Offene Schlachten

Libyen droht ein langer Bürgerkrieg

Was mit Demonstrationen begann, wird nun in offenen Schlachten ausgetragen. Im Westen wägt man nun die Risiken eines Flugverbots ab.

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Sicher ist: Die Taktik des libyschen Regimes bestand am Wochenende vor allem darin, Erfolge zu verkünden. Ob dies dem Chaos geschuldet war oder ein bewusster Versuch, den Gegner zu demoralisieren, blieb jedoch unklar. Regierungssprecher berichteten von Erfolgen. Gaddafi beklagte sich über mangelnde Unterstützung aus dem Ausland. Er kämpfe gegen den Terrorismus, sagte der seit über 40 Jahren herrschende Staatschef. Die EU entsandte eine Delegation nach Tripolis, um sich über die Lage der Bevölkerung zu informieren.

Gaddafi-treuen Soldaten gelang es am Sonntag, die Aufständischen aus Bin Dschawad zurückzudrängen. Die Stadt liegt zwischen Ras Lanuf und Gaddafis Heimatstadt Sirte. Soldaten hätten mit Maschinengewehren und Panzerfäusten angegriffen, berichteten Oppositionelle. Einige Rebellen seien von Scharfschützen getroffen worden. Klinikärzte in Ras Lanuf berichteten von zwei Toten und 22 Verletzten, mehrere davon schwer. Ein französischer Fotograf erlitt eine Schussverletzung am Bein. Rebellen schossen nach eigener Darstellung einen Hubschrauber von Gaddafi-Truppen im Osten des Landes ab.

Heftige Kämpfe gab es auch im Westen des Landes. Rebellen sprachen von einem erneuten Angriff von Gaddafi-Truppen auf die Stadt Sawija, die etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt ist. Um die Stadt wird seit Tagen gekämpft. Nach Angaben von Ärzten gab es am Freitag und Samstag viele Tote. Unklar war zunächst die Ursache für schweres Maschinengewehrfeuer in Tripolis. Nach Darstellung der Regierung wurde damit die Rückeroberung mehrerer Städte gefeiert. Ein Regierungssprecher erklärte, die Armee sei dabei, auch die Stadt Bengasi zurückzuerobern. Der Ort, wo die Proteste gegen Gaddafi ihren Anfang nahmen, war am Sonntag jedoch weiter in der Hand von Rebellen. Im Staatsfernsehen wurde angekündigt, zur Feier von Erfolgen im Kampf gegen Rebellen würden Zölle auf importierte Grundnahrungsmittel sowie Verbrauchs- und Produktionssteuern abgeschafft.

Gaddafi spricht von "Kampf gegen Extremisten"

Gaddafi führt nach eigener Darstellung in seinem Land einen Kampf gegen Extremisten. „Ich bin überrascht, dass niemand versteht, dass das ein Kampf gegen den Terrorismus ist“, sagte er der französischen Zeitung „Journal du Dimanche“. „Unsere Sicherheitsdienste arbeiten zusammen. Wir haben Euch in den vergangenen Jahren so sehr unterstützt“, sagte er. Er frage sich, warum ihm niemand beim Kampf gegen den Terrorismus helfe.

Aus Kreisen der Aufständischen verlautete, dass mehrere Angehörige von britischen Spezialkräften im Osten des Landes gefangengenommen worden seien. Man habe nicht feststellen können, ob es sich um Freunde oder Feinde gehandelt habe. Die Lage werde bald geklärt sein. Der britische Verteidigungsminister Liam Fox bestätigte nur, dass sich eine kleine diplomatische Gruppe aus Großbritannien in Benghasi aufhalte. Man stehe mit ihnen in Kontakt. Der Zeitung „Sunday Times“ zufolge handelt es sich um acht Mitglieder des Special Air Service, die einen britischen Diplomaten begleitet hätten. Oppositionelle seien über den Einsatz verärgert, weil Gaddafi dies als Intervention des Westens darstellen könnte.

Die USA stehen unter Druck

Selten hat Barack Obama so lange gezögert und gezaudert. Es dauerte Wochen, bis der US-Präsident öffentlich wenigstens den Abgang von Machthaber Muammar al-Gaddafi forderte. Doch noch immer haben die USA das Heft des Handelns nicht in die Hand genommen. Scheinbar hilflos schaut die „Weltmacht Number One“ dem Gemetzel in Libyen zu. Zwar heißt es offiziell: Alle Optionen sind offen. Doch in Wahrheit sind die Möglichkeiten beschränkt – Libyen gilt US-Militärs als riskantes Pflaster.

Vor allem die erbitterten Kämpfe um die Stadt Sawija, wo Gaddafi-Einheiten mit schweren Waffen vorgehen, setzen die USA weiter unter Druck. Der Präsident sei entsetzt, berichtet der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney. Dreimal täglich lasse Obama sich jetzt von seinen Experten über die Lage informieren – ein klares Zeichen, wie ernst der „Commander-in-Chief“ die Lage nimmt. „Wir nehmen keine Option vom Tisch“, betont Carney – ohne jedoch zu sagen, um welche Alternativen es sich tatsächlich handelt.

Doch eines wird immer deutlicher: Der Druck für die Weltmacht USA zu handeln, nimmt zu, je blutiger und grausamer der Kampf in Libyen wird. So warnt denn die „Washington Post“ angesichts der Schlacht um Sawija: „Der Einsatz für Washington erhöht sich.“ Die Frage ist: Wie lange können die USA weiterhin tatenlos zuschauen? Schon gibt es Berichte über Massaker in der Stadt im Nordwesten Libyens. Doch die Militärs sind skeptisch, spielen auf Zeit, wiegeln ab. „Es gibt ehrlich gesagt, eine Menge loses Gerede über einige dieser militärischen Optionen“, bremste Verteidigungsminister Robert Gates in ungewöhnlich ungeschminkter Manier. Vor allem die immer wieder ins Spiel gebrachte Möglichkeit einer Flugverbotszone irritiert den Minister – die Sache sei riskant und gefährlich, es handele sich um Krieg.

Auch innerhalb der Nato, heißt es, gebe es bei einigen Mitgliedern Zweifel – was die Möglichkeiten der USA einschränken würde, Luftangriffe etwa aus Italien auf libysche Ziele zu fliegen. „Lasst uns die Sache beim Namen nennen", meinte Gates kürzlich vor einem Kongressausschuss. „Eine Flugverbotszone beginnt mit einem Angriff auf Libyen, um die Flugabwehr zu zerstören.“ Konkret: US-Kampfjets müssten die libysche Luftwaffe sowie alle Flugabwehrraketen ausschalten.