RAF-Terrorismus

Verena Becker sah ihr Verfahren als Teil des Kampfes

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Dirk Banse

Foto: dpa / dpa/DPA

Für Ex-Bundesanwalt Siegfried Lampe ist die Verhaftung von Ex-RAF-Mitglied Verena Becker wegen dringenden Verdachts der Mittäterschaft am Mord an Siegfried Buback eine späte Genugtuung. 1977 konnte Lampe gegen Becker nichts erwirken. Mit Morgenpost Online sprach Lampe darüber, wie schwer die RAF-Verbrechen aufzuarbeiten waren.

Der ehemalige Bundesanwalt Joachim Lampe (68) hatte 1977 die am vergangenen Donnerstag in Berlin verhaftete frühere RAF-Terroristin Verena Becker wegen sechsfachen versuchten Polizistenmordes angeklagt und damals auch einen Haftbefehl wegen ihrer möglichen Mittäterschaft an der Ermordung des Generalbundesanwaltes Siegfried Buback erwirkt. Angeklagt und verurteilt wurden wegen des Verbrechens aber die ehemaligen RAF-Mitglieder Christian Klar, Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt.

Morgenpost Online: Herr Lampe, hat Sie die Nachricht von der Verhaftung Beckers überrascht?

Joachim Lampe: Ein Haftbefehl setzt den dringenden Tatverdacht und Haftgründe wie Verdunkelungs- oder Fluchtgefahr voraus. Ich habe die Presseerklärung der Generalbundesanwältin mit Interesse gelesen. Der Verdacht der Mittäterschaft von Verena Becker wird aus ihrer Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung gefolgert. Das haben wir 1977 auch schon getan. Seinerzeit ließ sich der Verdacht nicht für eine Anklage erhärten. Offensichtlich gibt es nun neue Hinweise.

Morgenpost Online: Wie war es damals zu dem Verfahren gegen Becker wegen des Buback-Mordes gekommen?

Lampe: Das Verfahren wurde durch die Umstände ihrer Festnahme zusammen mit Günter Sonnenberg am 3. Mai 1977 in Singen ausgelöst. Zu diesem Zeitpunkt waren uns die personellen Strukturen der im terroristischen Untergrund operierenden RAF kaum bekannt. Erste Hinweise erhielten wir Ende November 1976 aus schriftlichen Unterlagen, die zwei Rädelsführer bei ihrer Festnahme mit sich führten. In den Monaten darauf verdichteten sich Hinweise auf Sonnenberg, Folkerts und Klar. Nach den Morden an Buback und seinen Begleitern Göbel und Wurster kamen weitere Hinweise auf diese Personen hinzu. Als dann Verena Becker zusammen mit Günter Sonnenberg festgenommen wurde, konnte man aus sichergestellten Gegenständen – Bewaffnung, falsche Papiere, Notizen – folgern, dass sie als Mitglied in die Gruppe integriert war, die für die Morde in Karlsruhe verantwortlich war. Ich habe daher Mitte Mai 1977 bei dem Ermittlungsrichter des BGH einen Haftbefehl gegen Verena Becker wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in der RAF und mittäterschaftlicher Beteiligung an der Ermordung Bubacks beantragt und auch erhalten.

Morgenpost Online: Hatte sie damals mit Ihnen gesprochen?

Lampe: Ich war nach der Festnahme von Verena Becker in Singen und habe sie später bei Haftprüfungen getroffen. Dabei und auch in der Hauptverhandlung, in der ich die Anklage gegen Sonnenberg und Becker vertrat, hat sie kein Wort mit den Richtern, mit uns oder den Ermittlungsbeamten gesprochen. Das Verfahren war für sie Fortsetzung des Kampfes der RAF.

Morgenpost Online: Warum hatten Sie Verena Becker seinerzeit wegen des Buback-Mordes nicht angeklagt?

Lampe: Einen Monat nach der Festnahme waren die Ermittlungen abgeschlossen, soweit ihre Mitgliedschaft in der RAF und der versuchte Mord an sechs Polizeibeamten in Rede standen. Auf den Buback-Mord bezogen war über den Indizwert der Festnahmesituation hinaus nichts hinzugekommen. Die Beweissituation zum Tatgeschehen des Buback-Mordes war mir bekannt. Ich habe keine Zeugenaussage und keine Indiztatsache gesehen, die Verena Becker an den Tatort des Mordes bringt. In dieser Situation habe ich die Verfahren getrennt: Die Mitgliedschaft in der RAF und die versuchten Morde bei der Festnahme habe ich angeklagt; das Ermittlungsverfahren wegen der Morde an Buback, Göbel und Wurster wurde bei fortbestehendem Haftbefehl fortgeführt. Es wurde von Kollegen ein oder zwei Jahre später eingestellt, nachdem Verena Becker rechtskräftig zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden war und die Beweislage sich nicht verändert hatte. Es ist vor Monaten von der Bundesanwaltschaft wieder aufgenommen worden.

Morgenpost Online: Was sagen Sie zu dem geäußerten Verdacht, Becker sei möglicherweise vom Verfassungsschutz gedeckt worden, weil sie mit dem Nachrichtendienst kooperiert hatte?

Lampe: Ich halte den Vorwurf für absurd. Mit solchen Spekulationen wird nur von einer ernsthaften Erörterung schwieriger Fragen abgelenkt. Ich hatte jedenfalls damals keine Erkenntnisse von einer wie auch immer gearteten Zusammenarbeit Beckers mit einem Nachrichtendienst.

Morgenpost Online: Hatten Ihnen damals Zeugenaussagen vorgelegen, die auf eine Frau als Schütze deuteten?

Lampe: Es gibt mehrere Zeugenaussagen, die die Personen auf dem Motorrad am Tattage beschrieben haben. Die Beweiswürdigung des Oberlandesgerichts Stuttgart dazu im Verfahren gegen Folkerts ist nach meiner Einschätzung gründlich und richtig. Der Schluss, eine Frau habe auf dem Sozius gesessen, lässt sich nicht ziehen.

Morgenpost Online: Michael Buback, Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, fordert eine restlose Aufklärung des Falls und will wissen, wer seinen Vater erschossen hat. Können Sie ihn verstehen?

Lampe: Natürlich. Ich habe mit Herrn Buback daher auch gesprochen und alles erläutert, was es aus meiner Sicht zu erläutern gibt. Die Solidarität mit den Angehörigen der Opfer hat für alle Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft einen hohen Stellenwert. Das ist seit über 30 Jahren so und nicht erst, seit das Thema so öffentlichkeitswirksam geworden ist.

Morgenpost Online: Warum wurden Folkerts und Klar wegen des Buback-Mordes angeklagt und verurteilt, Sonnenberg aber nicht?

Lampe: Sonnenberg erhielt bei seiner Festnahme einen Kopfschuss, der ihn auch heute noch schwer beeinträchtigt. Er war 1978 an zwei Tagen pro Woche jeweils zwei Stunden verhandlungsfähig. Es war nur mit großer Mühe möglich, zwei der sechs versuchten Morde bei der Festnahme zu verhandeln. Dafür erhielt er eine lebenslange Freiheitsstrafe, die er 15 Jahre lang verbüßte. Eine Verhandlungsfähigkeit für ein komplexes Geschehen mit schwieriger Beweislage und monatelanger Verhandlung haben Gericht und Bundesanwaltschaft seinerzeit nicht gesehen.

Morgenpost Online: Das Gericht hatte damals offen gelassen, wer welche Rolle bei der Tat gespielt hatte. Von welcher Rollenverteilung waren Sie damals ausgegangen?

Lampe: Die Rollenverteilung von Klar, Folkerts und Sonnenbergs ergibt sich aus Zeugenbeschreibungen. Ich kann nur noch einmal auf die gründliche Würdigung im Urteil gegen Folkerts verweisen. Aus meiner Sicht sind die Hinweise auf Klar als Fahrer des Fluchtautos am sichersten. Ich habe seinerzeit davon abgeraten, sich darauf festzulegen, wer auf dem Motorrad hinten oder vorne gesessen hat.

Morgenpost Online: Wann haben Sie das erste Mal davon gehört, dass Verena Becker gegenüber dem Verfassungsschutz Stefan Wisniewski als Schützen benannt haben soll?

Lampe: Über Wisniewski habe ich im Spätherbst 1977 mit einem Kronzeugen gesprochen. Davor wusste ich nichts über ihn. Von Kontakten des Bundesamtes für Verfassungsschutz zu Verena Becker habe ich erstmals vor Monaten aus der Presse erfahren. Ich gehe davon aus, dass die Bundesanwaltschaft allen neuen Hinweisen nachgeht, auch denen, die auf Wisniewski hindeuten.

Morgenpost Online: Gibt es noch dunkle Geheimnisse bei der strafrechtlichen Verfolgung von RAF-Mitgliedern?

Lampe: Nein. Es gibt auch keinen Anlass, darüber zu spekulieren.

Morgenpost Online: Wurden bei der juristischen Aufarbeitung der RAF-Verbrechen Fehler begangen?

Lampe: Wir hatten und haben 34 Morde der RAF aufzuklären. 26 Terroristen erhielten lebenslange Freiheitsstrafen. Zahlreiche Unterstützer wurden zu zeitigen Freiheitsstrafen verurteilt. Wir wurden als Folterknechte von einer breiten Sympathisantenszene beschimpft, die weit in die Mitte der Gesellschaft reichte. Die Vorwürfe rechtsstaatswidriger, überzogener Strafverfolgung haben wir mit beharrlichem Festhalten am Verfahrensrecht auslaufen lassen, was Jahrzehnte dauerte. Ich hoffe, dass die nun zuständigen Kollegen sich durch die neuerdings erhobenen Vorwürfe, zu wenig getan zu haben, nicht davon ablenken lassen, die noch nicht gesühnten Morde der RAF an Ernst Zimmermann, Karl-Heinz Beckurts und seinem Fahrer, Gerold von Braunmühl und Alfred Herrhausen mit großer Beharrlichkeit zu verfolgen.