Kampf um Ölstadt Brega

Libyens Rebellen fürchten die Rache der Gaddafi-Miliz

Gaddafi-Gegner bereiten sich auf neue Angriffe vor – mit dem Mut der Verzweiflung. Hilfe aus dem Ausland ist nicht in Sicht.

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US-Präsident Barack Obama hat den libyschen Machthaber Muammar Gaddafi erneut zum Rücktritt aufgefordert.

Video: Reuters
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Langsam schiebt der Mann in dem langen braunen Gewand und dem weißen Turban eine Patrone in den Lauf seines uralten Karabiners und lädt durch. Als er in die Luft schießt, brechen die Umstehenden in Jubel aus, machen mit ihren Fingern ein „V“ für Victory.

Hunderte Männer jeden Alters haben sich in der Wüste versammelt, etwa 15 Kilometer vor der Hafenstadt Brega, um einen neuen Angriff von Gaddafis Truppen abzuwehren. Ihr Arsenal reicht von Messern über Pistolen und Gewehren bis zu Flugabwehrkanonen und Panzern. Plötzlich taucht ein Kampfjet am Himmel auf, dreht ab, um dann eine Bombe über der Stadt abzuwerfen. Am Horizont ist die Explosion zu sehen. Einen Augenblick später kommt das Flugzeug zurück und bombardiert die Ansammlung von Regimegegnern. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt.

Die Begeisterung in der Ölstadt Brega ist groß, am Tag nach dem zurückgeschlagenen Angriff der Gaddafi-Truppen, aber auch das Chaos. Es gibt keine Taktik, keine Koordination. Anwohner berichten, sie seien aus Versehen beschossen worden. Einer der wenigen Uniformierten wird von einem „Al-Dschasira“-Reporter gefragt, ob die unerfahrenen Männer denn die großen Waffen und Panzer überhaupt bedienen könnten. „Inshallah, so Gott will, werden sie lernen, die Waffen zu bedienen“, antwortet er.


Obama schließt Flugverbotszone nicht aus

Beobachter schließen nicht aus, dass der am Mittwoch zurückgeschlagene Angriff von etwa 300 Gaddafi-Treuen nur ein Test war. Vor allem vor der Luftwaffe fürchten sich die Männer, die Opposition fordert eine Flugverbotszone.

Das Pentagon bremste zwar entsprechende Erwartungen. Einen weiteren Krieg neben denen in Irak und Afghanistan, das machte Verteidigungsminister Robert Gates deutlich, könnten sich die USA derzeit nicht leisten.

US-Präsident Barack Obama aber schloss eine Flugverbotszone über Libyen nicht aus. Ein Flugverbot sei eine Option, die geprüft werde, sagte Obama.

Der Präsident kündigte außerdem eine Luftbrücke an, um aus Libyen geflohene Ägypter in ihre Heimat zu bringen. Dafür habe er den Einsatz der US-Luftwaffe in Tunesiens Grenzgebiet zu Libyen angeordnet, wo viele ägyptische Gastarbeiter nach ihre Flucht gestrandet sind.

Zudem habe er die Anmietung von Zivilflugzeugen genehmigt, um andere geflohene Ausländer aus der Grenzregion in ihre Heimat zurückzubringen. Obama wollte einen weitergehenden Einsatz der US-Streitkräfte nicht ausschließen. Im Umgang mit der Krise in Libyen behalte sich sein Land „die ganze Palette an Optionen“ vor, sagte er.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle riet zu Vorsicht und Zurückhaltung bei militärischen Optionen. „Wir brauchen ein klares Mandat und eine Diskussion innerhalb der Vereinten Nationen, bevor wir Maßnahmen in diese Richtung empfehlen“, sagte er bei einem Treffen mit europäischen Amtskollegen in Bratislava. Die Regierungen in Frankreich und Großbritannien hingegen erklärten, sie würden sich an einer Flugverbotszone beteiligen.

Ungewiss ist das Schicksal von drei niederländischen Soldaten, die sich in der Hand von Gaddafi-treuen Sicherheitskräften befinden sollen. Die Männer waren am vergangenen Sonntag mit einem Hubschrauber von der im Mittelmeer kreuzenden niederländischen Fregatte „MS Tromp“ aus zur libyschen Stadt Syrte geflogen, um zwei dort festsitzende Landsleute abzuholen. Nach der Landung sei die Hubschrauberbesatzung von einer Gaddafi-Milizgruppe angegriffen und gefangen genommen worden. Die beiden Niederländer, die von dem Hubschrauber abgeholt werden sollten, seien später an die niederländische Botschaft in Tripolis übergeben worden und hätten das Land bereits verlassen, hieß es in Den Haag.

180.000 Menschen sind aus Libyen geflohen

In der Stadt Bengasi, die von Gaddafi-Gegnern kontrolliert wird, herrscht angespannte Ruhe. Verletzte aus Brega, etwa 150 Kilometer südlich, seien in Krankenhäuser in Bengasi gebracht worden, erzählt Anne Chatelain, medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in der zweitgrößten Stadt Libyens. „Es fehlt an medizinischem Material, an Medikamenten wie Betäubungs- und Schmerzmitteln. Und viele ausländische Arbeiter fliehen, darunter Krankenschwestern. Medizinstudenten und pensionierte Schwestern versuchen, die Lücke zu füllen.“

Chatelain ist mit sieben Kollegen in Bengasi, 17 weitere warten an der tunesisch-libyschen Grenze auf eine Einreisegenehmigung. Dort ist die Situation immer noch prekär. Allein den Grenzübergang Ras Jdir haben nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR seit dem 20.Februar 90.000 bis 95.000 Menschen passiert. Allein am Mittwoch seien es 9000 gewesen, in der Mehrzahl Gastarbeiter aus Bangladesch. Insgesamt sollen seit Beginn der Kämpfe 180.000 Menschen aus Libyen geflohen sein.

Europäer helfen mit Luftbrücke

Am Donnerstag wurde eine Luftbrücke eingerichtet, die vor allem Gastarbeiter aus Ägypten und Bangladesch die Heimreise ermöglichen soll. Frankreich wird nach Angaben seines Botschafters in Tunesien in den nächsten Tagen sechs Flüge täglich bereitstellen. Britische Flugzeuge beteiligen sich an der Luftbrücke nach Ägypten. Auch Deutschland will drei im Mittelmeer kreuzende Kriegsschiffe zu der Hilfsaktion für Flüchtlinge beisteuern. Finanzielle Unterstützung kommt von der Europäischen Union, die ihre Soforthilfe zur Linderung der humanitären Notlage in Libyen auf 30 Millionen Euro erhöht. Das kündigte die für Krisenreaktion zuständige Kommissarin Kristalina Georgieva bei einem Besuch der libyschen Grenzregion zu Tunesien an.

Auf seine ganz eigene Art will Hugo Chávez, ein Freund Gaddafis, helfen. Der autokratisch regierende Präsident Venezuelas hatte sich als Vermittler zwischen dem libyschen Machthaber und der Opposition angeboten und ein „Komitee des Friedens“ aus freundlich gesinnten Staaten vorgeschlagen. Angeblich hat Gaddafi bereits akzeptiert. Die Arabische Liga erklärte, man werde das Angebot prüfen. Strikt abgelehnt wird die Idee von der Opposition in Bengasi und Brega. Dort hieß es, es werde keine Verhandlungen mit Gaddafi geben.