Libyen

Gaddafis Folterkeller, Sinnbild des Staatsterrors

Einwohner und Soldaten stürmten mit Panzern und Steinen die Festung Katiba, Gaddafis Residenz in Bengasi. Ein Ortsbesuch.

Foto: Mike Elkin

Panzerkommandant Mohammed Samir al-Abar steht mitten in der zweitgrößten libyschen Stadt Bengasi und versprüht Optimismus: „Wir organisieren jetzt ein Militärkomitee, und dann marschieren wir hoffentlich nach Tripolis“, sagt der Oberst. „Gaddafis Leute haben nicht den echten libyschen Geist. Meine Leute sind bereit zu kämpfen. Ihre Entschlossenheit ist fest wie Stein. Die Panzer stehen bereit.“

Der 50 Jahre alte Soldat mit der Ausstrahlung eines treu sorgenden Familienvaters würde niemals ein Detail über Fahrzeuge, Kampfkraft oder Bewaffnung seiner Truppe preisgeben. Doch sein Ton ist getragen von dem euphorisierenden Gedanken, ein freies Libyen schaffen zu können. Wir treffen ihn in der Nähe von Muammar al-Gaddafis massivem Militär- und Wohnkomplex in Bengasi.

Jahrzehntelang hat die sogenannte Katiba, diese Festung mit ihren hohen Mauern, den massiven Verteidigungsanlagen und diversen Verwaltungsgebäuden, die Bewohner von Bengasi eingeschüchtert. Von hier aus hätte Gaddafi das ganze Land regieren können. Doch jetzt ist die Katiba gestürmt und Bengasi frei.

Kaum eine Wand ohne Einschusslöcher

Hinter al-Abar markiert ein großer Spalt in der Außenwand der Festung den Punkt, wo er mit seinem Panzer durchbrach und den Weg ebnete für die Eroberung. Die Revolte startete am 19. Februar, drei Tage nachdem Gaddafis Soldaten und Söldner begonnen hatten, mit Kalaschnikows und Panzerfäusten einen ungleichen Straßenkampf gegen die Bevölkerung vom Zaun zu brechen. Jeder sei zum Ziel geworden, sagen die Bewohner. Die Beweise sind an den Fassaden der Gebäude zu sehen: Kaum eine Wand ohne Einschusslöcher. „Ich bete zu Gott, dass dieser Hurensohn verschwindet. Sie haben sogar auf Kinder geschossen“, sagt ein Mann vor einem zerschossenen Café.

Oberst al-Abar sagt, die libysche Armee sei seit Jahrzehnten dreigeteilt in Angehörige des Gaddafi-Stammes, Kriecher und Söldner sowie Angehörige anderer Stämme. Vor allem Letzteren sei nie vertraut worden, sie hätten weder Waffen noch Ausrüstung erhalten. In die Bengasi-Festung hätten nur Gaddafis Leute gedurft. „Vor zwei Wochen betrat ich den Komplex das erste Mal seit 1974“, sagt al-Abar.

Die Chance zum Aufstand habe sich ergeben, als er einen ehemaligen Schul- und Offizierskameraden getroffen habe. Beide führten eine Einheit von Soldaten, die sich der Revolution anschließen wollten. „Der Schlüssel war, die Mauern der Festung zu durchbrechen. Also gingen wir in eine Militärbasis, in der ich vor zwölf Jahren gedient hatte und die einige Panzer hatte. Mein Ex-Kommandeur sagte: Los, Mohammed, nimm die Panzer!“, berichtet al-Abar.

„Da wir keine Munition für die Panzerkanonen hatten, haben wir die Mauern einfach gerammt und eingerissen. Sie schossen auf uns mit Maschinengewehren, flohen dann aber mit Landrovern und schossen auf der Flucht wild um sich.“ Als sein Panzer in den Mauerresten stecken geblieben sei, habe er sich einen der beiden Panzer in der Festung genommen – der hatte Munition, sagt al-Abar. So habe er die Festung sturmreif geschossen. „Hinter dem Panzer kamen die Menschen, bewaffnet mit dem, was sie hatten: Steine, Schwerter, Bajonette, Molotowcocktails. Sie waren so mutig.“

Mohammed Mehdi rammte das Tor mit seinem Kia ein

Die Revolution in Bengasi kennt viele solcher Geschichten. Mohammed Mehdi, ein 49-jähriger Ölarbeiter und Vater zweier Töchter, konnte das Treiben von Gaddafis Schergen nicht mehr ertragen. Seine Familie sagt, er sei immer unpolitisch gewesen, habe nie die Stimme gegen jemanden erhoben. Doch das kaltblütige Massaker an seinen Freunden und Nachbarn trieb ihn in die Verzweiflung. Er lud zwei Gasflaschen auf die Rücksitze seines schwarzen Kia, fuhr los und rammte ein Holztor der Festung. Es gab nach, und Mehdi fuhr auf das zweite zu. Die Wachen beschossen ihn mit Maschinengewehren, doch er konnte das innere Festungstor erreichen, wo die Gasflaschen explodierten. Mohammed Mehdi ist nun ein Märtyrer in Bengasi.

Der Festungskomplex, den jeder kannte, aber kaum jemand je von innen gesehen hatte, ist zur Touristenattraktion avanciert. Das Stahlskelett von Mehdis Auto, auf dessen Seite sein mit Farbspray aufgetragener Name prangt, steht wie ein Mahnmal neben dem zerstörten Tor. Kinder laufen durch die Gebäude, die Stätte des Terrors wird zum riesigen Spielplatz.

Die weißen Gebäude mit dem grünen Interieur scheinen zumeist militärische und administrative Zwecke gehabt zu haben, wenngleich einige Bungalows für Besuche Gaddafis und seines Clans reserviert waren. Jetzt stapeln sich darin Schutt, kaputte Klimaanlagen und Schreibmaschinen. Die vielen grün gestrichenen Zugänge zu dem Komplex sehen aus, als habe sie ein Hollywood-Monster aus ihren Verankerungen gerissen. Überall prangen Anti-Gaddafi-Parolen an den Wänden, Bilder von der rotschwarz-grünen Flagge mit Halbmond und Stern zitieren die Zeit vor 1969, vor Gaddafis Machtübernahme.

Eine Frau schreibt an die Wand: „Der Tag der Rache des Volkes.“ Ein Besucher sagt: „Gaddafi ist Libyens Teufel.“

Makabrer Höhepunkt eines Besuches in der Festung von Bengasi sind die drei unterirdischen Gefängnisbunker. Kleine Fenster lassen einen dünnen Lichtstrahl ein, der den Zementboden nicht berührt. Hier hielt die Geheimpolizei ihre Opfer fest, manche nur kurz, um sie einzuschüchtern, manche dauerhaft.

Mansour Jabel Bedri, ein arbeitsloser 42-jähriger Mann aus Bengasi, hat 1997 in einem dieser Bunker einen Monat zugebracht. Sein „Verbrechen“: ein gläubiger Muslim zu sein, der regelmäßig eine Moschee besucht – also jemand, den Gaddafi in seinen Hetzreden als „islamischen Extremisten“ geißelte, der das Land destabilisiere. Bedri und zehn seiner Kommilitonen wurden nach einer solchen Hetzrede 1989 von der Universität verbannt. Danach konnte er keinen Job finden, weil sein Name auf der schwarzen Liste stand. Schließlich kamen die Schergen des Regimes zu ihm nach Hause.

„Ich konnte nichts sehen, weil sie mir eine Haube über den Kopf stülpten“, berichtet Bedri. „Heute weiß ich, dass sie mich hierher gebracht hatten. Ich erkenne die Kacheln auf dem Boden wieder. Sie schlugen auf unsere Beine, bis sie bluteten. Unsere Füße entzündeten sich. Wenn wir um Hilfe baten, kamen die Soldaten und rieben Salz in unsere offenen Wunden.“ Sein Glaube an Gott habe ihm geholfen, mit diesem Albtraum fertigzuwerden, auch damit, dass er noch Jahre später von jeder schlagenden Tür Herzrasen bekommen habe. „Hoffentlich bleibt der jüngeren Generation erspart, was wir 41 Jahre lang erdulden mussten.“

"Gaddafi ist ein guter Lügner"

Die freien Bürger von Bengasi erkunden noch immer Gaddafis Festung. Viele seiner Treuen sind offenbar durch ein kilometerlanges Tunnelsystem geflohen. „Wir haben dort unten tonnenweise Waffen gefunden, von Patronen bis Raketen“, sagt ein Mann mit einer Grubenlampe auf dem Kopf. Er werde die Waffen der Armee übergeben.

Oberst al-Abar steht neben einem russischen BMP-1-Amphibienpanzer. „Wenn Libyen frei ist, werde ich mich wohl in den Ruhestand versetzen lassen“, sagt er. „Wir wollen alle in Frieden, Freiheit und Würde leben, nicht nur der Gaddafi-Clan. Gaddafi ist ein guter Lügner. Sind wir etwa die Ratten, die Drogenabhängigen, die Terroristen, von denen er dauernd redet? Nein, das sind wir nicht. Ganz gewiss nicht.“