Alles ist gut vorbereitet. Bei der Polizei, die sich in den vergangenen Tagen schon recht breit aufgestellt hat im herbstlichen Wendland. Bei den Atomkraftgegnern, deren Camps und Sammelplätze sich ganz allmählich füllen, trotz des Dauerregens, der den schweren Dannenberger Boden durchweicht hat. Natürlich auch bei der Politik, wo sich die Fronten in den vergangenen Wochen geklärt haben wie schon lange nicht mehr. Rechts, links. Gut, böse. Oben, unten. Die Fronten sind klar für den zwölften Castor-Transport nach Gorleben, der sich am Freitagmittag ganz pünktlich um 14 Uhr auf den 1000 Kilometer langen Weg Richtung Dannenberg gemacht hat.
Wer sich in diesen Tagen die Bilder aus den frühen 80er-Jahren noch einmal angeschaut hat, die Berichte über die „Republik freies Wendland“, und dann, heute, im Jahr 2010, die „Volxküche“ auf der Esso-Wiese in Dannenberg betrachtet, an deren Zeltdach der böige Westwind zerrt, die alten Parolen, die etwas zauseligen Camping-Gestalten, die rote Sonne auf gelbem Grund, der könnte meinen, die Zeit sei stehen geblieben. Als habe es diese gut 30 Jahre gar nicht gegeben, in denen so viel passiert ist. Aber hier? „Gorleben jetzt endgültig stilllegen! Den Atomstaat nicht passieren lassen“, fordern die handgemalten Parolen. Ach ja. Und dann?
Man kann natürlich ein wenig genauer hinschauen, hier wie dort, und den faden Stillstand etwas verwischen. Was damals spontan, aus dem Bauch, ein wenig chaotisch durcheinanderlief, ist heute, spätestens auf den zweiten Blick, bestens durchorganisiert. Der Protest gegen Castor-Transport Nummer zwölf, das lässt sich ablesen auf den unzähligen Internetseiten, die die beteiligten Initiativen ins Netz gestellt haben, ist nicht nur „Widerstand“ oder „ziviler Ungehorsam“, er ist auch kühl kalkuliertes Event.
Stramm geplant, eng getaktet. Zelte, Verpflegung, Kundgebung, Kulturprogramm, Treckerblockaden, Gleisblockaden, Straßenblockaden. Anreise, Abreise, Parkplätze, Kinderzelt. Selbst ein eigener Bus für die Presse steht bereit, mit dem die Berichterstatter schnell und flexibel zu den Brennpunkten der Castor-Aktionen gefahren werden sollen. „Die Polizei hat uns zugesichert, dass sie diesen Bus passieren lässt, er bringt Sie dann zu den Brennpunkten des Protests“, priesen die Gorleben-Initiativen in dieser Woche ihre Organisationskraft.
Man weiß ja aus der Geschichte dieser Transporte, dass die Einlagerung der Castoren im hiesigen Zwischenlager mit dem hoch radioaktiven Atommüll nicht wirklich zu verhindern sein wird. Aber wenigstens sollen die Millionen Bilder, die die Medien in den kommenden Tagen produzieren werden, die gute alte Botschaft hinaustragen ins Land: Atomkraft – nein, danke.
Wobei man schon sagen muss, dass auch die Sache mit den Medien nicht mehr ganz so einfach zu sortieren ist. Zwar bekommt der Morgenpost-Online-Reporter noch immer und recht verlässlich ein bedenkliches Gesicht vorgesetzt, wenn dem Befragten klar wird, dass dieses Blatt „bei Springer“ erscheint. Aber im zweiten Satz wird dann auch schon über die „taz“ geklagt, die seit dem G-8-Gipfel auch unten durch sei. Mit Gorleben 2010 wird vermutlich auch „Die Zeit“ zum Lager der Bösen gezählt, die in ihrer jüngsten Ausgabe die intellektuelle Borniertheit von Teilen der Anti-Akw-Bewegung samt grünen Unterstützern auseinandernimmt.
Man kann sich an dieser Stelle noch kurz darüber wundern, welch üppigen Limousinen-Fuhrpark das ZDF hier gleich neben dem Bahnhof Dannenberg-Ost glänzen lässt. Gereicht jedem VIP-Shuttle-Service zur Ehre, passt aber nicht wirklich in den Dannenberger Matsch. Aber da steht man dann auch schon auf der anderen Seite der Barrikade.
Umgeben von Absperrgittern, Stacheldraht mit gelben Warnzetteln „Verletzungsgefahr“, angestrahlt von mobilem Flutlicht, bewacht von einem Jungpolizisten mit weichem süddeutschem Akzent, erhebt sich die Verladestation ins frühe November-Dunkel. Hier werden die elf neuen Castor-Behälter mit dem in Frankreich aufgearbeiteten Atommüll vom Zug auf die bereitstehenden Tieflader umgehoben. Die Station mit Gleis und Kran ist so etwas wie der Heilige Gral des Castor-Rituals, um den herum sich alles gruppiert.
Protestwiese und provisorische Polizeikaserne, Satellitenschüssel und Suppenküche. Am Montag oder Dienstag oder Mittwoch, je nachdem, wie lange der Transport tatsächlich benötigt bis Dannenberg, wird man sich hier dann gegenüberstehen. Hubschrauber werden fliegen, Blaulicht zucken. Auch das wie damals. Räuber und Gendarm. Nur die Wärmekameras waren damals nicht dabei, mit denen die Polizei entlang der Straßen und Gleise potenzielle Blockierer ausfindig machen will. Und ganz so charmant war der Gendarm damals auch nicht.
Friedrich Niehörster, der Polizeipräsident von Lüneburg und oberste Einsatzleiter hier im Wendland, ist alles andere als ein „Bulle“, der nicht richtig gucken könnte links und rechts. Castor. Durch. Gut. Ganz im Gegenteil. Niehörster ist jovial, freundlich, verständnisvoll, lösungsorientiert. Er lässt keinen Zweifel daran, dass ihm Castor-Transporte gehörig auf die Nerven gehen, und zeigt gelegentlich einen fast schon zu spielerischen Umgang mit den ja nicht immer harmlosen Formen des wendländischen Protests.
Er sei jedenfalls schon einigermaßen gespannt, sagt Niehörster, welche neuen Ideen die Wendländer in diesem Jahr präsentieren, um die Weiterfahrt der eingesetzten Züge und Tieflader zu behindern. Am Freitag, bei der ersten größeren Aktion, einer Schüler-Demo in der Kreisstadt Lüchow, war der Polizeipräsident dann auch schon mal sehr zufrieden. Diese Aktion habe „Happening-Charakter“ gehabt, bilanzierte Niehörster. Aber ob es dabei bleibt in den kommenden Tagen?
Man wird jedenfalls auch auf dieser Seite des Castor-Rituals sehr streng darauf achten, dass im Umgang mit den diversen Formen des wendländischen Widerstands die richtigen Bilder entstehen. Ein blutender Bauer, der von einer Meute Uniformierter aus dem Trecker gezogen wird wie noch im Jahr 2003, soll möglichst nicht mehr dabei sein. „Das Verhalten der Polizei ist ausrechenbar, transparent und fair“, sagt Niehörster, aber am Ende werde er seinen Auftrag erledigt haben. Dies zumindest werde mit Sicherheit in diesem Jahr nicht anders sein als bei den elf bisherigen Castor-Transporten.
Ob es dabei mehr oder vielleicht doch weniger friedlich zugeht, wird sich vermutlich nicht auf der heutigen Großdemonstration zeigen, zu der um die 30.000 Menschen auf einem Acker bei Dannenberg erwartet werden, sondern ab Sonntag beim sogenannten Schottern.
Womit wir im „Café Grenzbereich“ wären, einer Kulturkneipe unweit des kleinen Dörfchens Jameln, wo jener Teil des Wendland-Protests gerade eine Pressekonferenz abhält, der von der klassischen Verfasstheit des bundesrepublikanischen Rechtsstaats eine ganz eigene Auffassung hat. Das Unbrauchbarmachen fremden Guts, in diesem Fall von Bahngleisen, ist aus Sicht der Initiative „Castor Schottern“ nämlich keine Straftat, sondern eine legitime Form des Widerstands, die von der Polizei zu dulden sei. „Wir werden die Schienen erst wieder verlassen, wenn wir sie für den Castor unbefahrbar gemacht haben“, erklären die Sprecher der Initiative in überaus kategorischem Ton, „wir sind gekommen, um ein Loch zu machen“.
Man könnte jetzt lange darüber philosophieren, was alles passieren würde mit diesem Land, wenn jede Lobbygruppe ihr eigenes Anliegen über das geltende Recht stellen und „Löcher machen“ würde, wo es ihr gerade passt. Aber erstens hat es diesen, etwas finsteren, aber vom Rest des Protests mit Sympathie betrachteten Teil des Widerstandes gegen die Castor-Transporte auch schon immer gegeben. Und zweitens geht es nicht um die Theorie in den kommenden Tagen. Friedrich Niehörster jedenfalls ist fest entschlossen, im „Schottern“ eine Straftat zu sehen, und weiß sich dabei in Übereinstimmung mit der Staatsanwaltschaft in Lüneburg, die bereits die entsprechenden Aufrufe im Internet strafrechtlich verfolgt.
Es könnte sehr ungemütlich werden in den kommenden Tagen im Wendland, trotz einer für diesen Herbst doch noch ziemlich optimistischen Wetterprognose.


