Atomstreit

Welche Folgen das Öl-Embargo gegen den Iran hat

Die EU macht Ernst im Atomstreit mit dem Iran und startet einen Öl-Boykott bisher einmaligen Ausmaßes. Das Embargo wird nicht ohne Folgen bleiben – weder für den Iran noch für Europa. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen zu den Sanktionen.

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Die Außenminister der Europäischen Union haben in Brüssel nach monatelangen, teilweise hitzigen Diskussionen ein umfassendes Importverbot für Öl aus dem Iran beschlossen. So soll das Land gezwungen werden, sein Atomprogramm zumindest überwachen zu lassen. Das Embargo wird nicht ohne Folgen bleiben – weder für den Iran noch für Europa. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen zu den Sanktionen, die vom 1. Juli an gelten sollen.

Werden jetzt Öl und Benzin teurer?

Experten erwarten, dass die Preise für Öl und Benzin von Mai an um bis zu zehn Dollar pro Fass (159 Liter, Nordsee-Sorte Brent) steigen dürften. Dabei ist der Preis derzeit mit 110 Dollar pro Fass schon recht hoch. Josef Auer, Ölspezialist bei Deutsche Bank Research, sagte: „Ich denke, dass der Liter Benzin an den Zapfsäulen auf mittlere Sicht um bis zu zehn Cent teurer werden kann durch das Embargo.“ Sollte dann auch noch wegen der anhaltenden Krise in Europa der Euro im Verhältnis zum Dollar fallen, dürften die Benzinpreise im Herbst noch um deutlich mehr als zehn Cent steigen.

Droht eine Ölknappheit?

Eine echte Ölknappheit ist nach jetzigem Stand nicht zu erwarten, zumal die Europäer vorerst über genügend Ölreserven verfügen. Der erwartete Preisanstieg beim Öl ist vor allem eine „Schreckensprämie“, die durch neue Unsicherheiten am Ölmarkt entsteht. Dämpfend auf den Preisanstieg könnte die Rezession in vielen Euro-Ländern wirken. Hilfreich ist aber auch, dass der europäische Importstopp für iranisches Öl erst von Juli an gilt. Denn dann ist die Heizperiode in Europa erst einmal vorüber und die Ölnachfrage nicht mehr so stark wie im Winter.

Wie wichtig ist iranisches Öl für die Europäische Union?

Insgesamt ist die Abhängigkeit eher gering. Nur 5,8 Prozent der europäischen Ölimporte kommen aus dem Iran, der Iran ist der fünftgrößte Öllieferant der EU. Allerdings sind die EU-Staaten sehr unterschiedlich auf iranisches Öl angewiesen. Während Deutschland, Frankreich und Großbritannien kaum Öl aus dem Iran beziehen und darum für eine harte Gangart gegenüber Teheran warben, hat Griechenland zuletzt mehr als die Hälfte seines Öls aus dem Iran bezogen – zu relativ günstigen Preisen.

Für das Pleiteland Griechenland wird Öl jetzt auf jeden Fall teurer, das Land leidet von allen EU-Ländern mit Abstand am meisten unter dem Embargo. Bei der Suche nach Ersatz für iranisches Öl werden viele Ölhändler zögern, mit dem bankrotten Griechenland Geschäfte zu machen. Dennoch ist zu erwarten, dass osteuropäische Länder einspringen werden. Zudem könnte über „Graumärkte“ noch Öl aus dem Iran nach Griechenland gelangen.

Wer springt für den Iran ein?

Experten schätzen, dass Saudi-Arabien die Lieferlücken füllt. Das Land fördert schon heute knapp über neun Millionen Fass am Tag, was sehr viel ist, aber es gibt noch Kapazitäten. Die Saudis werden allerdings versuchen, möglichst zusätzliches Öl zu liefern. Das Land hat einerseits Interesse daran, dass der Konflikt in der Region nicht weiter eskaliert. Auf der anderen Seite will das Land die Beziehungen zum Iran nicht weiter strapazieren.

Wie wird das Regime im Iran auf die neuen Ölsanktionen reagieren?

Das ist ungewiss. Das Kalkül der EU ist, dass die Sanktionen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad dazu bewegen, bei den Gesprächen über das iranische Atomprogramm einzulenken. „Ich will, dass der Druck dieser Sanktionen zu Verhandlungen führt“, sagte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. Ob das gelingt, ist völlig offen.

Es kann genauso gut sein, dass die iranische Regierung jetzt noch weniger bereit ist, über das Atomprogramm zu verhandeln, und sich insgesamt aggressiver gegenüber dem Westen verhält. Die iranische Regierung wird den Importstopp für Öl so interpretieren, dass die EU auf einen Regimewechsel in Teheran abzielt – zumindest kurzfristig dürften die Beziehungen darum noch eisiger werden. Die Drohung Teherans, die für die weltweiten Öllieferungen wichtige Straße von Hormus zu blockieren, würde sich aber wohl nicht vollständig umsetzen lassen, weil Teheran dazu nicht in der Lage ist.

Welche Folgen wird das Öl-Embargo für den Iran haben?

Je nach Dauer und Intensität kann es dem Land einen großen Schaden zufügen. Schon die bestehenden Sanktionen, die bestimmten iranischen Unternehmen untersagen, Geschäfte mit der EU zu machen, haben seit 2007 zur Unterentwicklung des Iran beigetragen. Das Öl-Embargo bedeutet nicht nur eine neue Eskalationsstufe, sondern auch eine neue Qualität von Sanktionen, die weit mehr sind als unangenehme Nadelstiche. Der Iran verkauft derzeit knapp ein Fünftel seines Öls nach Europa, die EU ist nach China der größte Abnehmer. Die Devisen nutzt das Land, um den Kauf von Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Importgütern zu bezahlen.

Das wird jetzt deutlich schwerer. Mittelfristig dürften darum die Preise für Nahrungsmittel im Iran weiter ansteigen. Dabei lag die Inflation bei Lebensmitteln in den vergangenen Monaten schon bei rund 30 Prozent. Der Iran wird versuchen, auf Länder wie Armenien auszuweichen. Sollte das Embargo lange anhalten, könnten die fehlenden Deviseneinnahmen zu sozialen Unruhen führen, die das Regime destabilisieren könnten – mit ungewissen Folgen.