Morgenpost Online: Herr Kannegiesser, die SPD hat in der großen Koalition die Rente mit 67 eingeführt. Nun rückt sie davon ab. Ihre Bewertung?
Martin Kannegiesser: Die SPD sollte nicht von ihrem eigenen Beschluss abrücken. Die Fakten, die 2006 für die Rente mit 67 sprachen, haben sich nicht geändert. Es war damals eine schwierige Entscheidung, sie hat der Bundesregierung und den Parteien Mut abverlangt. Nun darf die SPD nicht hin- und herschwanken. Sie darf vor allem nicht die Arbeitsmarktsituation der letzten Jahre zum Maßstab nehmen, sondern muss in die Zukunft denken. Und der Trend ist doch völlig klar.
Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?
Kannegiesser: Die Gegner der Rente mit 67 hatten und haben zwei Argumente. Erstens: In manchen Berufen können die Menschen nicht bis 67 arbeiten. Und zweitens: Es gibt womöglich nicht genügend Arbeitsplätze für Ältere, weshalb die Rente mit 67 de facto eine Rentenkürzung wäre. Der Arbeitsmarkt hat sich aber entspannt. Der Anteil Älterer an den Beschäftigten ist stark gestiegen, er liegt über dem europäischen Durchschnitt.
Morgenpost Online: Verstehen Sie die Aufregung? Die Rente mit 67 trifft Menschen, die heute Ende 40 oder jünger sind.
Kannegiesser: Die Aufregung hat partei- und organisationspolitische Gründe. In der Sache hat sich nichts geändert. In den vergangenen Jahren wurden ältere Beschäftigte bewusst aus den Betrieben geschickt. Politik und Gewerkschaften haben das lange gefordert – Stichwort Rente mit 60. Da kann man sich jetzt schwer hinstellen und beklagen, dass diese Jahrgänge weniger in Beschäftigung sind. Die Diskussion ist viel zu statisch. Da wird nur bis zur nächsten Kurve gedacht, nicht dar?über hinaus.
Morgenpost Online: Warum ist die Rente mit 67 nötig?
Kannegiesser: Wir haben eine längere Lebenserwartung. Rentner beziehen dreimal so lange Rente wie vor 20 oder 30 Jahren. Die jüngeren Jahrgänge, die die Rente bezahlen, sind aber schwächer. Wir reden inzwischen von Fachkräftemangel. Das alles spricht für die Rente mit 67. Alle europäischen Länder verlängern die Lebensarbeitszeit, und ausgerechnet bei uns wird dieser Beschluss infrage gestellt, obwohl wir die schwächste demografische Entwicklung haben. Das verunsichert die Leute.
Morgenpost Online: Ist es klug, schon über die Rente mit 70 zu diskutieren?
Kannegiesser: Nein, das ist nicht gut. Das ist kein Thema.
Morgenpost Online: Wie lange arbeiten die Menschen in Ihrer Branche, der Metall- und Elektro-Industrie?
Kannegieser: Zurzeit gehen die Menschen in der Metall- und Elektroindustrie mit etwa 61 oder 62 Jahren in Rente, das Durchschnittsalter steigt ziemlich schnell an. Wir haben einen Tarifvertrag, der den Übergang in den Ruhestand flexibel gestaltet. Diejenigen, die wirklich nicht mehr arbeiten können, können leichter in den Ruhestand gehen. Die, die ohne spezifischen Grund früher aufhören wollen, können das, aber finanziell weniger komfortabel als früher. Hochqualifizierte, die für die Betriebe wichtig sind, können länger bleiben.
Morgenpost Online: Warum gehen die Leute mit 61 und nicht mit 65 in Rente?
Kannegiesser: Es gibt Einzelne, die können wirklich nicht mehr arbeiten. Andere wollen bewusst einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Das ist verschieden. Ein Herausdrängen speziell von Fachkräften durch Betriebe und Gesellschaft verkehrt sich eher ins Gegenteil.
Morgenpost Online: Warum arbeiten heute nur 40 Prozent der Menschen über 60 – auf sozialversicherungspflichtigen Stellen sogar nur 20 Prozent?
Kannegiesser: Politik und Tarifpartner wollten lange Zeit etwas gegen die Jugendarbeitslosigkeit tun. Vor wenigen Jahren haben viele Betriebe auch aus wirtschaftlichen Gründen Arbeitsplätze abgebaut und vor allem Ältere in den Ruhestand geschickt. Es gab staatlich geförderte Modelle der Frühverrentung. Dann gab es auch einen starken Wechsel zwischen geburtenstarken und -schwachen Jahrgängen.
Morgenpost Online: Wie kann es nun gelingen, dass mehr ältere Menschen arbeiten?
Kannegiesser: Die Betriebe müssen noch mehr erkennen, wie sie von Älteren profitieren können. Der Wert ihres Know-hows ist in den letzten Jahren schon stärker entdeckt worden, aber das Bewusstsein dafür kann noch wachsen. Auch wenn es inzwischen banal klingt: Weiterbildung ist nach wie vor wichtig. In der letzten Krise haben Unternehmen trotz Auftragseinbruch ihre Belegschaften zusammengehalten, weil sie wissen, dass ihnen sonst Know-how verloren ginge. Der Einzelne muss sich allerdings in seiner Lebensplanung auch darauf einstellen, dass die neue Grenze bei 67 liegen wird.
Morgenpost Online: Geht es nicht auch darum, wie schnell ein Förderband läuft und wie oft sich jemand bücken muss?
Kannegiesser: Es geht darum, sich zu überlegen, wo Ältere ihre Erfahrungen besser einbringen können. Man muss rechtzeitig umsetzen, die Gesamteffizienz des Betriebes darf trotz altersgerechterer Arbeitsplätze nicht sinken. Natürlich gibt es Berufe wie den von der SPD zitierten Dachdecker, in denen Arbeitnehmer im fortgeschrittenen Alter mit anderen Schwerpunkten einsetzbar sind. Das ist aber nur ein geringer Prozentsatz. Da kann man rechtzeitig gegensteuern.
Morgenpost Online: Funktioniert das in Ihrem Betrieb?
Kannegiesser: Wir haben beispielsweise Monteure, die vor Ort bei unseren Kunden tätig sind. Ihnen fällt es irgendwann schwerer, durch die Gegend zu reisen. Aber wenn die Personalabteilung rechtzeitig umsteuert, können sie hervorragend im Innendienst arbeiten – zum Beispiel zur Vorbereitung der Montagen und der Beratung.
Morgenpost Online: Haben sich die Arbeitgeber genug auf ältere Mitarbeiter vorbereitet?
Kannegiesser: Das ist eine ständige Aufgabe. Man kann sich nicht zurücklehnen und sagen: Läuft alles prima. In meinem Betrieb muss ich immer darauf achten: Wie ist die Alterszusammensetzung, wo sind die Know-how-Träger? Wer geht bald in den Ruhestand, wen fördern wir? Gute Personalpolitik orientiert sich ständig an der demografischen Entwicklung. Ein Unternehmer muss sich ja auch ständig um seine Absatzmärkte kümmern.
Morgenpost Online: Was macht der viel zitierte Dachdecker oder der Lkw-Fahrer, wenn er 60, 65 oder älter ist?
Kannegiesser: Nicht jeder wird bis 67 arbeiten können. Es gibt Berufsgruppen, die müssen eher in die Rente gehen. Bei uns in der Branche gibt es beispielsweise die Altersteilzeit oder die Langzeitarbeitskonten. Es gibt viele Möglichkeiten, Lösungen für besonders belastete Arbeitnehmer zu finden. Aber diese Arbeitnehmergruppe wird in unserer Wirtschaft immer kleiner. Man muss immer wissen: Wer eine Gruppe anders oder relativ besser behandeln will, muss die anderen sehen, die das mit Beiträgen oder Steuern finanzieren. Auch das spricht dafür, den Leuten klar zu sagen, wohin es mit der Rente geht, und nicht herumzuzittern.
Morgenpost Online: Die Arbeitsministerin sagt, ältere Menschen seien die Gewinner am Arbeitsmarkt. Hat sie recht?
Kannegiesser: Ob sie Gewinner sind, kann ich nicht sagen. Fest steht, dass wir Fachkräftebedarf haben und auf Ältere nicht verzichten können. Leistungsbereite Mitarbeiter mit Know-how werden gesucht.
Morgenpost Online: Die SPD will die Rente mit 67 nur einführen, wenn eine bestimmte Quote Älterer Beschäftigung findet. Eine gute Idee?
Kannegiesser: Nein. Arbeitnehmer und Betriebe müssen sich auf ein bestimmtes Rentenalter einstellen können. Das von wechselnden Quoten oder Umfrageergebnissen abhängig zu machen ist verkehrt. Man kann nicht mit dem Zittertacho fahren. Nötig ist eine verlässliche Linie.?
Martin Kannegiesser ist Präsident des Arbeitgeberverbands der Metall- und Elektroindustrie.




