Es ist ein Besuch tief im Osten von Berlin, in Köpenick, wo Einfamilienhaussiedlungen das Bild bestimmen und die Liberalen noch punkten können. Wenn nicht dort, wo sonst im Osten, wo die Linke so stark ist? FDP-Generalsekretär Christian Lindner ist in das italienische Restaurant „Al Dente“ an der Mahlsdorfer Straße gekommen. Als Aufbauhelfer und Mutmacher für die Berliner Parteifreunde und Parlamentarier. Viele sorgen sich um den Zustand ihrer FDP. Die Partei, die bei der vergangenen Abgeordnetenhauswahl noch 104.584 Wähler und damit 7,6 Prozent erreichte, droht im Sog der bundespolitischen Werte in die Bedeutungslosigkeit abzustürzen. Der Einzug ins nächste Abgeordnetenhaus ist ungewiss.

Problem der Bekanntheit

„Früher“, versucht Lindner Hoffnung zu verbreiten, „gab es auch Umfragen, in denen sich die Berliner vom Bundestrend lösen konnten.“ Nur bedürfe es dazu viel Arbeit und einer eingehenden Analyse der Ausgangsposition. Für sie findet Lindner ein Bild aus der Welt der Jäger. Der Wähler der FDP „sei wie ein scheues Reh“, das viel Zutrauen brauche, „bis es auf die Lichtung kommt“. Fiele dann ein Schuss oder knacke ein Ast, sei es schnell fort. Die Lichtung ist im Moment wahrlich leer. In Umfragen kommt die Berliner FDP auf lediglich drei Prozent. Ein Wert, den Demoskopen in ihren Statistiken unter „Sonstige“ verbuchen. Vorbei die Zeit, da ein charismatischer Günter Rexrodt als Spitzenkandidat seiner Partei ein Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde fast garantieren konnte. Heute ist Christoph Meyer Fraktionschef – und kaum bekannt.

Früher, als die Partei noch nicht durch die Regierungsverantwortung im Bund gebeutelt war, galt die Gesetzmäßigkeit im bürgerlichen Lager: Ist die CDU in Berlin schwach – und das war sie über viele Jahre –, ist die FDP stark. Die Liberalen profitierten von einer zerstrittenen CDU. Doch in diesen Tagen, neun Monate vor der Abgeordnetenhauswahl, haben viele Wähler den angestammten bürgerlichen Parteien den Rücken gekehrt.

Im historischen Vergleich erreichen CDU und FDP zurzeit denkbar schlechte Werte, und es ist nicht absehbar, wann sich dies ändern könnte. Die CDU verharrt bei etwas mehr als 20 Prozent. Ihr Führungspersonal ist in weiten Teilen der Bevölkerung ähnlich unbekannt wie das der FDP. Wen wundert’s, dass die Wähler in Scharen zu den Grünen überlaufen, die sich in der Hauptstadt umfragetechnisch in einem Höhenflug von beinahe 30 Prozent befinden und mit Renate Künast eine bundesweit bekannte Bundespolitikerin mit politischen Wurzeln in Berlin als Spitzenkandidatin aufgestellt haben?

Thomas Philipp Reiter will die Misere verstehen. Seit einem Jahr ist der Unternehmer, der 24 Jahre bei den Christdemokraten war, Mitglied der Liberalen. Nun sitzt Reiter bei Lindner in dem Italiener in der Mahlsdorfer Straße. „Politik zum Dessert“ heißt die Diskussionsveranstaltung, zu der der FDP-Mann Sebastian Czaja geladen hat. „Wo sind unsere Wähler geblieben?“, will Reiter wissen. Doch viel mehr als Allgemeinheiten hat Generalsekretär Lindner nicht zu sagen. Die Partei müsse „kämpfen“ und „nicht dem Mainstream hinterherlaufen“.

Mainstream verschafft ohnedies keine Aufmerksamkeit, das hat die Berliner FDP gerade lernen müssen. Sie verfasste ein Integrationspapier, gespickt mit harten, aber populären Forderungen, die zum Teil direkt dem Buch Thilo Sarrazins entnommen schienen. Doch es gab kaum Resonanz. Die Aktion verpuffte.

Das Aufmerksamkeitsdefizit, mit dem sich Berlins Liberale konfrontiert sehen, scheint momentan kaum auflösbar, zumal der alte Verbündete, die CDU, die Liberalen als wertvollen Koalitionspartner abgeschrieben hat und seit Monaten um die Gunst der Grünen buhlt. Dass in Hamburg jüngst genau dies scheiterte, interessiert nicht. Für die Union sind die Grünen in Berlin der Schlüssel zur Macht. Deswegen will auch CDU-Partei- und Fraktionschef Frank Henkel die Tür für Grün-Schwarz in Berlin offenhalten. Das ist die Strategie, die nach dem Wahltag aufgehen soll. Vor dem 18. September will sich die CDU als bürgerliches Korrektiv präsentieren. Auf der einen Seite die Union, auf der anderen „das große linke Lager“, zu dem die Union trotz schwarz-grüner Gedankenspiele auch Teile der Grünen zählt.

Jetzt ist Wahlkampfzeit. Da muss man erst einmal für sich selbst sorgen. In der Berliner CDU werden da auch mal deftige Worte gewählt. So kursierte nach dem Aus der Hamburger CDU-Grünen-Koalition in Berlin eine SMS, in der die Grünen-Spitze als „Ayatollah Trittin und Renate Ich-sage-euch-wie-ihr-leben-müsst-Künast“ bezeichnet wurde.

Spitzenkandidat im Januar

Im Januar will Berlins CDU ihren Spitzenkandidaten präsentieren. Es wird Frank Henkel sein. An dem Fraktions- und Parteichef, der zuvor als innenpolitischer Sprecher durch eine zugespitzte Wortwahl auffiel, kommt keiner vorbei. Henkel „als Berliner für die Berliner“ – das soll Stimmen bringen. So tourt er durch die Bezirke, zeigt sich bürgernah, ob in einer Einrichtung der Freien Universität in Dahlem oder beim Besuch einer Seniorenfreizeitstätte in Steglitz.

Weil aber die Umfragewerte nicht steigen, testet die Union nun Themen, mit denen sie punkten will, etwa die „Deutschenfeindlichkeit“ an Schulen. Henkel nahm das Thema auf. Im Abgeordnetenhaus sagte er: „Klar muss sein: Rassismus und Intoleranz haben an unseren Schulen nichts verloren, ob es gegen Einheimische oder gegen Zuwanderer geht, und da gibt es für uns als Union überhaupt keinen Kompromiss. Genauso wie wir es inakzeptabel finden, wenn ein dunkelhäutiger Mann nachts im Weitlingkiez Angst haben muss, so finden wir es unerträglich, wenn ein blondes deutsches Mädchen an einer Neuköllner Schule zur Hure degradiert wird.“ Wohlkalkulierte Worte, um konservative Stammwähler zu gewinnen. Noch sucht die Union nach dem Thema, mit dem man im Duell Künast gegen Wowereit bestehen kann. Der Stresstest für das bürgerliche Lager beginnt im nächsten Frühjahr.