Gräuel in Libyen

Gaddafis Endkampf gegen das eigene Volk

Augenzeugen bezichtigen Libyens Diktator des Völkermordes. Gaddafi soll ausländischen Söldnern einen hohen Tagessatz für ihre Gräueltaten zahlen.

Libyen, das wüste Land, das sich über 1300 Kilometer am Mittelmeer entlang erstreckt und noch einmal genauso weit in die Sahara hinein, scheint ein Schlachthaus geworden zu sein. Was darin vor sich geht, ist schwer zu beurteilen, denn nach Außen dringen fast nur Berichte von Geflohenen.

Doch das beunruhigendste Dokument von allen ist das Interview, das der Sohn von Diktator Muammar al-Gaddafi, Saif al-Islam, am Freitagnachmittag dem Sender CNN Turk gab. Es ist ein Zeugnis für das apokalyptische Bewusstsein, in dem der engste Machtzirkel des untergehenden Regimes handelt.

„Ich bin sicher, dass Libyen einer besseren Zukunft entgegensieht“, sagt darin der Diktatoren-Sohn, in einem einfachen Troyer-Pullover, darunter ein weißes T-Shirt, die Arme fest vor der Brust verschränkt. „Ein so starkes Land wie unseres wird niemals zulassen, dass eine Handvoll Terroristen an die Macht gelangen. Das wird niemals passieren.“

Als der türkische Reporter fragt, ob es einen „Plan B“ gebe, für den Fall, dass der Gaddafi-Klan die Macht verliert, antwortet Saif al-Islam: „Wir haben einen Plan A, einen Plan B und einen Plan C. Plan A lautet: In Libyen leben und sterben. Plan B lautet: In Libyen leben und sterben. Und Plan C lautet: In Libyen leben und sterben.“

Was das bedeutet, davon geben die Berichte derer einen Eindruck, die aus dem Land geflohen sind. Bechir Ghorbali erreichte am Freitag die Grenze zu seinem Heimatland Tunesien. Jahrelang hat er in Libyen gearbeitet. „Ich kann einfach nicht glauben, was in Tripolis passiert“, sagt er. „Oh mein Gott! Es ist Völkermord! Sie brauchen Hilfe, aber wer soll ihnen helfen?“

Am Flughafen von Tuni wartet ein amerikanischer Öl-Arbeiter auf seine Maschine nach Paris. Aus Libyen kam er raus, indem er kurzerhand einen Armee-Laster klaute und damit durch die Wüste fuhr, bis nach Tunesien. Seinen Namen will er nicht veröffentlicht wissen. Auf dem Weg habe er Chaos und Tote gesehen, sagt er.

Was hält er von der Schätzung, es habe bis jetzt 300 Todesopfer gegeben? „Dreihundert? Soll das ein Scherz sein? So viele habe ich allein in einer einzigen Stadt gesehen.“ Gaddafi habe Tausende von Söldnern aus ganz Afrika, Syrien und dem Balkan angeheuert und zahle ihnen 3000 Dollar pro Tag. „Das ist ungefähr doppelt so viel wie üblich“, sagt der Mann, „aber Gaddafi kann das zahlen, und er zahlt täglich, in bar.“

Augenzeugen berichteten in den vergangenen Tagen per Telefon aus Tripolis, dass marodierende Banden von Söldnern durch die Stadt gezogen seien und Zivilisten gejagt hätten. Es herrsche große Angst, die meisten Menschen blieben zuhause, die Geschäfte geschlossen. Internet und Telefon funktionieren mit Unterbrechungen.

Ein Tunesier, auch er ein ehemaliger Gastarbeiter, erzählt, die Gaddafi-Anhänger würden gezielt auf seine Landsleute Jagd machen und auf Ägypter. Weil sie in deren erfolgreichen Revolutionen die Quelle des Aufstands sehen. „Viele ägyptische und tunesische Mädchen in Tripolis wurden geschlagen und vergewaltigt“, sagt er.

In Sawia im Westen Libyens ist die Situation eskaliert, wie nach Tunesien geflohene Augenzeugen berichten. Danach soll es Dutzende Tote gegeben haben: Söldner hätten Regimegegner angegriffen, als diese sich aus dem Zentrum der Stadt nach Tripolis auf den Weg machen wollten.

Nach unbestätigten Medienberichten hat der zweitjüngste Gaddafi-Sohn, Chamis, Söldnern befohlen, etwa 200 bis 300 reguläre Soldaten zu erschießen, weil diese Befehle, auf unbewaffnete Zivilisten zu feuern, missachtet hätten.

Doch auch die Regimegegner scheinen ihren Kampf mit aller Rücksichtslosigkeit zu führen. Das erzählen Türken, die aus Libyen evakuiert wurden. Halil Ibrahim Yurttutan berichtete, wie er und andere Landsleute die Kämpfe zwischen Oppositionellen und Regimetreuen Kräften verfolgten: Die Aufständischen hätten Söldner gejagt, gefangen und umgebracht. „Sie töteten jeden Söldner, den sie fingen, sie gaben kein Pardon“, wurde Yurttutan in den türkischen Medien zitiert.

Drei Söldner seien direkt vor seinen Augen umgebracht worden, „mit Messern und scharfen Gegenständen“. Zwei seien gestorben, den anderen habe er mit Kollegen schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht. Die Türkei evakuiert weiterhin Tausende ihrer Landsleute aus Libyen. Nach Regierungsangaben wurden seit dem Wochenende mehr als 8300 Menschen per Schiff und Flugzeug evakuiert, etwa 25.000 Türken lebten bei Ausbruch der Unruhen in Libyen.

Niemand weiß, wie lang das Töten noch dauern wird. Manche Beobachter befürchten noch lange Kämpfe, andere sehen die Aufständischen schon kurz vor dem Sieg. Glaubt man Kacem Youssefi, der ebenfalls nach Tunesien geflohen ist, dann sind „nur noch Sabha im Süden, Syrte und Tripolis unter Kontrolle des Diktators.

Aber nun versucht er, auch die anderen Städte zurückzuholen“, so Youssefi. Der Osten des Landes und die zweitgrößte Stadt Benghasi sind offenbar fest in der Hand der Aufständischen. Dort feiern die Menschen bereits ihre Freiheit. In Tripolis sollen am Freitag Soldaten mit scharfer Munition eine Protestkundgebung auseinandergetrieben haben. 500 Menschen sollen es gewesen sein.

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