Libyen

Angst vor Söldnern, Hatz auf Schwarze

Sind die Berichte über afrikanische Miet-Soldaten nur Gerüchte? Auch Soldaten aus Südlibyen sind dunkelhäutig. Trotzdem werden Schwarze verfolgt.

Foto: AP / AP/DAPD

Seit dem Beginn des Aufstands gegen Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi und dessen brutalen Militärschlägen gegen die eigene Bevölkerung hört man allenthalben Geschichten über schwarzafrikanische Söldner. Sie beschäftigen auch die internationalen Medien, scheinen sie doch die Skrupellosigkeit des Diktators in der Wahl der Mittel gegen sein Volk noch zu unterstreichen. Aber die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), die mehrere Ermittler in das Konfliktgebiet geschickt hat, ist skeptisch.

„Wir haben die Berichte über afrikanische Söldner nachrecherchiert, und die meisten davon haben sich als unwahr herausgestellt“, sagt Peter Bouckaert, Leiter Kriseneinsätze bei HRW. Er hat jetzt in der von Rebellen eroberten Stadt Bengasi Quartier genommen. „Nach den Kämpfen um Baida wurden dort 164 Menschen von den Aufständischen festgenommen, doch bei 160 von ihnen handelte es in Wahrheit um dunkelhäutige Regierungssoldaten aus dem Süden Libyens. Vier stammten ursprünglich aus dem Nachbarland Tschad, aber sie waren nicht als Söldner rekrutiert worden.“

Gaddafi holte viele Gastarbeiter

Zu fünf Afrikanern, die nahe der umkämpften Stadt Brega gefangen genommen und von der Bevölkerung beinahe gelyncht worden wären, versucht HRW noch Kontakt aufzunehmen. Es ist ein Fall wie viele im Libyen dieser Tage, denn die Berichte von rücksichtslosen Söldnern verstören die Libyer im Kampf gegen ihren seit 41 Jahren regierenden Diktator. Doch wer oder was ein Söldner ist, lässt sich gar nicht genau bestimmen, sagt Mustafa Gheriani, der die Medienkontakte der oppositionellen Übergangsregierung in Bengasi koordiniert.

„Gaddafi hat absichtlich viele Gastarbeiter nach Libyen geholt, um die Bevölkerung zu durchmischen – weil es viel schwieriger ist, ein Volk zu regieren, das einig ist“, sagt er. „Millionen von Ausländern haben hier eine Staatsbürgerschaft zweiter Klasse bekommen. Aber wenn jemand in dieses Land kommt und die gleichen Rechte bekommt wie ein Libyer und auch eine Waffe dazu, dann ist das etwas anderes. Söldner gibt es in verschiedener Form.“ Die Definition der Hilfsorganisation, nach der Regierungssoldaten afrikanischen Ursprungs keine Söldner sind, akzeptiert er also nicht. Das dürfte nur kaum jemand in der westlichen Öffentlichkeit auf den ersten Blick verstehen.

Nach Informationen des HRW-Mannes Bouckaert gibt es aber auch Hinweise darauf, dass einige tschadische Soldaten nach Tripolis geflogen wurden, doch dafür gibt es keine Bestätigung. Gaddafi hat nicht nur zum Militärregime des bitterarmen Nachbarn im Süden Beziehungen, sondern auch zur dortigen Opposition. Zusätzlich hat er in den vergangenen Jahren seine Beziehungen zu den Milizen in der sudanesischen Unruheprovinz Darfur gepflegt. Auch von dort könnte er also Kämpfer beziehen. Dennoch unterstreicht Bouckaert: „Die Behauptungen vom Einsatz afrikanischer Söldner jedenfalls im Osten des Landes sind widerlegt.“ Und, so fügt er hinzu: „Ich glaube, viele der Gerüchte über Söldner und die Tausenden von Dollar, die sie bekommen, die Befehle, Frauen zu vergewaltigen, sind Produkte einer überdrehten Vorstellungskraft.“

Afrikaner dürfen nicht an Bord

Unabhängig davon, ob Gaddafi wirklich schwarzafrikanische Söldner einsetzt oder nicht – die Libyer glauben das jedenfalls. Deshalb wurden afrikanische Einwanderer, die in Libyen leben und arbeiten und mit Gaddafi nichts am Hut haben, in den vergangenen Wochen nur aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe Opfer von Misshandlungen. Tausende Schwarzafrikaner leben jetzt in Flüchtlingslagern nahe dem Hafen von Bengasi, wo auch andere Gastarbeiter auf ihre Ausreise warten.

Doch den Schwarzen will offenbar niemand helfen: Schiffe sind eingetroffen, die Europäer, Amerikaner, Chinesen mitnehmen, auch Marokkaner, Tunesier, Türken und Syrer, doch Afrikaner dürfen meistens nicht an Bord. Die Mannschaften haben strikten Befehl, nur Bürger bestimmter Länder an Bord zu lassen, und haben Afrikaner gewaltsam entfernt, die heimlich aufs Schiff gekommen waren. An der Grenze zu Tunesien, im Westen des Landes, versucht die Internationale Organisation für Migration jetzt Transporte für die Flüchtlinge aus Libyen zu organisieren. Doch für einige Afrikaner ist auch die Rückkehr in ihre Heimatländer potenziell lebensgefährlich – etwa wenn sie in die vom Krieg verheerten Länder Eritrea, Somalia, die Elfenbeinküste oder den Sudan zurückgebracht würden.

„Diese Flüchtlinge stecken hier fest, weil die Schiffsbesatzungen sich schlicht weigern, Afrikaner an Bord zu nehmen“, sagt Bouckaert. „Meistens haben sie schon bei der Abfahrt Order bekommen, niemand anderen an Bord zu nehmen als Staatsbürger des eigenen Landes. Und die EU-Staaten wollen keine Afrikaner auf ihrem Territorium, die dann womöglich Asyl beantragen.“

Aus dem Englischen von Daniel-Dylan Böhmer