Popkultur

Kein Verlierer ist so cool wie Scarface

1983 spielte Al Pacino den Gangster Scarface. Der Film war sehr brutal, sehr lang, sehr aufregend. Mittlerweile ist Scarface eine echte Pop-Ikone, die im HipHop genauso verehrt wird wie von Oliver Kahn und echten italienischen Gangstern. Ein Mafioso hat sich sogar die Villa des Helden nachbauen lassen.


Tony hätte sich gefreut. Auf einmal reden wieder alle von ihm. Zuletzt sein Verwandter im Geist Oliver Kahn. Woher er diesen unbeugsamen Willen zum Erfolg habe, wurde der kürzlich in einem Interview gefragt. Von den Ikonen der Achtziger, war die Antwort: Unter anderem von Scarface.

Gut 20 Jahre lang hat man fast nichts von ihm gesehen, plötzlich ist er wieder überall. Ein Herr mit perfekt sitzenden Anzügen und einem Überschuss an Entschlossenheit im Blick. Tony Montana heißt er, besser bekannt als Scarface. Der Held aus Brian De Palmas Gangsterfilm von 1983 (der ein Remake des gleichnamigen Klassikers von Howard Hawks aus dem Jahr 1932 ist), nachdem er lange im Schatten von Typen wie Schwarzenegger stand, jetzt doch noch zur popkulturellen Ikone geworden. Das Filmplakat hängt heute in Kneipen, Szene-Plattenläden und Wohngemeinschaften, dort hat es den „Why?“ schreienden Soldaten und Frank Zappa auf dem Klo abgelöst.

Tony Montana an der Rütli-Schule

Als die Lehrer der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln aufgeben wollten und in ihrem offenen Brief Schülergewalt als das Problem nannten, ging ein Foto durch die Presse: Vor dem Gebäude trägt ein Schüler eine schwarze Bomberjacke, große Aufschrift: „Tony Montana, Scarface“ und darunter als Piktogramm zwei Pistolen. Als kürzlich das hervorragende Mafia-Enthüllungsbuch „Gomorrha“ des Ex-Cammorista Roberto Saviano erschien, war daraus auch zu lernen: Kaum einen Hollywood-Film lieben die echten Camorra-Gangster mehr als „Scarface“. Und der Zement-Pate Walter Schiavone ließ sich in Casal di Principe die Villa von Tony Montana nachbauen – von dem inzwischen beschlagnahmten Gebäude kursieren Videos auf YouTube (siehe: hier) , so groß bleibt die Faszination.

Das Gerücht, ein Gangster lebe in einer Kopie der Scarface-Villa, ist seinerseits schon urbane Legende, ein solcher Nachbau wird auch mal Gangsterbossen aus LA nachgesagt. Ganz sicher gibt es den Nachbau im Videospiel Grand Theft Auto Vice City, und auch sein aktueller, extrem erfolgreicher Nachfolger GTA4 zollt Tony noch Tribut mit einem Radiosender, der die Musik aus „Scarface“ spielt.

Alles, was den Film ausmacht, passt heute wieder zum Zeitgeist – die Brutalität, das Kokain, die Großmäuligkeit und im Zentrum der Emporkömmling, der irgendwo auch noch ein gutes Herz versteckt hat. Inzwischen wurde sogar ein Videospiel „Scarface – the World is Yours“ produziert. Darin kann Tony sich auf der (liebevoll nachgebauten) Treppe aus der letzten Filmszene doch durchsetzen, alle Feinde erschießen und flüchten. Diese trotzige Idee, dass einer gegen das MG-Feuer von 20 anderen gewinnt, passt zu ihm.

Das Videospiel mit Al Pacinos Gesicht

Ansonsten war das Spiel, in dem Al Pacinos Gesicht digitalisiert verwendet wurde und dessen virtuelle Hauptfigur sogar seine Körperhaltung nachahmt, eher durchschnittlich. Beflügelt durch die neue Popularität von Scarface verkaufte es sich trotzdem mehr als zwei Millionen Mal.

In dem Spiel ist neben Ballern auch die große Drohgebärde wichtig, man schleudert Feinden auf Knopfdruck Sprüche zu wie „Do you think you can fuck with me?“ Genau wie im Film erschießt Tony niemals Unschuldige. Als Stimme spielt unter anderem der Rapper Ice-T mit. Das passt – denn im Hip-Hop hat die neue Verehrung für Scarface begonnen. Der (eher unbedeutende) US-Rapper Bradley Jordan nennt sich schon lange Scarface, von Jay-Z über 50 Cent bis Nas haben etliche über den Film gerappt.

Der Geist von Scarface fungiert auch als eine Art Bedienungsanleitung für die neue deutsche Gangster-Rapper-Szene, die zwar nicht mehr ganz neu ist, aber den gesamten Gymnasiasten-Rap von Fanta4 bis Fünf Sterne Deluxe verdrängt hat. Mit dem Tempelhofer Hip-Hopper Bushido durfte am Brandenburger Tor ein erklärter Schwulenfeind und verurteilter Schläger spielen, derselbe Mann, der in seinem schwarzen Benz und angesichts seiner frisch erworbenen Million auch schon als cooler Aufsteiger gefeiert wurde. Tatsächlich ist der Ex-Dealer und Immobilienmakler beides, stumpf und kühl-intelligent, brutal und empfindlich. Eine seiner härtesten Auseinandersetzungen, eine unfaire Prügelei gegen den Berliner Konkurrenz-Rapper Sido, fing er an, weil angeblich seine Mama beleidigt wurde.

Das Vorbild des brutalen Karrieristen

Wie der knallharte Parvenu sich vom Ehrenmann des 17. Jahrhunderts einen Teil seiner Ästhetik leihen kann, hat als erstes Scarface gezeigt. Auch Tony Montana wollte um jeden Preis aufsteigen, erst ganz am Schluss seiner Geschichte kosten ihm sein Übermut gemischt mit den Resten seiner Menschlichkeit den Kopf. Tony Montana ist heute wieder da, weil er ins Bild des neoliberalen Karrieristen passt. In der Welt ohne Kündigungsschutz muss wohl jeder sehen, dass er schnell einer der Großen wird. Nichts anderes will Montana.

Schon die forsche Dreistigkeit des Exilkubaners, der bei seiner ersten Vernehmung auf die Frage nach seinem Namen den Beamten zurückfragt: „Und wie heißt Du?“, gilt heute als cool. Auch das Vehikel, das seinen Aufstieg und Fall möglich machte, ist wieder in Mode: Das Kokain, der Katalysator für skrupellose Entschlossenheit jeder Art. Es ist in Deutschland längst günstig und gehört seit Kurzem plötzlich zu den Substanzen, mit denen das BKA den größten Ärger hat. Eine Leistungsdroge dominiert eine von Leistung besessene Zeit.


Das jüngste Beispiel für die neu entflammte Wut, sich an Scarface immer und immer wieder abzuarbeiten, war im April der deutsche Gangsterfilm „Chiko“. Der wirklich sehenswerte Denis Moschitto gab einen steil aufsteigenden Hamburger Kokaindealer in einer dramaturgisch äußert eng gebauten, eigentlich durchaus guten Story. Der Film litt, neben seiner extremen, ekelhaften Brutalität aber vor allem an einem. Beim Zuschauen fragte man sich die ganze Zeit: Warum zum Teufel wollen die jungen Hamburger jetzt auch Scarface nachmachen und an die Elbe verlegen?

Der Verlierer geht leer

Doch den Grund für seine Popularität kann man Tony Montana ansehen. Er ist ein Musterbeispiel für Dialektik, ist ein Archetypus, der gerade in einen anderen umkippt: Er trägt den Keim seiner Niederlage immer schon in sich. In etlichen Szenen des Films sitzt er am Tisch, blickt mit traurigen Hundeaugen halb nach unten, ein Inbild der Verlorenheit. Ein Mann, den man trotz seiner unverzeihlichen Verfehlungen lieben muss. Kurz vor Schluss stolpert er einmal aus seiner Villa, die Glasscheiben sind bläulich erleuchtet, Tony stolpert schon, die Szene ist breitwandig und mit großer Geste gefilmt, der Mann wirkt klein und verloren darin. Letztlich wird Montana ein großspuriger Verlierer bleiben, der alles will und alles verliert, selbst sein Leben.

Befragt man diese Ikone, dieses kulturelle Abziehbild, erhält man von ihm die Antwort, was es bedeutet. Scarface verkörpert daher das letzte Aufbäumen der alten Kerle-Herrlichkeit. Heute ist der Kanzler eine Frau, der Präsident wird arg von einer bedrängt. Es werden lange Debatten um mediokre Erscheinungen wie Eva Herman geführt, und sogar vom Zeitgeist längst überholte Kulturzombies wie Alice Schwarzer und ihr Alter Ego Verona wollen die Bühne einfach nicht verlassen. Sie müssen auch nicht im neuen Medien-Matriarchat. Die Männergesellschaft trägt Narben. Als das noch nicht so offensichtlich war, vor 20 Jahren, konnte das „Lexikon des internationalen Films“ noch schreiben, der Film von Brian De Palma füge „weder dem Genre noch dem Mythos des Gangsters als tragischem Held eine neue Dimension hinzu.“

Selbstverständlich ist das peinlicher Unsinn. In seiner impressiven Bilderfolge, in seiner Drastik, der Verherrlichung der Drogen und der Konsequenz, mit der der Protagonist verflucht wird, ist „Scarface“ wegweisend. Und nicht nur das. Montana ist ein Philosoph des Scheiterns.

Es gibt keine echten Machos mehr

In dem Videospiel „Scarface“ sagt die Figur, wenn ihr nichts mehr einfällt, manchmal einfach nur „I am Tony Montana!“ – Ich bin doch Tony Montana! Das klingt wie das Hegelsche Bewusstsein auf der ganz niedrigen Stufe der sinnlichen Gewissheit. „Hier!“, sagt es und „Jetzt!“, immer wieder, ohne abstrahieren zu können von sich und seiner Gegenwart, hilflos, wenn die Dinge sich ändern. Dieser Zustand ist der des Mannes in dieser Zeit.

Der Erfolg des Buchs „Feuchtgebiete“ war da nur ein Markstein unter vielen. Die Machos sind ausgestorben und selbst die lässigen Herrschaften wie Willy Brandt oder Belmondo sind ihren Weg gegangen. Anstelle von Männern mit Strahlkraft gibt es nur noch saftlose Witzfiguren, von Kurt Beck bis hin zu David Beckham, der bekanntlich unter der Knute seiner superschlanken Frau steht.

So kommt in der vaterlosen Gesellschaft der Rowdy wieder auf als imaginierter Typus, den nur noch verwirrte Jugendliche hin und wieder zu inszenieren versuchen. Sie werden nicht einmal ihrem Vorbild Montana gerecht, das sich immerhin noch für ein wenig Ehre geopfert hat. Er ist ein verpuffendes Gespenst, und seine aktuelle Popularität ist das Rauchzeichen für eine neue Ausrichtung der Gesellschaft. Bald werden vielleicht Ikonen wie Lara Croft kommen. Oder Gesine Schwan. Aber keine harten Kerle mehr – Tony Montana war einer der letzten. Das macht ihn groß.