Bekenntnis

Sarah und Oskar - das Traumpaar der Linken

Oskar Lafontaine hat sein Schweigen über die Beziehung zu der Vizefraktions-Chefin der Linken gebrochen. Beim Parteitag in Saarbrücken stellte er Sahra Wagenknecht als neue Lebensgefährtin vor – strategisch ein guter Zeitpunkt.

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Oskar Lafontaine hat Sarah Wagenknecht am Samstag als seine neue Freundin vorgestellt.

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Nun also doch. Der ehemalige Linke-Chef Oskar Lafontaine und die einstige Wortführerin der ultralinken Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, stehen sich nicht nur politisch nahe. Sehr nahe. Zwei Jahre ist es her, da hatte Lafontaine das noch vehement dementieren lassen. Der Übervater der West-Linken und die schöne Betonkommunistin aus dem Osten – ein Paar? Alles nur eine Erfindung der Schmierfinken der „bösen bürgerlichen Presse“, behaupteten Lafontaines Sprecher damals. BBP, so nennt die Linke all jene Medien gern, die kritisch über sie berichten.

Jetzt hat sich Lafontaine selbst geoutet. Er hat dafür nicht zufällig das Saarland gewählt, seine Heimat und jene Region, in der der 68-Jährige eine Art Heiligenstatus genießt. Angebliche Ausflüge ins Rotlichtmilieu, die Einschüchterung der kritischen Presse per Landesgesetz oder Ehebrüche – dem langjährigen Landesvater wird hier alles verziehen.

Auf dem Landesparteitag der Linken im Saarland stellt Lafontaine die Genossen vor vollendete Tatsachen. Er habe einen Gast mitgebracht, sagt er am Ende seiner Rede und präsentiert den verblüfften Anwesenden Sahra Wagenknecht. „Ich lebe seit einiger Zeit getrennt und bin seit einiger Zeit mit Sahra eng befreundet“, sagt Lafontaine. Mehr gebe es dazu nicht sagen. Seine Nicht-mehr-ganz-so-Neue gab sich betont schmallippig: „Es ist alles gesagt.“

Bier trinkend im Wohnzimmer

Das sieht ihr Noch-Ehemann, der in Irland lebende Produzent Ralph Niemeyer, anders. Er veröffentlicht auf seiner Homepage eine ausführliche Erklärung. Darin verklärt er das Ende der Beziehung als einen Zustand reiner, universeller Liebe, „die es einschließt, dem anderen von ganzem Herzen das Beste zu wünschen, die Erfüllung zu finden, die dieser sucht“. Es habe auch keine Heimlichtuerei gegeben: „Wir hatten uns lediglich dazu entschlossen, die Öffentlichkeit nicht an unserem Privatleben über Gebühr teilhaben zu lassen.“ Beim Kurznachrichtendienst Twitter hat Niemeyer noch ein Foto stehen, das ihn lächelnd und Bier trinkend mit Wagenknecht im Arm im heimischen Wohnzimmer zeigt.

Lafontaine beendet monatelange Spekulationen. Der „Spiegel“ hatte im November 2009 ein Tabu gebrochen und über das Privatleben des ehemaligen SPD-Chefs spekuliert. „Die Kommunistin Sahra Wagenknecht, intime Kennerin von Lafontaines Positionen und nicht nur in Streikfragen mit ihm auf Augenhöhe, verlangt wie er regelmäßig französische Verhältnisse“, hieß es süffisant in einem Artikel, in dem es unter anderem um Lafontaines Forderung nach der Einführung eines Generalstreiks ging.

Später legte das Magazin noch einmal nach: Der Rückzug Lafontaines aus Berlin sei ein Zugeständnis an seine Frau Christa Müller, die ihn vor die Wahl gestellt habe: Wenn er weiter in Berlin bleibe, sei es Aus mit der Familie. Müller lebt mit dem gemeinsamen Sohn Carl-Maurice in Lafontaines Haus im Saarland.

Lafontaine lenkte ein, zog sich vom Partei- und Fraktionsvorsitz bei den Linken zurück, gab sein Bundestagsmandat auf und kehrte ganz ins Saarland zurück. Dann überraschte er mit der Nachricht von seiner Krebserkrankung. Die Gerüchte über seine Liaison mit Wagenknecht verstummten. Von Kranken soll man nur Gutes reden.

Vermutlich war der Rückzug ins Saarland nicht nur der Krankheit geschuldet. Es dürfte der letzte Versuch gewesen sein, die Ehe mit Christa Müller zu retten, mit der Lafontaine seit 1993 verheiratet ist. Die Ökonomin, wie Lafontaine erst Mitglied der SPD, später der Linken, hatte für ihren Mann und den gemeinsamen Sohn ihre Karriere aufgegeben. Zuletzt hatte sie 2007 als frauenpolitische Sprecherin der Saar-Linken mit ihrer Kritik am Ausbau der Krippenplätze („Zwang zur Fremdbetreuung“) die Linke-Frauen verärgert.

Wie es um die Ehe Müller-Lafontaine bestellt war, war schon länger nicht zu übersehen. Als Lafontaine im Sommer 2009 für das Amt des saarländischen Ministerpräsidenten kandidierte, begleitete ihn seine Frau bei einigen Terminen. Die Entfremdung zwischen beiden war spürbar; Müller gab sich wenig Mühe zu verbergen, wie mühsam sie die Rolle der stets lächelnden Politikergattin inzwischen fand.

Kühle Erotik

Mit Lafontaines überstandener Krankheit kehrte auch seine Sehnsucht nach der Macht zurück. Das Saarland, ein Land, in dem Lafontaine schon alles erreicht hat, was es zu erreichen gibt, konnte da auf Dauer nicht genügen. Immer wieder tauchte Lafontaine in Deus-ex-Machina-Manier bei Terminen der Bundespartei auf, mischte sich hinter den Kulissen in alle zentralen Entscheidungen ein. Parallel dazu begann der Aufstieg von Sahra Wagenknecht innerhalb der Linken.

Die 42-Jährige war nach einem Ausflug ins Europaparlament für die nordrhein-westfälische Linke in den Bundestag eingezogen, 2010 ließ sie sich zur Parteivizevorsitzenden wählen. Die studierte Philosophin, die mit kühler Erotik regelmäßig Genossen wie Gegner verwirrte, hat sich in den vergangenen Jahren vor allem der Finanzpolitik gewidmet – mit einer detailversessenen Leidenschaft, die sie mit Lafontaine teilt. Auch bei der Ausrichtung der Links-Partei als Fundamentalopposition wussten sich die beiden einig.

Bald waren auch die Gerüchte wieder da. So munkelte man am Rand des Parteitags der Linken in Erfurt Mitte Oktober, das Hotelbett von Wagenknecht sei unberührt geblieben. Dass sich Lafontaine nun selbst für den Schritt nach vorn entschieden hat, dürfte ein Versuch sein, den innerparteilichen Gegnern zuvorzukommen.

Strategisch ist der Zeitpunkt gut gewählt. Am vergangenen Dienstag ist Wagenknecht zur Vizefraktionschefin gewählt worden. Wäre das Verhältnis schon früher offiziell geworden, hätte sie das wohl einige Stimmen gekostet. Jetzt aber ist es nicht mehr lange bis Weihnachten. Zeit genug, damit sich die Stimmung in der Partei angesichts der Enthüllung wieder beruhigt. Bis Mitte kommenden Jahres muss eine neue Parteispitze gewählt worden. Viel spricht derzeit dafür, dass Sahra Wagenknecht kandidieren wird. Sie selbst dementiert noch. Auch das Verhältnis zu Lafontaine hatte sie einst dementiert.

In der Linken ist vielen klar, dass sich Lafontaine die Kombination Wagenknecht und den Reformer Stefan Liebich an die Parteispitze wünscht. Mit Wagenknecht als Gewährsfrau in der Linke-Führung kann er in Ruhe seine endgültige Rückkehr nach Berlin vorbereiten und bei der Bundestagswahl 2013 als Spitzenkandidat der Linken ins Rennen gehen. Selten war das Private zugleich auch so politisch wie im Falle des Gespanns Wagenknecht und Lafontaine. Der hat die Aufgabe, in der Linken den Generationswechsel aktiv vorzubereiten, offenbar sehr wörtlich genommen.