Karl-Theodor zu Guttenberg

"Hier steht das Original und kein Plagiat!"

Auf dem Valentinstreffen der CDU kündigt der Verteidigungsminister an, seinen Doktortitel nicht mehr zu führen. Gleichzeitig kritisiert er die Medien.

Am Montagabend im kleinen Taunusstädtchen Kelkheim blies die CDU dem Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zum ersten Mal seit Bekanntwerden des Plagiatskandals den Marsch. Freilich hielten sich die Parteigranden vornehm zurück und schickten das „Blasorchester Kelkheim-Hornau“ vor. Das legte sich umso begeisterter ins Zeug. Denn Guttenberg, über den seit Tagen alle sprechen, aber den kaum einer gesehen hat, war tatsächlich gekommen.

Zum sogenannten Valentinstreffen der hessischen CDU, dem alljährlichen Schulterschluss dieses wichtigen Landesverbandes. Namen wie Stoiber, Schavan, Kohl finden sich unter den Gastrednern der vergangenen Jahre. Man hatte sich offenbar sehr gefreut, den aufstrebenden, vielversprechenden Bundesminister zu gewinnen. Seine Zusage war aber bereits vor Monaten erfolgt. Also lange vor der Wegscheide, seit der der Wert des Guttenbergschen Wortes – bis dato eine sicher geglaubte Größe – auf dem Prüfstand steht. Bis kurz vor der Veranstaltung ist von den nervösen CDU-Pressesprechern nur zu hören, man habe keine Absage erhalten.

Sieben Uhr. Die Blaskapelle verstummt. Unheilvoll läuten die Totenglocken von Guttenbergs vermeintlicher Lieblingsband AC/DC durch die mit rund 900 CDU-Anhängern voll besetzte Stadthalle: „Hells Bells“. Ob das ein gutes Omen ist? Den Song wählen viele Boxer auf dem Weg zum Ring. Meist folgt nur Runden später der Niederschlag. Siegesgewiss schreitet Guttenberg durch das enge Spalier, das ihm begeisterte Anhänger und Vertreter der Presse lassen. Er weiß: Dieser Boxkampf ist zu gewinnen. Er hat ja keinen Gegner: ein Abend unter Freunden. Ein guter Ort für seinen ersten Auftritt in der Öffentlichkeit, nachdem in den vergangenen Tagen freiwillige Jäger des verlorenen Zitats immer mehr nicht ausreichend gekennzeichnete Fremdtexte in seiner Doktorarbeit aufgespürt und im Internet veröffentlicht haben.

Guttenberg, im grauen Anzug mit gelbem Schlips, nimmt auf der langen Bierbank Platz. Weiter hinten sitzen ganz normale Mitglieder der konservativen Hessen-CDU. Guttenberg selbst sitzt freilich vorn, zwischen Ex-Ministerpräsident Roland Koch und dessen Nachfolger Volker Bouffier. Letzterer sagt ein paar launige Worte. Ist immerhin der erste, der den Plagiatskandal überhaupt anspricht. Sein Vorredner Thomas Weck vom Kreisverband hatte Guttenberg mit dem Prädikat „beliebtester Politiker ganz Deutschlands“ hinreichend beschrieben gefunden. Vom Prädikatsexamen war keine Rede. Bouffier hingegen weiß, was er den beunruhigten Anhängern und der ungeduldigen Presse schuldig ist.

Er sagt, man könne sich vor Freunden nicht retten, solange man oben stünde. „Kommt aber der Wind von vorn, sieht es anders aus.“ Guttenberg sei „eine der herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Politik und wir wollen, dass das so bleibt“. Tosender Beifall. Auftritt Guttenberg. Er sagt etwas von einer frühkindlichen „Taunus-Traumatisierung“, die er aber inzwischen überwunden habe. Für diesen Abend jedenfalls scheint er optimistisch.

Er ruft: „Hier steht das Original und kein Plagiat!“ Der Mann mit der windschnittigen Frisur wird, so viel lässt sich jetzt schon seiner entschlossenen Miene und der kernigen Stimme entnehmen, keinen anderen als den Vorwärtsgang einschlagen. Ob er denn überhaupt käme, hätten vorab viele gemunkelt, so Guttenberg. „So weit kommt’s noch, dass ich mich vor so einem Sturm drücken werde! Ein oberfränkische Wettertanne wird das nicht umhauen!“ Zwar sei er nicht „als Selbstverteidigungsminister gekommen“, doch genau dazu hebt er nun an: zu einer Selbstverteidigung. Er habe diesen Abend gewählt, weil er zur „Öffentlichkeit als Öffentlichkeit“ habe sprechen wollen „und nicht zur Hauptstadtpresse“.

Das ist nur der erste Vorgeschmack der Schmährede gegen die Medien, die folgen wird. Doch erst einmal kommt der Hammer: „Ich habe mich am Wochenende nochmals mit meiner Doktorarbeit beschäftigt“, sagt Guttenberg, „und es war richtig, dass ich gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht mehr führen werde.“ Gemurmel unter den Journalisten: Heißt das …? Meint er …? Am Freitag hatte er noch das Wörtchen „vorübergehend“ betont.

Das fehlt nun. Die wenigsten im Raum wissen zu dieser Stunde, dass Guttenberg seine Alma Mater, die Universität Bayreuth, am Montagabend schriftlich gebeten hat, ihm den Doktortitel wieder abzuerkennen. Die Gründe, die später der Universitätssprecher Frank Schmälzle zitieren wird, entsprechen wörtlich denen, die Guttenberg in Kelkheim ausführt: „gravierende handwerkliche Fehler, die nicht mit wissenschaftlichem Arbeiten zu vereinbaren sind.“

Dennoch wiederholt Guttenberg, was er bereits Ende vergangener Woche betont hat: „Ich habe nicht bewusst, nicht absichtlich getäuscht.“ Statt dessen habe er „teilweise den Überblick über die Quellen verloren“. Wie glaubhaft diese Versicherung angesichts der offenbar äußerst zahl- und umfangreich verschleierten Quellen ist – unter anderem eines ausführlich zitierten, aber nicht entsprechend gekennzeichneten „FAZ“-Artikels in der Einleitung – haben in den kommenden Tagen und Wochen Andere zu prüfen. Schmälzle sagte, die Promotionskommission der Uni werde sich am Dienstag mit Guttenbergs Bitte befassen und Schritte für die Aberkennung des Titels einleiten.

Dies ersetze indes keinesfalls das ordentliche Verfahren zur Prüfung der Dissertation, wie es die Promotionsordnung verlange, so Schmälzle. „Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Und zu denen stehe ich auch“, ruft Guttenberg, der am Rednerpult steht, als wär’s ein Pranger. „Von Herzen und mit der mir abgesprochenen Demut möchte ich mich bei denen entschuldigen, die ich mit meiner Doktorarbeit verletzt habe.“ Das geht offenbar zuerst an die Adresse seines Doktorvaters, mittelbar an die gesamte deutsche akademische Szene, die um ihren Ruf fürchten muss. Fazit: „Die Entscheidung, den Doktortitel, nicht zu führen, schmerzt.“ Soweit der Selbstverteidigungsminister.

Es folgt der Kriegsminister. Aber auch der ahnt womöglich bloß, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Bitterlich beschwert sich Guttenberg, angesichts der Doktorarbeitsaffäre sei der Tod dreier Soldaten in Afghanistan „zur Randnotiz verkommen“. Er redet sich in Rage, macht einen Nebenkriegsschauplatz nach dem anderen auf. Immer ist die Presse der Bösewicht: Alle hätten auf die Gorch Fock geblickt und nicht „auf das brennende Nordafrika“. Unvermittelt schwenkt er um auf „diese Debatte kurz vor Weihnachten“, die einen „medialen Furor“ sondergleichen entfacht habe: den gemeinsam mit seiner Frau unternommenen Afghanistan-Trip. Man solle die entrüsteten Artikel für nächste Weihnachten am besten sofort schreiben, ruft Guttenberg der versammelten Medienmeute zu.

„Denn dieses Jahr nehme ich meine Frau wieder mit!“ Und wieder ein abrupter Themenwechsel. Jetzt geht es um die Bemerkung, die letztlich Horst Köhlers Rücktritt ausgelöst hat: den Zusammenhang von regionalen mit wirtschaftlichen Interessen. Der ließe sich schlechthin nicht leugnen. „Jetzt sagt alles, was tränenbeflissen ist, insbesondere bei den Grünen“, so der Minister, „‚der Guttenberg will Wirtschaftskriege führen‘.“ Das wolle er keinesfalls. Aber die heutige Weltordnung sei nur im „Maßstab der Unberechenbarkeit“ zu verstehen. Jedenfalls müsse man „ohne Scheuklappen“ agieren, dürfe sich „nicht abducken, wenn die Debatte ungemütlich werden sollte“.

Als Beispiel führt er zu guter Letzt Thilo Sarrazin ins Feld, dessen Analysen wohl falsch, dessen Bestandsaufnahmen allerdings „fast alle richtig“ seien. Er scheint, als wolle Guttenberg das Maß der politischen Unkorrektheit, für die er im konservativen Lager indes zumindest heimliche Sympathie vermuten darf, vollmachen. Ehrliche Aufreger, um den hessischen Kommunalwahlkampf zu schüren? Oder Blendgranaten, um vom eigentlichen Kriegsschauplatz – der vermaledeiten Dissertation – abzulenken? An diesem Abend ist es ihm gelungen. Die Kelkheimer sind’s zufrieden, ziehen unter Blaskapellenmärschen aus der Stadthalle aus. Wer hingegen auf dem Hauptstadtparkett wem den Marsch bläst, werden die kommenden Tage entscheiden. Ausgestanden scheint die Affäre noch lange nicht.

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