Aachen

Guttenberg glänzt im Karneval trotz Abwesenheit

Ordensritter statt Doktor – Guttenberg sollte vom Aachener Karnevalsverein ausgezeichnet werden. Statt ihm kam sein Bruder – und überzeugte mit seinem Debüt.

Der falsche Freiherr zu Guttenberg war gekommen. Einen akademischen Doktortitel besaß er nicht, erst recht keine zehn Vornamen und er gab es sofort zu. „Ich bin lediglich das Plagiat“, bekannte Philipp zu Guttenberg in der Eurogress-Halle in Aachen Aber was macht das schon im Karneval, dieser Hochzeit des Plagiats und der Kopie, in der alle das sein dürfen, was sie nicht sind. Die meisten Gäste trugen den nachgemachten Orden mit der Aufschrift „Karl-Theodor zu Guttenberg – Ritter wider den tierischen Ernst“. Wenn man denn das Original einen echten Orden nennen sollte, den der Aachener Karnevalsverein, kurz AKV, alljährlich verleiht.

Philipp zu Guttenberg war als „Knappe“ gekommen, um die Auszeichnung stellvertretend für seinen Bruder in Empfang zu nehmen. Äußerlich ist er dem zwei Jahre älteren Bundesverteidigungsminister recht ähnlich, trägt ebenso nach hinten geglättetes Haar. Er hatte eine Tube Gel mitgebracht und frotzelte über seinen Bruder: „In aussichtsloser Lage zählt / Das krause Haar wird stets gegelt.“ Es war gewissermaßen das Leitmotiv dieses Abends und drückte vornehm eine bekannte Vulgär-Philosophie aus: Hauptsache, die Haaren liegen.

"Sofort raus aus Afghanistan"

Der Preisträger selbst hatte frühzeitig seine Teilnahme abgesagt, wegen der schlimmen Lage in Afghanistan und lange bevor Vorwürfe erhoben wurden, er habe zahlreiche Passagen seiner Doktorarbeit kopiert. Ausgerechnet einen aktiven deutschen Verteidigungsminister karnevalistisch auszeichnen zu wollen, das klingt ohnehin nach einer unmöglichen Mission, wenn deutsche Soldaten in Afghanistan getötet und verwundet werden, so wie vor wenigen Tagen wieder. Vor der Halle standen Demonstranten Spalier, sie trugen selbstgemachte Kreuze und Schilder mit der Aufschrift „Sofort raus aus Afghanistan“, während Limousinen und Taxen mit den festlich gewandeten Gästen vorfuhren. Dumpfer Trommelschlag erklang. Nebenan explodierten Feuerwerksraketen am Nachthimmel.

Drinnen wurde die schreckliche Seite des Amts eines Verteidigungsministers an diesem Abend konsequent ausgeblendet. „KT“ stand als Pappmaché-Kamerad in kurzen Hosen auf der Bühne im Festsaal und hielt eine E-Gitarre mit der Aufschrift „AC/DC Auch das ist Karneval, wobei die Verdrängungsleistung gerade in Anbetracht eines solchen Preisträgers außergewöhnlich war und mitunter absurd wurde „Wir sollen nicht über Afghanistan sprechen, nicht über die Bundeswehr, nicht über die Gorch Fock, dann sprechen wir am besten übers Wetter“, sagte Conferencier Jürgen Beckers.

Sinn für Humor und Menschlichkeit

Die Gäste hatten allgemein auch wenig Probleme damit, dass Guttenbergs Doktor-Titel wegen Kopiervorwürfen in Frage gestellt ist und seine Glaubwürdigkeit mit dazu. Man wollte ihn für Sinn für Humor und Menschlichkeit im Amt auszeichnen und zum „Ordensritter“ schlagen – „egal ob mit Doktortitel oder ohne“, sagte der AKV-Präsident Werner Pfeil und erntete stürmischen Jubel. Das Aachener Bürgertum und die Prominenten aus Politik und Wirtschaft taten das Kopieren als lässliche Sünde ab und verkündeten unausgesprochen: Was ist denn schon dabei, wenn man abschreibt.

Der unter Druck geratene Verteidigungsminister erfuhr viel Unterstützung. „Im Moment gehen die Wogen so hoch, dass ich denke, dass zu Guttenberg gut daran getan hat, auf der Kommandobrücke zu bleiben“, sagte der Ordensritter 2010 und ehemalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). Er sollte eigentlich eine Laudatio auf den neuen Preisträger halten, entschied sich aber für eine Büttenrede. Am Ende rief er dem Minister zu: „Schlagen auch manchmal hoch die Wogen / Man greift dich an, Du wirst belogen / Eines ist, was Du als Ritter lernst / Nimm nicht alles so tierisch ernst.“

Philipp zu Guttenberg verteidigte den Verteidigungsminister ebenfalls in Reimform. „Die Doktorarbeit ist verlogen / Hört man’s links von mir laut toben / Als hätt das Land nicht andere Sorgen/ Als Fußnoten" . . . Der Rest geht unter in frenetischem Applaus. „Ich weiß, dass mein großer Bruder/ Kein Schlechter ist und auch kein Guter / Er ist wie alle hier im Saal / Ein netter Kerl und stinknormal / Er kämpft, sei es uns lang beschieden / Für Freiheit, Wohlstand und für Frieden.“

Humor von Merkel "tief im Keller"

Ohnehin sorgte der adlige Forstwirt, der seine Rede im Aachener „Narrenkäfig“ mit glänzenden Streben halten musste, für einiges Aufsehen, weil er zwar ironisch mit Kollegen seines Bruders ins Gericht ging, aber sich mindestens ein Quantum Ernsthaftigkeit nicht dementieren ließ: Er berichtete über die fiktive Suche nach einem geeigneten „Knappen“, der für seine Bruder den Orden in Empfang nehmen sollte. Der Humor von Bundeskanzlerin Angela Merkel komme „tief im Keller auch mal vor“; die Minister Schäuble, Brüderle und Niebel seien „witzig wie ein morscher Giebel“; Guttenberg II. ätzte, dass „in den Regierungsspitzen doch eher trübe Tassen sitzen“.

Vor allem der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer muss viel Spaß verstehen können, immerhin nannte der Redner ihn das „größte Irrlicht aller Zeiten“ und setzte die Demontage sanft lächelnd fort: „Den Horst, den Vater aller Bayern / Lässt sich am liebsten selber feiern. Und seinen Bruder nahm er vom Spott nicht aus: den „armen Pfau“, den „unablässig schwadronierenden Superbaron“. Und über seine adelige Familie ulkte er: „Unausgesprochen gilt der Pakt / Alles was glänzt; wird eingesackt.“

Debüt in der bunten Welt der Mediensociety

Später, etwa um Mitternacht, stand Philipp zu Guttenberg noch für Fragen bereit. Er wirkte gelöst und zufrieden. Der Auftritt in Aachen war für den Präsidenten der "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzer" war zugleich sein Debüt in der bunten Welt der Mediensociety. Einige Dinge im Manuskript habe er mit seinem Bruder abgesprochen. Der Verteidigungsminister kannte die Rede: „Er fand sie gut und er hat volles Vertrauen“, sagte Philipp zu Guttenberg. Sorgen machte er sich nicht, dass es in der Politik falsch aufgefasst werden könnte.

„Es war eine Karnevalsrede. Das gehört einfach dazu. Ich plädier für Humor, dass man über solche Dinge lacht. Es war heute ein Tag, der sich angeboten hat. Und warum nicht.“ Und zu den Plagiatsvorwürfen gegen seinen Bruder sagte er nur: „Für mich ein bisschen schwierig, weil ich ständig meine Rede umstellen musste.“

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen