Nach einer mehrstündigen Blockade im nordfranzösischen Caen fährt der Castor-Transport weiter. Der Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll war gegen 14.20 Uhr vom Verladebahnhof Valogne zum deutschen Zwischenlager Gorleben gestartet. Kurz darauf war der Zug mit elf Atommüllbehältern gestoppt worden, weil sich fünf Atomkraftgegner in der Nähe von Caen an den Gleisen festgekettet hatten. Die Polizei nahm sie fest.
Rund 150 Demonstranten enthüllten am Bahnhof Caen ein Transparent, auf dem zu lesen war: „Unser Widerstand kennt keine Grenzen.“ Der Zug war am Nachmittag in Valognes im Nordwesten Frankreichs losgefahren.
Im niedersächsischen Lüchow protestierten am Vormittag hunderte Schüler gegen den Atommülltransport ins nahe gelegene Zwischenlager Gorleben. Am Wochenende wurden im Wendland Zehntausende Atomkraftgegner zu Kundgebungen erwartet. Wegen der Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken rechnen die Veranstalter mit den größten Protesten seit Jahrzehnten. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und die Polizei, die mit 17.000 Beamten im Einsatz ist, riefen die Demonstranten zu friedlichen Protesten auf.
Der Zug mit insgesamt 154 Tonnen eingeschmolzenem Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague wurde am Samstagmittag an der Grenze zu Deutschland erwartet. Die Behälter sollen auf der Schiene bis Dannenberg fahren. Dort sollen die Behälter auf Tieflader gehievt und auf der Straße das letzte Stück ins Zwischenlager Gorleben gebracht werden. Die Castoren sollen das Zwischenlager am Montagmorgen erreichen.
Röttgen rief die Demonstranten auf, sich besonnen zu verhalten. „Das Recht auf Demonstrationsfreiheit rechtfertigt nicht, sich selbst oder das Leben anderer Menschen zu gefährden“, erklärte der CDU-Politiker. Der Transport sei notwendig, weil man die Lasten der Vergangenheit nicht anderen aufbürden könne. Nach Röttgens Worten ist neben dem aktuellen Transport noch ein weiterer aus Frankreich mit Castor-Behältern vorgesehen. Er soll im kommenden Jahr stattfinden.
Die Verlängerung der AKW-Laufzeiten dürfte dem Protest starken Auftrieb geben. Nach Mitteilung des Protestbündnisses „Ausgestrahlt“ sind allein für die Großdemonstration am Samstag in Dannenberg mehr als 300 Busse angemeldet, die Atomkraftgegner in die Region bringen sollten.
Die Deutsche Polizeigewerkschaft und der Bund der Steuerzahler forderten, die Energiekonzerne an den immensen Kosten des Polizeieinsatzes zu beteiligen. Gewerkschaftschef Rainer Wendt sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, der Einsatz dem Steuerzahler werde weit über 50 Millionen Euro kosten. Die Bundespolizei rief die Demonstranten zum friedlichen Protest und Respekt auf. Die Beamten würden aber gegen Sabotage und alle Formen von Gewalt vorgehen, erklärte das Bundespolizeipräsidium in Potsdam.
Im Zwischenlager in Gorleben stehen bereits 91 Behälter mit Atommüll. Die Umweltschützer befürchten, dass mit jedem Transport die Wahrscheinlichkeit steigt, den nahen unterirdischen Salzstock zu einem Endlager auszubauen. Trotz zahlreicher Atomkraftwerke gibt es in ganz Europa noch kein Endlager für hochradioaktiven Atommüll.
Reuters/AFP/dpa/str


