Organisierte Kriminalität

Deutschland – für die Mafia das gelobte Land

Alle reden vom Terrorismus, dabei ist die Gefahr, Opfer von Organisierter Kriminalität zu werden, um ein Vielfaches höher. Experten kritisieren, dass das Innenministerium die Lage unterschätzt. Die Folge: Für die Paten der Mafia ist Deutschland das gelobte Land.

Foto: JM MB**FK** / AP

Für ein paar Tage im August war Deutschland alarmiert. Vor dem Duisburger Restaurant „Da Bruno“ hatten zwei Killer sechs Italiener regelrecht niedergemetzelt, mit mindestens 70 Schüssen aus Schnellfeuerwaffen wurden die Opfer durchlöchert. Nach Erkenntnissen der Ermittler gehörten die Täter zur ’Ndrangheta', einer der gefährlichsten Mafia-Organisationen Italiens. Hintergrund der Morde an Maria Himmelfahrt soll eine Familienfehde zweier Clans aus Kalabrien gewesen sein. Die Zeitungen schrieben in großen Lettern vom „Mafia-Krieg“ in Duisburg und einem „der schlimmsten Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte“.

Doch die Aufregung legte sich schnell. Zwei Monate später findet die Berichterstattung über die Bluttat – wenn überhaupt – nur noch in den Randspalten statt. Dabei sind die Täter keineswegs gefasst. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Mord auch in fünf Jahren noch nicht aufgeklärt sein wird“, sagt Dieter Wiefelspütz, „aber das scheint niemanden zu stören.“ Nach Ansicht des SPD-Politikers ist dieser öffentliche Gleichmut gegenüber der Organisierten Kriminalität (OK) eine Folge falscher Gewichtungen bei der Verbrechensbekämpfung. „Die Gefahr für einen Bürger, Opfer einer OK-Straftat zu werden, ist tausend Mal größer als die Gefahr, Betroffener eines terroristischen Anschlags zu werden“, sagt Wiefelspütz. Während Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) aber ständig vor der Bedrohung durch den internationalen Terror warne, schweige er sich zur OK aus.

Das Interesse der Schäuble-Behörde hat nachgelassen

In der Tat hat das Interesse des Innenministeriums an dem Thema nachgelassen. Zwar versichert ein Sprecher Schäubles, beide Kriminalitätsbereiche spielten für den Minister eine „gleichbedeutende Rolle“. Doch während der jährliche Lagebericht des Bundeskriminalamts zur OK früher in großen Pressekonferenzen präsentiert wurde, stellte man das Papier in diesem Jahr beinahe schamhaft ins Internet – und das nur wenige Tage nach dem Massaker von Duisburg.

Polizeigewerkschafter glauben, den Grund dafür zu kennen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 seien viele versierte Beamte von der OK- in die Anti-Terror-Abteilung versetzt worden, so dass nun die Ressourcen fehlten. „Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität sind Kontrolldelikte“, sagt Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei. „Es sind aufwendige Ermittlungen nötig, bei denen in der Regel viele Ermittler viel Zeit benötigen, um den Hintermännern das Handwerk zu legen.“ Weil die OK-Bekämpfung im politischen Stellenwert aber keinen vorderen Rang mehr habe, gebe es eben Defizite.



Für die Paten ist Deutschland das gelobte Land



Roberto Saviono hält diese Verdrängung der Bedrohung durch mafiöse Strukturen in Deutschland für falsch. Die Konzentration auf die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus spiele der Mafia in die Hände, sagt der Autor des Buchs „Gomorrha“, einer Insider-Beschreibung des weltweit operierenden Netzwerks der Camorra. Für die Paten sei Deutschland das gelobte Land, weil der Verfolgungsdruck nicht besonders groß sei. „Es gibt hier eine gewisse Neigung, die Sache beiseite zu schieben, sie den Italienern zu überlassen. Dabei hat das Problem längst eine europäische Dimension“, sagt Saviono.

Einen Eindruck, von welcher Dimension er spricht, gibt eine aktuelle Studie des Linzer Ökonomen Friedrich Schneider. Die Umsätze organisierter Krimineller in Deutschland haben danach einen Umfang erreicht, der einem Fünftel der Wirtschaftsleistung des Landes in Höhe von 2303 Milliarden Euro entspricht. Langfristig erlangten kriminelle Gruppen damit „einen nicht zu unterschätzenden und gefährlichen Zuwachs an wirtschaftlicher und letztlich auch politischer Macht“, schreibt Schneider. Als weltweite Orientierungsgröße lässt sich eine Schätzung des United Nations Office on Drugs and Crime in Wien heranziehen. Danach basieren zwei bis drei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung auf kriminellen Geschäften – das sind rund 1300 Milliarden Dollar.


4000 kriminelle Gruppen in der EU aktiv



„Wo mit möglichst wenig Risiko möglichst großer Gewinn gemacht werden kann, da ist die organisierte Kriminalität mit dabei“, sagt Max-Peter Ratzel, Direktor der europäischen Polizeibehörde Europol. Nach seinen Erkenntnissen sind allein in der EU rund 4000 kriminelle Gruppen aktiv, die sich vorwiegend mit Drogenhandel, aber auch mit Falschgeld, gefälschten Hochpreisprodukten, Zigarettenschmuggel, Waffen- oder Menschenhandel befassten. Das illegale Geschäft organisiere sich dabei ähnlich wie die legale Wirtschaft. An sich rivalisierende Gruppen von Kriminellen würden sich immer öfter zu Zweckbündnissen zusammenschließen, um ihren dunklen Geschäften arbeitsteilig nachgehen zu können. „Sie gucken, wer hat welches Spezialwissen und wie kann man das in kriminellen Allianzen bündeln“, sagt Ratzel.

Unterirdischen Pilzgeflechten gleich überwinden die Kaufleute der Unterwelt alle Landesgrenzen, heißt es in einer jüngst veröffentlichten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. So wie die Warenströme zunehmend über Landesgrenzen hinweggehen, so internationalisiert sich auch das Verbrechen. Erst Gewaltexzesse wie in Duisburg machen die Öffentlichkeit auf diese heimlichen Geschäfte aufmerksam – und sind deshalb bei den Drahtziehern nicht gern gesehen. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts fragte die Camorra schon am Tag nach den Duisburger Morden bei den Bossen der ’Ndrangheta nach, warum diese Dummheit passiert sei. „Die Organisierte Kriminalität ist nur dann gut organisiert, wenn sie eben nicht auffällt“, sagt der ehemalige BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert.

Der Elan ist verloren gegangen

Zachert trieb den Kampf gegen die OK in den 90er Jahren energisch voran. Er beklagt, dass dieser Elan heute verloren gegangen ist. Aber er hat auch Verständnis dafür. „Wenn es wirklich einen Terroranschlag geben sollte, werden die Verantwortlichen gefragt, ob sie alles zur Prävention getan haben“, sagt Zachert. Deshalb würden die Kräfte im Anti-Terror-Kampf gebündelt. Wenn das BKA parallel wirklich konsequent gegen die „Krake OK“ vorginge, werde das Amt personell „ausbluten“.

Eine Lösung sieht Zachert nur in der Internationalisierung der Verbrechensbekämpfung. Lediglich ein funktionierendes

Netzwerk der Ermittler könne die Netzwerke der Kriminellen wirksam stoppen. Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg. Auf einer Skala von eins bis zehn gibt Zachert der länderübergreifenden Zusammenarbeit die Note vier: „Mit viel gutem Willen.“