Arabische Revolution

Libyen ringt mit seinem Diktator

Zwischen Bengasi und Tripolis tobt eine tödliche Schlacht: Dort Gaddafis bezahlte Profikiller, hier ein Heer von Freiwilligen. Ein Besuch in Brega.

Es ist ein chaotischer Konvoi, der da nach Westen braust: Lieferwagen und Jeeps mit Maschinengewehren sind von Bengasi aufgebrochen, um den Leuten in Brega zu helfen. Rebellen werden sie in den Nachrichten genannt, die Bürger Libyens, die ihrem Feind entgegenfahren – den Truppen des bedrängten Diktators Gaddafi, die von der Hauptstadt Tripolis im Westen des Landes aus versuchen, befreite Städte zurückzuerobern.

Jetzt ist der Kampf um die Zukunft des Landes in Brega angekommen, etwa 100 Kilometer südlich von Bengasi. Seit dem frühen Mittwochmorgen liefern sich beide Seiten Feuergefechte rund um die Stadt mit ihrer wichtigen Ölraffinerie. Am Donnerstag erst konnten die Rebellen ihre schwachen Stellungen mit Luftabwehr-Geschützen ausbauen.

Vor einem Gasthaus an der Straße haben vier Freiwillige ihren weißen Kleinlaster geparkt. Auf dem Boden neben ihnen liegen ihre automatischen Waffen, sie trinken noch schnell einen Kaffee, bevor sie weiterfahren in den Kampf. „Der Plan lautet: Brega verteidigen und dann weiter nach Syrte ziehen“, sagt einer. „Hoffentlich.“ Syrte ist Gaddafis Heimatstadt und eine der letzten Bastionen seiner Unterstützer außerhalb von Tripolis. Noch kommen die Rebellen nicht über Brega hinaus. Niemand weiß, wie weit ihre Nachschublinien reichen.

Viele haben noch nie eine Waffe in der Hand gehabt

An der Einfahrt nach Brega haben die Rebellen Flugabwehr-Kanonen aufgestellt, um die Kampfflugzeuge aufzuhalten, die Gaddafi von Tripolis rüberschickt. In den letzten Tagen haben sie mehrfach Munitionsdepots der Regierungsgegner in der Wüste rund um Brega bombardiert. Doch die Rebellen haben noch ein anderes Problem: ihre militärische Unerfahrenheit. Gaddafi verfügt noch immer über Spezialkräfte, hochtrainiert und bestens ausgerüstet, dazu kommen die Feuerkraft und die Rücksichtslosigkeit der Söldner, denen er neuerdings den doppelten Tageslohn zahlt. Die Freiwilligen, die jetzt gegen den Diktator aufstehen, haben hingegen oft noch nie in ihrem Leben eine Waffe angefasst.

Was das bedeutet, zeigt etwa die Geschichte von Mohammed, der sich erst vor wenigen Tagen den Rebellen angeschlossen hat. Als er am Mittwoch unter Feuer geriet, griff er zu einer Panzerfaust. Allerdings wusste er nicht, wie man sie benutzt. Jetzt liegt er im Krankenhaus mit Verbrennungen an beiden Armen, einem Bein und einem Auge.

Doch statt militärischen Könnens besitzen die Aufständischen Entschlossenheit – und es werden immer mehr. Allein in der nun zu Ende gehenden Woche haben sich 14.000 weitere Männer im Alter von 18 bis 60 freiwillig zum Kampf gemeldet, sagen die Offiziere der Rebellen, die Listen mit Namen und Blutgruppen führen.

Streit um internationale Hilfe

Auf dem Basketballplatz einer verwaisten Schule in Bengasi unterrichtet ein uniformierter Ausbilder normale Bürger im Schießen und Marschieren. „Ich bin für den Kampf bereit“, sagt Salim Abdelhassid al-Drissi, 41 Jahre alt und Buchhalter bei einer Elektrizitätsfirma. „Meine ganze Familie, alle meine Freunde denken das Gleiche – dass Gaddafi verschwinden muss. Wir wollen nach Tripolis ziehen und ihn endlich loswerden.“ Neben der Schule, im Salmani-Waffenlager, arbeiten Soldaten an Geschützen, die in Gaddafis Militärbunkern in und um Bengasi gefunden wurden. Die meisten der Waffen aus sowjetischer Produktion stammen aus den 70er- und 80er-Jahren, die Soldaten müssen sie demontieren, reinigen, neu zusammenbauen. Einige Männer sammeln die Munition ein und verteilen sie neu, während andere mit einem schweren Fliegerabwehr-MG vom Typ Dushka in die Luft feuern, als Test.

Weil die meisten Generäle der libyschen Streitkräfte zu Gaddafi halten, fehlt den Rebellen eine geordnete Kommandostruktur. Viele von ihnen trauen niemandem mit einem höheren Dienstgrad als dem eines Obersten. Wer es weiter gebracht hat, muss dem Regime nahegestanden haben, sonst wäre er gar nicht befördert worden. Ein Militärkomitee soll die Truppen organisieren, aber schon treten Differenzen zwischen den abtrünnigen Offizieren zutage.

Die Frage, ob die Aufständischen internationale Unterstützung erbitten sollen, soll zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten geführt haben: Manche Kommandeure lehnen jede ausländische Militärhilfe ab, andere hingegen wären froh, wenn ihre Kräfte wenigstens durch eine Flugverbotszone geschützt würden oder Luftunterstützung erhielten. Erst Mitte der Woche richteten die Oppositionsführer schließlich die Bitte an die Vereinten Nationen, Söldnerlager selektiv zu bombardieren. Die bezahlten Soldaten kämen aus dem Niger, Kenia, Mali und Algerien. Hafis Ghoga, Sprecher des Nationalen Libyschen Übergangsrats in Bengasi, erklärte sogar, man besäße Hinweise darauf, dass die Regierung im Nachbarland Algerien Ghaddafi helfe. „Wir fordern selektive Schläge auf die Stellungen dieser Söldner“, sagt er, „aber wir lehnen die Präsenz jeglicher ausländischer Truppen auf Libyschem Territorium strikt ab.“

Möglicherweise sind es gar keine afrikanischen Söldner

Dass es sich bei den Kämpfern, die Gaddafi einsetzt, wirklich um afrikanische Söldner handelt, ist indes nicht unbestritten. Peter Bouckaert, der als Ermittler der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Bengasi arbeitet, weist nachdrücklich darauf hin, dass solche Berichte nicht bestätigt werden konnten. „Wir haben seit Beginn der Ereignisse hier mehrere solcher Berichte im Osten des Landes geprüft, und in keinem Fall konnten wir sie belegen.“ Zwar sei es nicht ausgeschlossen, dass Gaddafi Söldner beschäftige. Doch oft würden schwarze Gastarbeiter zu Unrecht beschuldigt und verfolgt. Und: Auch viele Libyer aus dem Süden des Landes seien sehr dunkelhäutig und gerade die Armeeeinheiten von dort stünden besonders loyal zu Gaddafi.

In Adschdabija, nicht weit von Brega entfernt, werden die Opfer der jüngsten Kämpfe im Regionalkrankenhaus behandelt. Die Einwohner hier sind zornig, sie trauern, sie sind entschlossener denn je, Gaddafi bis zum Letzten zu bekämpfen. Mindestens 14 Menschen sind zuletzt hier getötet worden, und wie viele verletzt wurden, hat niemand gezählt. Nicht alle sind im Krankenhaus angekommen, sagt Salam Musbah, 30, einer der Aufständischen. „Gaddafis Leute haben einige der Verwundeten und Toten mit sich nach Syrte genommen“, erzählt er draußen, vor der Klinik, „wer weiß, was aus ihnen wird.“ Drei der Toten in der Leichenhalle sind namenlose Soldaten, die auf Gaddafis Seite kämpften, junge Männer, die aus dem Süden des Landes stammen dürften, sagen die Leute hier. Sie sähen zumindest so aus. Drei weitere, die ihrerseits von Gaddafis Männern getötet wurden, waren Wachleute in der Ammoniak-Fabrik hier im Ort.

Gaddafis Soldaten schossen als erstes auf drei Kinder

Doch der Tod, der die Menschen hier in Adschdabija am meisten erschüttert, ist der des 13-jährigen Hassan Umran.

Früh am Morgen war er mit seinen beiden Brüdern aufgebrochen, um nach den Ziegen der Familie zu sehen, nach den Schafen und Kamelen. Da seien etwa 30 Geländewagen aufgetaucht, mit Maschinengewehren auf der Ladefläche, sie kamen aus dem Westen. Hassan und seine Brüder waren zufällig die ersten Menschen, denen Gaddafis Soldaten auf dem Weg ins feindliche Brega begegneten. Sie hielten an und feuerten. Hassan wurde tödlich getroffen. Sein Zwillingsbruder Hussein und der 14-jährige Farasch liegen jetzt auf der Intensivstation. Langsam erholen sie sich. Am Morgen haben die Ärzte eine Kugel aus Husseins Stirn herausoperiert. Farasch hat Brandwunden im Gesicht.

„Die Jungs hatten doch gar nichts mit all dem zu tun“, sagt ihr Onkel Muftar al-Warik. Draußen vor der Leichenhalle haben sich die Angehörigen des toten Kindes versammelt, sie weinen, sie verfluchen die Kämpfe. „Wir werden dieses Blutvergießen nicht vergessen!“, rufen sie aus und: „Pass auf Muammar! Wir sind stark!“ Ein gewaltiger Trauerzug hat sich vor dem Krankenhaus gesammelt, die Toten werden auf Pritschenwagen geladen, Tausende Männer und Jungen begleiten sie zum Friedhof, später werden die Frauen folgen, so wie es die Tradition bestimmt. Auf dem weiten, öden Feld um die Grabstätten sammeln sich die Menschen in endlosen Reihen zum Gebet und recken die Fäuste zum Siegeszeichen. „Wir werden das Blut der Märtyrer nicht vergessen!“, rufen einige, andere schießen in die Luft mit Pistolen und Kalaschnikows. Nach Tripolis sollen die Rebellen ziehen. Die Menge rast.

"Glaubst du etwa, dass ich Drogen nehme?"

„Wir sind alles gottesfürchtige Menschen, Männer des Friedens. Wir respektieren jeden anderen“, sagt der Schulbeamte Mohammed-Ali, 41, „aber nach dem, was Gaddafi gestern hier verbrochen hat, bin auch ich bereit zu kämpfen.“ „Ich bin 56!“, ruft ein anderer Mann dazwischen. „Glaubst du etwa, dass ich Drogen nehme?“ Damit meint er Gaddafis Behauptung, bei den Aufständischen handele es sich um Drogensüchtige. „Oder die alten Männer da! Sehen die vielleicht aus, als wenn sie Drogen nehmen? Gaddafi ist ein Irrer und ein Mörder!“ In ihr Leichentuch gehüllt werden die Körper in die Erde herabgelassen, die Schüsse dröhnen ohrenbetäubend über der Menge mit ihren Parolen: „Schmeißt ihn raus aus Tripolis!“, „Es gibt keinen Gott außer Allah und Muammar ist sein Feind!“

An der Straße nach Westen sammeln sich immer neue Freiwillige. „Bengasi ist befreit“, sagt der 31-jährige Hatem Ali Mustafa, der bis vor Kurzem Soldat in Gaddafis Armee war und jetzt mit vielen anderen Männern an der Straße steht. „Von dieser Reise werden wir vielleicht nicht zurückkehren, aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.“ Etwas weiter entfernt stehen Mustafa und fünf Freunde aus seinem Viertel. Sie kennen sich seit ihrer Kindheit. Jetzt stehen sie da und tragen eine bunte Mischung aus Uniformstücken, die sie irgendwo erbeutet oder gefunden haben. Sie wollen nach Ras Lanuf, eine andere Raffinerie-Stadt, wo Gaddafis Leute gerade eingefallen sind. Keiner der sechs Freunde hat eine Waffe, sie wissen nicht, wo genau man sie braucht, sie wissen nicht, wo sie sich melden sollen. Sie haben auch kein Geld. Irgendjemand wird sie schon mitnehmen und zur Front bringen, ein paar Hundert Kilometer durch die Wüste.

„Wenn es sein muss, dann kämpfe ich eben mit meinen Händen und meinen Zähnen“, sagt Khalid. Eigentlich ist der junge Mann Gärtner. Eine Waffe hat er nicht mehr berührt, seit er den Wehrdienst beendet hat. „Wir müssen Libyen von diesem Albtraum befreien“, sagt er und fügt hinzu: „Wir haben doch ganz friedlich protestiert. Aber so brutal, wie Gaddafi darauf reagiert hat, können wir jetzt gar nicht mehr anders.“ Während sie die Straße entlanggehen, winken die Männer den kreischenden Kindern zu. Sie wissen noch nicht, dass Gaddafis Angriff auf Ras Lanuf zurückgeschlagen sein wird, lange bevor sie in der Nacht dort ankommen.

In Bengasi ist es Abend geworden und zu Hause sitzt Hatems Vater. Er war einmal Armeeoffizier, genau wie sein Sohn. Fünf weitere Söhne hat der alte Mann noch. Sie sollen jetzt auch in den Kampf ziehen, hat er bestimmt. Von dem Krieg, in den er seine Kinder schickt, hat er ein genaues Bild: „Gaddafi hat moderne Waffen. Mehr als du dir vorstellen kannst“, sagt er. „Zuerst versucht er die Städte zu bestechen. Und wenn die nicht wollen, dann greift er an. Bis jetzt hat er nur einen Bruchteil seiner Waffen eingesetzt. Und er hat seine Söldner. Die schickt er jetzt vor in die Städte, um zu sehen, ob das nicht schon reicht. Aber das ist ein Krieg, in dem es keine Gnade gibt für Verlierer“, sagt er. „In 40 Jahren gab es das hier nie. Und wir werden es nicht anders machen.“

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