Gewalttätige Söldner

Gaddafis Milizen sind eine Parallelmacht in Libyen

Der Umsturz in Libyen folgt anderen Regeln als in den Nachbarländern. Ein Grund dafür sind Gaddafis ausländische Söldner.

Es wird eng für Gaddafi in Libyen. Selbst einstige Vertraute und Diplomaten haben dem Oberst mittlerweile den Rücken gekehrt. Bedingungslose Treue halten Muammar al-Gaddafi nun offenbar vor allem noch ausländische Söldner. Rekrutiert hat der Oberst diese unter anderem aus afrikanischen Ländern, die ihm aus unterschiedlichsten Gründen verbunden sind. „Gaddafi setzt schon seit langer Zeit Söldner ein und lässt zahlreichen Rebellenorganisationen in Westafrika finanzielle Unterstützung zukommen und sie militärisch ausbilden“, sagt Paul Sullivan von der Georgetown Universität, der auch an der Hochschule des US-Verteidigungsministeriums unterrichtet.

Es sei nicht davon auszugehen, dass die Kämpfer, die Gaddafi gegen sein eigenes Volk einsetzt, erst seit Kurzem seinem Befehl gehorchen. Viel mehr habe der libysche Herrscher die Söldner bereits in den 70-er und 80-er Jahren in sein Land geholt. Die jungen Männer rekrutierten sich zu einem beträchtlichen Teil aus Stämmen in Mali und Niger. „Derzeit sind rund 16.000 Mitglieder der Tuareg Teil der libyschen Streitkräfte, die in der Hauptstadt Tripolis und der westlibyschen Stadt Sabja die bröckelnde Machtbasis Gaddafis sichern“, erklärte der libysche Politiker Ibrahim Mohammed Assaleh der Nachrichtenagentur dapd.

Gaddafi hielt Libyens Armee absichtlich schwach

Unterdessen bewaffnen sich die Aufständischen in Libyen weiter, um Angriffe der paramilitärischen Milizen abzuwehren. Der arabische TV-Sender al-Dschasira zeigte Bilder aus einer Kaserne im Osten Libyens, auf denen zu sehen war, wie Zivilisten Kisten mit Munition öffnen und Luftabwehrgeschütze in Stellung bringen. Die Lage in Libyen spitzt sich weiter zu, eine Konfrontation zwischen Gaddafis Milizen und der sich bewaffnenden Demonstranten zeichnet sich ab. Während zahlreiche Kommentatoren vom Domino-Effekt des Umsturzes im Nahen Osten sprechen, scheint die Revolte in Libyen anderen Regeln zu folgen als in Tunesien oder Ägypten. Umso spannender also die Frage nach den Gründen. Eine entscheidende Antwort liefert der Blick darauf, wer in Libyen über die Macht der Gewehre verfügt.

Als die Herrschaft der Despoten in Tunesien und Ägypten in Frage gestellt wurde, glitten die Staaten zunächst nicht ins Chaos ab. Die Demonstranten gingen auf die Straße, es kam zu Gewaltausbrüchen und Menschen starben. Die Waffen allerdings verblieben in den Händen des Militärs, das sich im Verlauf der Ereignisse vom jeweiligen Regime ab und hinter die Demonstranten stellte. Sowohl in Ägypten als auch in Tunesien suchte die Armee die Eskalation zu vermeiden.

Ganz anders gestaltet sich die Situation in Libyen: Hier hat Muammar al-Gaddafi in den vier Jahrzehnten seiner Herrschaft alles daran gesetzt, die Armee im Land schwach zu halten. Die Revolte in Libyen sorgt nun sogar dafür, dass die reguläre Armee komplett zusammenbricht. „Das ist von Gaddafi für den Fall der Fälle genauso vorausgeplant gewesen“, glaubt Robert Haddick, ein Kommentator des US-Magazins Foreign Policy. Die wahre Militärmacht im Land liegt bei Gaddafis Milizen, die er über Jahre als Parallelmacht aufgebaut hatte und die ihm jetzt die Treue halten.

Augenzeugen: Afrikanische Söldner töten Hunderte

Genau das legt auch eine aktuelle Studie des amerikanischen Center for Strategic Studies nahe. Der Think Tank beschäftigt sich mit Militärstatistik in Nordafrika und kommt zum eindeutigen Schluss: Der Zustand der regulären libyschen Armee sei erbärmlich. Die Schlagkraft des aus rund 50.000 Mann bestehenden Heeres sei quasi nicht existent, das Verhältnis von Waffen und Heeresstärke beschreibt die Studie als „militärisch absurd“. Gaddafi habe den Aufbau einer einsatzfähigen Armee ganz bewusst vermieden, um keine Institution zu schaffen, die seiner Herrschaft gefährlich werden könnte. Der libysche Führer habe erkannt, dass seiner Herrschaft die größte Gefahr nicht von außen, sondern von inneren Oppositionskräften drohe. „Deshalb setzt Gaddafi auch auf ausländische Söldner, denn diese zögern nicht davor, auf Libyer zu schießen“, meint Robert Haddick von Foreign Policy.

Augenzeugenberichte bestätigen diese Einschätzung, wonach afrikanische Söldnern für den Tod von Hunderten von Libyern in den vergangenen Tagen verantwortlich seien. Die Gründe für die Loyalität der ausländischen Kämpfer folgten einem uralten, einfachen Prinzip, wonach eine Hand die andere wäscht. Das jedenfalls vermutet der französische Nordafrika-Experte Roland Marchal vom Pariser Institut für politische Studien. Er glaubt, dass einige der von Gaddafi unterstützen Rebellenorganisationen nun das Gefühl hätten, dass sie dem angeschlagenen Potentaten einen Gefallen schuldeten. Insbesondere jetzt, da der Unterstützerkreis für Gaddafi zusehends schwindet.