Der Linken galt stets der zweite Blick. Kein Christdemokrat, kein SPD- oder Grünen-Anhänger, kein Liberaler konnte über die Prozentzahl für die Linke hinwegsehen. Viele hatten gehofft, dass der Partei der Einzug in den Landtag misslingt. Denn rechnerisch würde sonst jede Zweierkoalition außer einer aus CDU und SPD sehr schwierig, das war immer klar. Doch die Linke ist drin.

An Selbstvertrauen hat es der NRW-Linken noch nie gemangelt. In der Rolle als selbst ernannte Königsmacher gefielen sie sich in den letzten Wochen bestens, dabei schwanden ihre Zweifel an der Bereitschaft mitzuregieren.


SPD-Spitzenfrau Hannelore Kraft musste sich von der Linken kaum Kritik für ihre geplante Politik gefallen lassen; aber dafür, dass sie die Partei als „regierungsunwillig“ und „unfähig“ bezeichnete. Als dann einige Prognosen eine knappe Mehrheit für Rot-Grün andeuteten, wurden die Linke-Vertreter gar übereifrig. „Ein tatsächlicher Politikwechsel wird an uns nicht scheitern“, sagte Spitzenkandidatin Bärbel Beuermann in ihrem ersten Statement strahlend in die Kameras. Ähnliches war von Landessprecher Wolfgang Zimmermann zu hören und auch Noch-Parteichef Oskar Lafontaine verkündete aus dem Saarland: „Wir sind bereit.“

Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch verknüpfte mit dem Jubel über den Einzug in das 13. Landesparlament gleich noch eine bundespolitische Forderung: „Ich kann Frau Merkel nur auffordern, hier im Bundestag zu fragen, ob sie noch das Vertrauen ihrer Koalition besitzt.“



Oskar Lafontaine scheute bei seiner letzten Landtagswahl als Vorsitzender der Linken das Rampenlicht. Der 66-Jährige feierte am Sonntag mit seiner Frau Christa Müller zu Hause im saarländischen Wallerfangen deren Geburtstag, statt sich in das Getümmel der Wahlpartys zu stürzen. Auch der Co-Vorsitzende Lothar Bisky fand nicht den Weg in die Berliner Parteizentrale. Beide genossen ihren letzten Triumph als Parteivorsitzende im Stillen.


Im Karl-Liebknecht-Haus feierten zwei andere Linken-Spitzenpolitiker dafür umso ausgiebiger: Klaus Ernst und Gesine Lötzsch. Das Duo soll Lafontaine und Bisky am kommenden Samstag an der Parteispitze ablösen. Mit dem lauten Aufschrei „drin“ kommentierte der bayerische Gewerkschafter Ernst die ersten Prognosen, die bereits auf einen sicheren Einzug der Linke in den Landtag von Nordrhein-Westfalen hindeuteten. Gesine Lötzsch jubelte nicht ganz so lautstark. „Wir haben unser Wahlziel deutlich erreicht“, erklärte sie nüchtern.

Das Berliner Karl-Liebknecht-Haus hatte sich auch kräftig in den Wahlkampf der Genossen eingemischt. Nach dem angekündigten Rücktritt von Lafontaine als Parteichef musste NRW den Beweis erbringen, dass die Linke auch ohne ihn Wahlen gewinnen kann.

Der Landesverband ist auf dem Weg, der zweitstärkste in Deutschland zu werden. NRW, so drückte es Bartsch aus, spiele bei allen Parteien eine zentrale politische Rolle, „so wird es auch bei uns sein“. Deshalb schickte Berlin noch in den letzten Tagen 2000 Wahlkämpfer, die Plakate erneuerten, Handzettel verteilten, Klinken putzten – und Vorurteile abzubauen suchten.

Denn die Truppe, die sich in Nordrhein-Westfalen zur Wahl stellte, gilt als Chaotenhaufen. Zuzuschreiben hat sie sich diesen Ruf selbst. Stolz trugen die Delegierten noch beim Parteitag im November bei der Verabschiedung des Wahlprogramms T-Shirts mit der Aufschrift „Linker Spinner“ oder „Radikalinski“.

Dennoch, dieser Parteitag brachte einen Schwenk hin zu mehr Realismus. Im Programmentwurf war noch von der Abschaffung von Gerichten, Gefängnissen, Kopfnoten, der Legalisierung von Drogen und massenhaften Verstaatlichungen die Rede. Das meiste davon findet sich im Wahlprogramm nur noch als Andeutung oder gar nicht wieder. Die Parole „E.on, RWE entmachten!“ blieb als radikalster, aber in NRW nicht ganz unpopulärer Wunsch übrig.

Im Wahlkampf setzte die Linke – wohl auch wegen des Drucks aus der Berliner Zentrale – vor allem auf bundespolitische Themen: „Raus aus Afghanistan“, HartzIV, Arbeitsplatzsicherung. In der vergangenen Woche tat die Linke-Bundestagsfraktion den Wahlkämpfern noch den Gefallen, der in der Bevölkerung sehr umstrittenen Griechenland-Hilfe nicht zuzustimmen. Das dürfte der Linken mehr Wähler gebracht, als gekostet haben.

mit dpa