Hamburg vor der Wahl

Kabbelei in der schönsten Stadt Deutschlands

Die Hamburger wollen immer das Schönste, Beste, Größte. Aber ein bisschen subito, bitte. Doch jetzt wird im großen Stil gestritten.

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Stadt Hamburg an der Elbe Auen,

Wie bist du stattlich anzuschauen!

Mit deinen Türmen hoch und hehr

Hebst du dich schön und lieblich sehr

Da steht man nun hoch oben über dem Fluss und kriegt sich gleich in die Flicken. Ist diese Aussicht nicht wunderschön, Schatz? Wie, wunderschön? Diese Industriebrache? Ich fand den Blick schon immer hässlich. Sagt die, um mit Kishon zu sprechen, beste Ehefrau von allen. Es ist nicht zu fassen. Man steht im 20. Stock des Empire Riverside, hoch über St. Pauli, ein traumhafter Blick über den Hafen, über den Strom, über die ganze Stadt. Und man streitet sich. Über Hamburg. Die schönste Stadt Deutschlands. Was sag ich? Der Welt! Es ist ein wenig peinlich. Der Kellner bringt jetzt einen Martini. Trocken, auf Eis. Der macht die Sache dann etwas erträglicher.

Wenn man sich etwas Zeit nimmt, kann man sich die Dinge ja auch hässlichtrinken. Natürlich. Direkt unter uns, in 60 Meter Tiefe, ein riesiger Stapel Holz in einer Baugrube, um die „Scharfe Ecke“ zieht es wieder mal wie Hechtsuppe. Direkt daneben die Herbertstraße, in der alle Frauenrollendebatten der vergangenen Wochen binnen fünf, zehn Minuten ad absurdum geführt werden. Die Elbe ein graues, kräuselndes Band, auf dem kaum ein Schiff unterwegs ist an diesem Wochenende. Hafenrundfahrt bei drei Grad, steifer Brise und Schneegriesel, da muss man ja schon sehr hartgesotten sein. Oder Tourist. Nicht von hier. Und bei Blohm und Voss, auf dem Trockendock, liegt kein schöner weißer Schwan, sondern ein oller Gastanker, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Im „König der Löwen“-Zelt spielen sie immer noch „König der Löwen“, seit Zig Jahren jetzt, und bei der Wahl am Sonntag darf man sich entscheiden zwischen Christoph Ahlhaus und Olaf Scholz. Na, Glückwunsch. Hamburg, meine Perle?

Aber, nun schau, Frau, wie die Lichter funkeln an den Tausend Kränen, wie der Fluss sich majestätisch vorbeischiebt an Altona, sich ganz langsam in der milchigen Ferne verliert, Blankenese rechts liegen lassend. Und dann zum Abschied auch Schulau. Wer hier oben steht, hier ganz oben also, und wirklich schaut, der beginnt sich – immer noch und immer noch – ganz automatisch zu sehnen nach der großen Welt, deren Heimathafen ja, nur und ganz ausschließlich Hamburg sein kann. Was denn sonst? Wo denn sonst. Und unten, bei Schmidts, in der Mitternachtsshow, wo Lilo Wanders jetzt Elke Winter heißt, singen sie gerade lauthals mit: auf der Reeperbahn!

Die Reeperbahn, ach ja, die hat doch auch schon mal bessere Tage gesehen. Herr Ober, dasselbe noch mal.

Reich blühet dir auf allen Wegen

Des Fleißes Lohn, des Wohlstands Segen

So weit die deutsche Flagge weht

In Ehren Hamburgs Name steht

Weltniveau?

Wie die jungen Leute, Gucci, Gucci, die kommen ja auch sehr gern hier hoch. Sie läuten den Abend ein und freuen sich und lachen. Ja, man staunt schon ein wenig, was da so an Geld unterwegs ist, der Drink im „20up“ kostet ja schon mal einen Euro mehr. Es ist inzwischen dunkel geworden, das Licht gedimmt, das Gebrabbelgemurmelgekiekse nimmt jetzt Formen an. Man könnte sich noch einen Moment über die Hartz-IV-Debatte unterhalten. Über Billstedt oder Oldenfelde, wo bald gar nichts mehr geht. Man könnte schon ein Getränk bekommen hier oben für fünf Euro mehr. Aber keinen Cocktail. Nein, keinen Cocktail, den nicht. Weder mit Frau Schwesig noch mit Frau von der Leyen. Aber wer kommt denn schon auf solche Gedanken hier oben? Schau doch, die stolzen Türme der Stadt. Katharinen, St. Petri, Jacobi, Nikolai. Und dahinten die drei Kräne, die die dunkle Silhouette der Elbphilharmonie umstellen, als wollte das Neue das Alte gleich herausfordern zum Tänzchen nach Mitternacht. Aber ja, Schatz, irgendwann werden sie den Konzertsaal eröffnen, irgendwann. Dann gehen wir hin. Was für ein Blick. Was für eine Musik. Irgendwann. Mit unseren Kindern. Hand in Hand. Das wird schön. Weltniveau.

So sind sie doch, die Hamburger, weißt du, wollen immer das Schönste, Beste, Größte. Aber ein bisschen subito, bitte. Dann kriegen sie es, drücken in den Schlick des Flusses ein Gebäude, das es aufnehmen soll mit dem Rest der Welt. Und ihr? Ihr fangt an zu wettern. Und zu rechnen. Was das wieder kostet. Millionen Kindergartenplätze, sechsstündig, jedes Jahr ein neuer Antrag, die da verloren gehen? Verloren. Dabei: Wenn man es mit anderen großen Bauten vergleicht, liegen die Preise mitten im Rahmen. Aber du, ihr, hier, ausgerechnet bei den Pfeffersäcken, nehmt Äpfel für Birnen. Ihr habt wohl tatsächlich geglaubt, so ein Bau für die Ewigkeit, den bekäme man auch für umsonst. Man ist schließlich Hanseat. Dass es sich auch so lohnt, darf man inzwischen ja kaum noch sagen. Alle halten hier gerade Distanz zu ihrem neuen Wahrzeichen. Wird ja schließlich gewählt heute. Man kann ja nie wissen. Wir haben doch den Michel. Und Ole. Und Olaf. Wozu also eine Philharmonie?

In der U-Bahn, mein Lieber, hör ruhig zu, da haben sie gerade Plakate aufgehängt. „Wo Museen wachsen?“, wird da gefragt. Und gleich drunter dann die Antwort. „In Hannover!“ Das muss man sich hier inzwischen gefallen lassen hier. Von wegen Berlin. Das lütte Hannover dreht uns eine Nase. Mitten in der U2, am Gänsemarkt. So weit ist es schon gekommen. Maschsee statt Alster. Lüttje Lage für alle. Prost, Pliquett! Eckfahnenumtreten, das geht ja vielleicht noch. Aber Meister wird hier keiner mehr. Never walk alone. Vielleicht sollten wir jetzt doch lieber mal los, mein alter Freund.

In Kampf und Not bewährt aufs Neue

Hat sich der freien Bürger Treue

Zur Tat für Deutschlands Ruhm bereit

Wie in der alten Hansezeit

Höchste Kaufkraft, höchste Wirtschaftsleistung, höchstes Pro-Kopf-Einkommen, höchstes Wachstumspotenzial, höchster Fahrstuhl über dem Fluss, Hamburg vorn. Das zählt doch alles immer noch. Solange wir die Elbe wieder ein bisschen tiefer baggern, kommen auch die Schiffe. Also los mit deinen schicken Ugg-Boots und meinem Lodenmantel immer um die Alster herum; auf dem Laufsteg des Nordens bis zur Alsterperle, ja meinetwegen auch noch zu Bobby Reich. Draußen nur Kännchen? Vergiss es. Hamborch ist längst wieder hipp, menno, kein Goldknöpfchen mehr, nirgendwo. Man trägt jetzt lieber Grau in Grau. Und Katja-Gelb natürlich.

Joop und Lagerfeld, Jil Sander, die Sieger aus der verschneiten Modewelt. Alle weg. Verloren gegangen in einer Stadt, die immer noch stolz ist auf ihr kleines Karo-Viertel. Und auf die großen Schaufenster in den Wällen, Noblesse oblige, aber ganz sicher. Wir trotzen Tempelhof und Fashion Week, die haben wir hier das ganze Jahr. Udo, alter Udo! Was soll das Geeier? Karl Lagerfeld macht längst Werbung für VW Golf. Also bleib ruhig noch ein Weilchen. Die Zeiten ändern sich. Und für ein Likörchen an der Bar, Schatz, da reicht die Zeit auch noch.

Hat er nicht aber vielleicht doch recht, der alte Mann mit Hut. Wann warst du eigentlich das letzte Mal hier im Atlantik zwischen all dem Plüsch und Plum? Vorvorgestern. So ein bisschen mehr Marlene täte uns doch auch nicht schlecht, oder? Mal wieder über die Kaikante gucken. Schau dich doch mal um. Thalia, Schauspielhaus, Ballett-Kompanie. Gustav Gründgens, alles mal erste Wahl – gewesen. Oder sollen wir jetzt noch mal streiten über die Lüftungsklappen gleich nebenan in der Galerie der Gegenwart? Über die ramponierten Sammlungen im Museum für Hamburgische Geschichte oder im Altonaer Museum? Inzwischen sucht man hier ganz und gar vergeblich nach jener rauschenden, womöglich eindringlichen Inszenierung, in die man einfach gehen muss, muss, muss.

Hamburg, ja, auch das gebe ich hiermit offiziell zu Protokoll, 18.02.2011, 00.02 Uhr, leidet ganz erheblich unter diesem vordrängelnden, vorlauten Zentralismus Ost-Süd-Ost. In Wirklichkeit, das musst du doch zugeben, Mann!, in Wirklichkeit interessiert es bundesweit keine Sau, dass Hamburg in diesem Jahr Umwelthauptstadt 2011 ist. Und in der Stadt selbst? Auch keinen. Aber wir können Sonntag ja wählen – falls wir nicht zu spät kommen nach dieser Nacht.

Der Becher kreis' in froher Runde

Und es erschall aus Herz und Munde

Gott wolle ferneres Gedeih'n

Der teuren Vaterstadt verleih'n.

Wir gehen jetzt besser noch mal an die frische Luft, ehe die Dinge eskalieren. Der Portier guckt schon ganz komisch. Du wirst sehen. Es ist kalt, aber klar, der Wind hat nachgelassen, und man riecht schon fast den Fetzen Frühling. Wie die Stadt dann wieder strahlen wird, so hell und weiß. Kein freier Platz mehr rund um die Alster, fröhlich, friedlich, freundlich, alle. Schönen Sonntag noch.

Es geht um die Heimat

Wir beide, wir biegen jetzt mal hier ab, Richtung Heimat. Ruhig etwas näher ran in dieser nicht ganz so lauschigen Nacht. Wir bummeln noch ein bisschen. Träumen zusammen vom Sommer in Neumühlen, die Elbe hinab, vom Katzensprung an die Ostsee und einem strammen Lauf durchs Niendorfer Gehege. Vom roten Kohl im „Café Corell“. Oh, und von den Strandbars natürlich. Blankenese, treppauf, treppab. Die hatten sich da ja richtig in den Flicken, wegen des Bahnhofsumbaus. Ich sage dir, Sorgen kann man haben hier in Hamburg.

Wir kommen dann, nun doch ganz eng und Arm in Arm, noch einmal auf die Politik zu sprechen, die Plakate stehen ja überall herum. Vielleicht sollten sie sich mal mit der Zukunft der Stadt befassen, vielleicht ab Montag, ganz befreit, wenn alles vorbei ist, wenn die Plakate verschwinden und man sich nicht mehr ständig um sich selbst drehen und auf die Vergangenheit pochen muss. Ach, das waren noch Zeiten. Man könnte jetzt sogar noch einen kleinen Martini vertragen und anstoßen auf diese Hoffnung. Aber dann sind wir längst schon da. Zu Haus.

Im Grunde genommen geht es immer wieder um die eine Heimat. Um das ganz Kleine im inzwischen nur noch Mittelgroßen. Um die Freunde, die Nachbarn, und um das, was einen festhält in dieser quirligen Gegend, die du auch gar nicht tauschen willst. Höchstens mal kurz. Und um die, die schon gegangen sind. Nach Berlin. Hannover, wie kann man nur. Oder ins Nirgendwo. Und die trotzdem, zum Schluss, wieder hier bei uns sitzen in trauter Runde, vielleicht im feinen „20up“, vielleicht im alten „Zeus“, beim Ouzo-Griechen. Und die, das steht mal fest, das weiß man genau, sich heimlich zurücksehnen und leise mitsummen:

Hammonia, Hammonia!

O wie so herrlich stehst du da.

(Verse aus der Hamburg-Hymne „Stadt Hamburg an der Elbe Auen“)