Late Night

Anne Will, "Googleberg" und die Kanzler-Frage

| Lesedauer: 5 Minuten
Adrian Pickshaus

Anne Wills Talkrunde diskutiert über die Plagiatsaffäre von Karl-Theodor zu Guttenberg. Besonders umstritten: die Kanzlertauglichkeit des Verteidigungsministers.

Er ist nett, redet schlau und in langen Sätzen. Eckhard Freise ist genauso, wie man sich einen Geschichtsprofessor vorstellt. Gefühlte acht Minuten eiert er freundlich lächelnd am Stehpult von Anne Will um eine Antwort auf die Frage herum, ob die Universität Bayreuth Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wegen der Plagiat-Affäre um seine Doktorarbeit den Titel aberkennen muss. Schließlich sagt Freise, das alles obliege jetzt der Prüfungskommission, er dürfe dazu nichts sagen. Was seine Studenten von des Freiherrn falschen Fußnoten denken, das glaubt Freise aber ganz genau zu wissen: „Die sagen doch jetzt alle: Bei der nächsten Hausarbeit mach' ich auch den Googleberg!“

Der Studentenspruch zeigt das Ausmaß der Bredouille, in die sich der CSU-Shootingstar durch unsauberes wissenschaftliches Arbeiten hineinmanövriert hat. Der adelige Minister ist – zumindest zwischen Campus und Cafeteria – zu einer Karikatur geworden. Zu einem Gag. Und zu einem Synonym für Trickserei.

„Doktor Guttenberg – alles nur geklaut?“ hatte Wills Redaktion den Sonntagstalk betitelt. Ein knackiges Motto für ein perfektes Thema: Wieder einmal konnte eine Fernsehstunde lang über das Wesen des Lieblingspolitikers der Deutschen gemutmaßt werden. Für die Redaktion gibt es da wohl nicht viel vorzubereiten, zu dem gutaussehenden Guttenberg hat ja irgendwie jeder eine Meinung. Und egal ob es um die Bundeswehrreform, den Afghanistan-Einsatz, die Zustände auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ oder eben um eine bereits 2006 fertiggestellte Doktorarbeit geht: Am Ende dreht sich jede Debatte um die Frage, ob Guttenberg noch Kanzler kann.

Wills Redaktion setzte im Halbrund auf vertraute Gesichter. Oder wurde die Gästeliste etwa von Konkurrenzformaten abgekupfert? Denn da saß Alice Schwarzer, „Emma“-Chefredakteurin und Wetterfrosch-Beobachterin, die erst Ende Januar bei Maybrit Illner zum Thema „Hat der Baron die Truppe noch im Griff?“ eingeladen war. Schwarzers Position bei Will: Schlimm, wenn die Vorwürfe stimmen. Aber auch ganz schlimm, was für eine Hetzjagd auf Guttenberg gerade stattfindet.

Neben ihr saß „Stern“-Journalist Hans-Ulrich Jörges, auch er scheint in deutschen Talkshow-Sesseln festgewachsen zu sein. 2010 war er achtmal bei diversen TV-Palavern zu Gast. Seine Meinung zu „KT“: „Guttenbergs Doktorarbeit ist weder glaubwürdig noch echt, noch auf anständige Weise geschrieben worden. Es ist ein Plagiat.“ Wenn ihm die Universität Bayreuth den Doktortitel aberkenne, könne er nur mit viel Glück Minister bleiben. Aber bayrischer Ministerpräsident oder gar Kanzler werden? Das könne der Freiherr sich abschminken.

So laut Jörges auch polterte, irgendwie wirkte der Kolumnist, als wenn Guttenberg ihn persönlich schwer enttäuscht hätte.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach – jenseits der Politik Professor für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Universität Köln – gab vor, die Affäre aus streng wissenschaftlicher Perspektive zu werten.

Er habe Guttenbergs Arbeit gelesen und mit den Plagiat-Sammlungen im Internet abgeglichen. Jetzt mache er sich Sorgen um die Integrität der deutschen Wissenschaft: „Ich musste schon Studenten wegen geringerer Vergehen exmatrikulieren. Es gibt nie eine Entschuldigung fürs Kopieren!“ Was er denn bei künftigen Plagiatsfällen sagen solle, wenn Guttenberg seinen Titel behalten dürfe, fragte der Mann mit der schwarzen Fliege ratlos in die Runde.

Lauterbach und Jörges wussten die Fakten auf ihrer Seite. Denn im Online-Forum „GuttenPlag Wiki“ waren bis Sonntagabend nicht oder falsch gekennzeichnete Zitate auf 270 der 475 Seiten von Guttenbergs Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag“ aufgeführt.

Und der „Spiegel“ berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass Guttenberg auch ein zehnseitiges Papier des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags in seine Arbeit übernommen habe – ohne dies ausreichend zu vermerken.

Dagegen kommt man nur mit Emotionen an, mag sich die CSU-Europaabgeordnete Monika Hohlmeier gedacht haben: „Angesichts von drei toten Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ist die Größenordnung der Diskussion völlig überzogen“, sagte sie bei Will. Guttenberg sei Opfer einer Kampagne der Opposition. Und überhaupt, welcher Mensch habe denn keine Fehler?

Dieter Wedel, Regisseur und promovierter Philosoph, sprang der Tochter von CSU-Übervater Franz-Josef Strauß bei. Guttenberg muss sich ja fühlen, so der Fernsehmacher, als würde ein Pogrom gegen ihn losgetreten. Und über die Will-Sendung sagte er: „Ich komm mir ja vor, als würde ich hier bei einem Inquisitionsgericht sitzen!“ Folgerichtig wählte der Regisseur die Rolle des Verteidigers.

Als Zuschauer hätte man wirklich gerne gewusst, mit welchen Gefühlen der Verteidigungsminister all die Spekulationen um seinen Gemütszustand und seine Verfehlungen verfolgt hat. Momentan macht sich der Medienstar rar, heute Abend soll er im hessischen Städtchen Kelkheim auftreten. Ob er wirklich kommt, ist ungewiss.

Fakt ist: Der Teflon-Minister ist angeschlagen. Das zeigen auch aktuelle Umfragen: Laut den Meinungsforschern von Emnid sehen 52 Prozent der Deutschen Guttenbergs Glaubwürdigkeit durch „Copygate“ beschädigt. Aber nur 27 Prozent finden, er müsse sofort zurücktreten.

Die meisten Deutschen haben in der Schule wohl auch mal gespickt - und deshalb Verständnis für Schummeleien. Aber ob sie einen Mitschüler, der bei Ihnen abgeschrieben hat, auch zum Klassensprecher wählen würden, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist nur eins: „Googleberg“ wird noch viele Talkshows füllen.

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