In der libyschen Hauptstadt Tripolis ist die Gewalt eskaliert: Zahlreiche Demonstranten wurden Augenzeugenberichten zufolge von regimetreuen Milizen erschossen. Staatschef Muammar Gaddafi hatte zuvor auf einem zentralen Platz in Tripolis rund 1000 Anhänger aufgerufen, die Demonstranten zu bekämpfen und „die Nation zu verteidigen“.

Mit erhobener Faust rief er auf einem Wall des Roten Schlosses, eines Forts in der Nähe des Grünen Platzes: „Übt Vergeltung gegen sie, übt Vergeltung gegen sie!“ Seine Anhänger sollten sich vorbereiten, „die Nation und das Öl zu verteidigen“.

Weiter kündigte er an, „zu gegebener Zeit werden wir die Waffenkammern öffnen, damit alle Libyer und Stämme bewaffnet werden, damit Libyen rot von Feuer wird.“

Scharfschützen zielen auf Regierungsgegner

Nach dem Freitagsgebet strömten Demonstranten aus einer Moschee im Zentrum der Hauptstadt und versuchten, den Grünen Platz zu erreichen, wie ein Augenzeuge sagte. Milizionäre hätten zunächst Warnschüsse in die Luft abgefeuert, um sie daran zu hindern, sagte ein weiterer Augenzeuge. Auf Dächern seien Scharfschützen postiert gewesen.

Bei der ersten Salve seien sieben Personen in einem Umkreis von zehn Metern von ihm erschossen worden, sagte ein Zeuge. Vielen sei in den Kopf geschossen worden. „Es war, als wären wir Hunde“, sagte er.

Auch andere Bewohner der Hauptstadt meldeten Gewehrfeuer aus mehreren Vierteln. Eine unabhängige Bestätigung der Augenzeugenangaben war nicht möglich.

Gaddafi-treue Einheiten griffen unterdessen mit Panzern den Luftwaffenstützpunkt in Misrata an, der von Demonstranten besetzt war. In Kämpfen mit Anwohnern und übergelaufenen Einheiten der Streitkräfte konnten die Regierungstruppen einen Teil des Stützpunktes zurückerobern, sagten ein Arzt und ein Verwundeter am Rand der von Demonstranten beherrschten Stadt.

Bei den Kämpfen seien in den vergangenen zwei Tagen 22 Menschen ums Leben gekommen. Noch in der Nacht waren Schüsse zu hören. Misrata ist die drittgrößte Stadt Libyens und liegt rund 200 Kilometer östlich von Tripolis.

Gaddafi-Sohn spricht von Waffenstillstand

Saif al-Islam, Sohn des libyschen Machthabers Muammar Gaddafi, bekannte sich zu Verhandlungen mit Aufständischen. Er hoffe, dass bis Samstag ein Waffenstillstand in Misrata und Sawija geschlossen werden könne, sagte Saif al-Islam Gaddafi vor ausländischen Journalisten in der Hauptstadt Tripolis.

Man habe es in den beiden Städten mit Terroristen zu tun. Dennoch habe sich die Armee entschlossen, sie nicht anzugreifen. In den beiden westlibyschen Städten kämpfen Aufständische gegen Anhänger Gaddafis.

Die Regierungsgegner brachten unterdessen nach eigenen Angaben zwei wichtige Ölhäfen unter ihre Kontrolle: Breka und Ras Lanuf. Ein Bewohner von Ras Lanuf berichtete, die Sicherheitsleute, die den Hafen bewachten, hätten sich der Rebellion angeschlossen und bewachten nun gemeinsam mit den die Anlagen.

Al-Islam sagte jedoch, abgesehen von den beiden Städten Misrata und Sawija sei "alles ruhig".

"In Libyen leben und sterben"

In einem Interview mit dem Sender CNN Turk hatte al-Islam zuvor gesagt, seine Familie werde in Libyen „leben und sterben“. Befragt zu Alternativen angesichts der zunehmenden Protestbewegung sagte er: „Plan A ist es, in Libyen zu leben und zu sterben, Plan B ist es, in Libyen zu leben und zu sterben, Plan C ist es, in Libyen zu leben und zu sterben.“ Gaddafi werde nicht zulassen, dass „eine Bande von Terroristen“ an die Macht kommt.

Gaddafis Truppen haben die Kontrolle über den Osten Libyens weitgehend verloren, halten bisher aber Tripolis und Umgebung mit äußerster Härte.

Der Diktator machte unterdessen das Terrornetzwerk al-Qaida und dessen Führer Osama bin Laden für den Aufstand gegen seine 42-jährige Herrschaft verantwortlich.

Internationale Gemeinschaft verstärkt Druck auf Gaddafi

Angesichts des blutigen Vorgehens gegen Regierungsgegner in Libyen will die internationale Gemeinschaft den Druck auf Staatschef Muammar al Gaddafi verstärken. Der UN-Sicherheitsrat widmete sich Beratungen über Sanktionen gegen das libysche Regime. Zuvor hatten sich US-Präsident Barack Obama und auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle für Sanktionen gegen Tripolis ausgesprochen.

Zu Beginn der Sitzung des UN-Sicherheitsrats forderte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon handfeste Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten in Libyen. Jede Verzögerung koste Menschenleben, warnte er.

Er forderte das Gremium auf, verschiedene Sanktionen in Betracht zu ziehen, darunter Handels- und Finanzsanktionen, Reiseverbote, ein Waffenembargo und weitere Maßnahmen zum Schutz von Menschenrechten. Auch die Einrichtung einer Flugverbotszone ist im Gespräch. „Die Gewalt muss aufhören“ und die dafür Verantwortlichen müssten dafür bestraft werden, sagte Ban.

USA verschärfen Ton gegenüber Libyen

Die USA haben bereits Sanktionen gegen Libyen angekündigt. Sie würden auf den Weg gebracht, sagte Regierungssprecher Jay Carney in Washington. Gaddafi habe nach den brutalen Angriffen seiner Anhänger auf Demonstranten das Vertrauen seines Volkes verloren.

Zwar verlangte die US-Regierung nicht offen die Abdankung Gaddafis. Jedoch sagte Carney, Gaddafis Legitimation sei „auf Null reduziert“.

Nach Angaben aus Regierungskreisen wollen sich die USA zudem für eine von den Vereinten Nationen geleitete Untersuchung der „schwerwiegenden und systematischen Verstöße gegen die Menschenrechte durch die libyschen Behörden“ einsetzen. Um das weitere Vorgehen zu besprechen, telefonierte Präsident Barack Obama mit dem britischen Premierminister David Cameron und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Für Montag ist ein Treffen Obamas mit UN-Generalsekretär Ban geplant.

Außenminister Guido Westerwelle sagte, er halte Sanktionen für unvermeidbar. Es gehe nicht mehr darum, Zeitlimits zu setzen, sondern „jetzt zu handeln“, sagte er im Deutschlandfunk. Als mögliche Sanktionen nannte er Einreiseverbote für die Familie von Staatschef Gaddafi sowie das Einfrieren von Vermögen. Wichtig sei zunächst auch eine geschlossene Haltung der internationalen Staatengemeinschaft.

Noch 3600 EU-Bürger in Libyen

In Libyen saßen nach Angaben der EU-Kommission bis zum Freitag noch 3600 EU-Bürger fest. 3400 seien seit Beginn der Gewalteskalation bereits zurück in ihre Heimat gebracht worden, sagte Kommissionssprechern Maja Kocijancic in Brüssel.

Die Evakuierung mit Flugzeugen und Schiffen wurde von stürmischem Wetter behindert. Hunderte Ausländer strandeten in Häfen und Flughäfen. Es waren aber auch Schiffe mit mehreren hundert Ausländern nach Malta und Griechenland unterwegs.

Die Türkei brachte nach eigenen Angaben bis Freitag 8300 ihrer Bürger nach Hause, China leitete die Evakuierung der Hälfte seiner 30.000 in Libyen arbeitenden Bürger ein.

dapd/Reuters/jw