Spendenflut

Christliche Hilfswerke profitieren von Katastrophen

Die Deutschen spenden gern für Menschen in Not. Besonders beliebt sind Kinderpatenschaften. Dafür gehen Einnahmen aus Kollekten dramatisch zurück.

Foto: picture alliance / dpa / dpa

Martin Bröckelmann-Simon kann zufrieden sein, sehr sogar. Misereor nimmt in diesem Jahr voraussichtlich fast 17 Prozent mehr Spenden ein als im Vorjahr, "trotz der Turbulenzen, in denen die katholische Kirche in diesem Jahr steckte“, sagt der Geschäftsführer des kirchlichen Hilfswerks. "Die Unterstützung, die wir erfahren, ist ungebrochen.“ Bei Brot für die Welt, dem Hilfswerk der evangelischen Kirche, sind die Zahlen in den Tagen vor Weihnachten ähnlich gut. Beide Organisationen profitieren von der Infrastruktur ihrer Träger – und der wieder gestiegenen Spendenbereitschaft der Deutschen. 2010, so erwartet das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), wird deutlich mehr gespendet als noch 2009, als rund 2,1 Milliarden Euro an karitative Organisationen gingen.

Der vom DZI herausgegebene Spenden-Almanach zeigt gleichzeitig, dass die etablierten Organisationen sich gegenüber einer wachsenden Konkurrenz behaupten müssen. „Die Zahl der Organisationen nimmt immer weiter zu“, sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des DZI. Dazu kommt, dass inzwischen auch Einrichtungen vermehrt um Spenden bitten, die bisher eher durch öffentliche Mittel finanziert wurden. „Schulen in freier Trägerschaft, Kitas, Stiftungen – sie müssen alle Mittel von Privatleuten einwerben“, sagt Wilke.

Kinderpatenschaften im Trend

Ganz beliebt sind derzeit Kinderpatenschaften: Laut Spenden-Almanach stiegen die Einnahmen zum Beispiel von Plan International Deutschland zwischen 2002 bis 2009 um 125 Prozent auf 85 Millionen Euro. Das christliche Hilfswerk World Vision verdoppelte seine Spenden im Berichtszeitraum auf 62 Millionen Euro. Der Kindernothilfe und der Christoffel-Blindenmission gelangen Steigerungen von mehr als zehn Prozent. „Vordergründig sind diese Patenschaften sehr populär“, weiß DZI-Geschäftsführer Wilke. Sie geben der Hilfe ein Gesicht. Dazu passt, dass immer mehr Spender ihr Geld gezielt an ein bestimmtes Projekt geben. Der Grund: Der Wunsch nach Nachvollziehbarkeit ist in den vergangenen Jahren größer geworden. „Die Menschen wollen den Eindruck haben, dass sie wissen, wer von ihrem Geld profitiert“, so Wilke. Gebundene Spenden verschlingen aber im Regelfall deutlich mehr Verwaltungskosten als ungebundene.

Spender wünschen sich mehr Nachvollziehbarkeit

Martin Bröckelmann-Simon von Misereor kennt auch den gestiegenen Bedarf an Nachvollziehbarkeit. Die Organisation, die aber lieber mit ungebundenen Spenden arbeitet, hat deshalb eine Datenbank von rund 1000 Gutachtern, die einmal im Jahr die Projekte des Hilfswerkes bewerten. „Wir reden da ganz offen über Misserfolge“, sagt der Geschäftsführer. 6,6 Prozent der Einnahmen gehen in Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit, ein guter Schnitt, wenn man die Bewertungskriterien des DZI zugrunde legt. Bis zu 35 Prozent Verwaltungsausgaben hält das Institut für vertretbar. Durchschnittlich werden 14 Prozent für Verwaltung ausgegeben. „Wenn die Organisationen erklären können, wofür sie das Geld brauchen, haben die Spender in der Regel viel Verständnis dafür“, betont DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke.

Organisationen brauchen auch ungebundene Spenden

Brot für die Welt hat seit Jahren einen Verwaltungskostenanteil von rund zwölf Prozent. „Wir weisen verstärkt darauf hin, dass wir auch ungebundene Spenden brauchen“, erläutert Sprecher Rainer Lang. Zum Beispiel für Bürgerkriegsgebiete, die in den Medien nur selten Erwähnung finden. „Da ist es immer sehr schwer, die Mittel zu organisieren, die gerade gebraucht werden.“ Auch Brot für die Welt stellt einen zunehmenden Wettbewerb fest. „Die Situation auf dem Spendenmarkt ist nicht mehr so überschaubar“, sagt Lang.

Misereor und Brot für die Welt können beide auf die Gemeinden vor Ort zurückgreifen. Das spart an vielen Stellen Geld, weil Strukturen nicht extra aufgebaut werden müssen. Formen wie die Kollekte nach dem Gottesdienst funktionierten jedoch immer weniger. Das ist verständlich, schließlich nimmt die Zahl der Kirchgänger seit Jahren ab.

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