Atomkraftgegner haben die Fahrt des mit hochradioaktivem Atommüll beladenen Castor-Transports nach Gorleben erneut behindert. Wie die Bundespolizei in Koblenz mitteilte, wurde der Zug am frühen Sonntagmorgen im Norden Hessens gestoppt, nachdem sich zwei Aktivisten von einer Brücke abgeseilt hatten. Nach einer Verzögerung von mehr als anderthalb Stunden konnte der Castor-Transport seine Fahrt demnach fortsetzen.
Die Aktivisten hätten sich in der Nähe des Ortes Morschen von einer Brücke abgeseilt und dadurch die Weiterfahrt des Castor-Transportes behindert, sagte eine Sprecherin der Bundespolizei. Etwa 50 Atomkraftgegner hätten zudem die Gleise blockiert. Die Gleisblockade sei von der Polizei aufgelöst worden. Der Zug sei für eine Dauer von rund einer Stunde und vierzig Minuten angehalten worden und habe seine Fahrt mittlerweile wieder aufnehmen können.
Bereits am Samstagabend war der Castor-Transport nach Angaben von Atomkraftgegnern in Darmstadt kurzzeitig aufgehalten worden. Dabei wurde auch die Vorsitzende der Landtagsfraktion der Linkspartei in Hessen, Janine Wissler, für anderthalb Stunden in Polizeigewahrsam genommen, wie der Pressesprecher der Landtagsfraktion, Thomas Klein, sagte. Die beiden Politiker der Linkspartei hätten sich mit weiteren Atomkraftgegnern in Darmstadt-Kranichstein auf die Gleise gestellt. Es sei ihnen kurzzeitig gelungen, den Transport aufzuhalten.
Eine Überprüfung der Achsen des Castor-Transports ergab nach Polizeiangaben unterdessen keine Mängel. Es seien keine Anomalien festgestellt worden, sagte ein Polizeisprecher. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte zuvor mitgeteilt, dass auf Infrarotbildern eine erhöhte Temperatur an einer Achse zwischen den Castorwaggons festgestellt worden sei und eine Untersuchung gefordert. „Ein Radachse zwischen Waggon sechs und sieben ist auf den Bildern deutlich wärmer als alle anderen“, sagte Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. „Das darf nicht ignoriert werden, nicht bei dieser tödlichen Fracht, die in diesem Zug durch Deutschland fährt.“
Gegen die Lieferung des Atommülls in das nahe Zwischenlager Gorleben hatten am Samstag in Splietau bei Dannenberg im Wendland zehntausende Atomkraftgegner demonstriert. Nach Veranstalterangaben versammelten sich dort mehr als 50.000 Menschen. Am Rande der Kundgebung in Splietau kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Atomkraft-Gegnern und der Polizei. Die Aktivisten hätten in der Nähe des Kundgebungsgeländes eine Straße besetzt, sagte ein Sprecher der Polizei in Lüneburg. Herannahende Polizisten hätten die Aktivisten mit Steinen und Knallkörper beworfen. Die Beamten seien daraufhin mit Knüppeln und Reizgas gegen sie vorgegangen.
Der Zug mit den elf für Gorleben bestimmten Castoren mit hochradioaktiven Rückständen aus der Wiederaufarbeitung deutscher Reaktorbrennstäbe hatte am Samstagmittag die deutsch-französische Grenze bei Kehl in Baden-Württemberg überquert. Dorthin war er wegen einer Gleisblockade von mehreren hundert Atomkraftgegnern auf seiner ursprüngliche Route bei Berg (Rheinland-Pfalz) umgeleitet worden. Der Transport hatte am Freitag die Wiederaufarbeitungsanlage im nordfranzösischen La Hague verlassen und soll voraussichtlich am Montag in Gorleben eintreffen. In der Region wurden weitere Proteste erwartet.
AFP/tma





