen oder in der Sowjetunion. Sehr viele von ihnen wurden gleich bei ihrer Ankunft ermordet, andere fielen innerhalb weniger Wochen den bewusst unerträglich gestalteten Lebensbedingungen zum Opfer.

Viele der mehr als 5000 Stolpersteine dokumentieren das Schicksal ganzer Familien, die ermordet wurden. Zum Beispiel die vier, die vor der Marburger Straße 16 an Leo Gluskinos, seine Frau Hedwig und die gemeinsamen Kinder Isabella Charlotte und Herbert Max erinnern. Alle vier wurden am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und am folgenden Tag in den Gaskammern ermordet. Schon vor André Schmitz und seiner bekannten Putzkolonne waren die ihnen gewidmeten Plaketten gereinigt und mit Blumen geschmückt worden. „Das ist beispielhaft“, sagte der Kulturstaatssekretär, der sich auch weiterhin das Engagement vieler Berliner wünscht, die Schicksale recherchieren und Stolpersteine spenden können, die Gunter Demnig dann oft selbst verlegt. Denn gegenwärtig erinnert nicht einmal an jeden zwölften aus rassischen oder politischen Gründen verfolgten Hauptstadtbewohner ein solches Messingplättchen.

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Vor dem Haus Marburger Straße 3 sind vier Stolpersteine in den Gehweg eingelassen. Sie erinnern an den 84-jährigen Hermann Frank, der den Freitod wählte, als der Deportationsbefehl kam, sowie an das Ehepaar Otto und Hertha Lefèvre mit ihrem noch nicht einmal achtjährigen Sohn Lutz. Alle drei wurden vom Bahnhof Grunewald aus „in den Osten“ deportiert und bei ihrer Ankunft im Vernichtungslager ermordet. „Auschwitz war auch die Stätte des größten Kindermordes“, stellte Björn Weigel fest, der für die Kulturprojekte Berlin das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ koordiniert hat. Es geht am heutigen Sonntag mit einem Bühnenprogramm am Brandenburger Tor zu Ende.

Schweigemarsch der Kirchen

Der evangelische Landesbischof Markus Dröge und der Berliner katholische Erzbischof Rainer Maria Woelki gedachten am Sonnabend mit einem dreistündigen Gedenkweg der Opfer der Novemberpogrome. An dem Schweigemarsch der Kirchen zum Gelände der zerstörten Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte beteiligte sich mehr als 1000 Berliner, unter ihnen der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Er hatte zuvor im jüdischen Gemeindehaus in Charlottenburg an einer Gedenkstunde und einer Kranzniederlegung für die Opfer nationalsozialistischen Terrors teilgenommen. Landesbischof Dröge sagte: „Wir gehen heute mit der Hoffnung durch die Straße, dass jüdisches Leben sich weiter lebendig in Deutschland ausbreitet.“

In Eberswalde in Brandenburg eröffnete Bundespräsident Joachim Gauck den Gedenkort „Wachsen mit Erinnerung“. Er warnte vor „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in unseren Tagen“. Die neue Gedenkstätte soll an eine von Nationalsozialisten zerstörte Synagoge und an die Opfer der Novemberpogrome 1938 erinnern. Das Mahnmal geht auf bürgerschaftliches Engagement zurück.