In Nordrhein-Westfalen ist die Regierungsbildung nach der Landtagswahl völlig offen. Die bisher regierende CDU/FDP-Koalition von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) ist nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis abgewählt. CDU und SPD kommen auf jeweils 67 Mandate, die Grünen haben 23 Sitze gewonnen. Die FDP erhält 13 Mandate, die Linkspartei elf Sitze. Diese Sitzverteilung teilte die Landeswahlleiterin am frühen Montagmorgen mit.

Damit reicht es weder für eine rot-grüne noch für eine schwarz-grüne Regierung. Rechnerisch sind nun eine große Koalition und ein rot-rot-grünes Bündnis möglich. Andere Dreierbündnisse haben FDP und Grüne ausgeschlossen.

Für die erklärten Wunschpartner von SPD und Grünen waren Abend und Nacht ebenso zur Zitterpartie geworden wie für Rüttgers und die CDU. Lange hatte Rot-Grün in den Hochrechnungen von ARD und ZDF eine knappe Mehrheit von einem Sitz im Landtag. Dann waren sich die Wahlforscher wieder unsicher.

Bei der ARD reichte es für Rot-Grün am späten Abend zunächst nicht mehr, aber auch nicht für Schwarz-Grün. Das ZDF sah Rot-Grün und Schwarz-Grün gleichauf, aber beide Bündnisse hatten jeweils eine hauchdünne Mehrheit.

Die Linkspartei können sich Hoffnungen auf die erste Regierungsbeteiligung in Westdeutschland machen. Nur für die FDP, die ihr Ergebnis von 2005 in etwa wiederholen konnte, war schnell alles klar. Die Liberalen sind heraus aus dem politischen Spiel in Nordrhein-Westfalen.

Rüttgers – „Auch für mich persönlich ein ganz bitterer Abend“ - kann trotz der schweren Niederlage zunächst hoffen, sich in eine große Koalition zu retten. Der CDU-Landesvorstand musste aber erhebliche Überzeugungsarbeit leisten, um Rüttgers vorerst zum Weitermachen zu überreden.

Es sei „wichtig und richtig, dass Nordrhein-Westfalen weiter stabil regiert wird. Das kann nicht zusammen mit extremistischen Parteien geschehen“, sagte ein sichtlich geschockter Rüttgers bei seiner einzigen öffentlichen Erklärung.

SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft konnte trotz erneuter Verluste ihrer Partei jubeln. Sie könnte Ministerpräsidentin werden - eine Aussicht die vor einem halben Jahr noch völlig unrealistisch war. Mit wem sie dieses Ziel erreichen will, falls es für Rot-Grün nicht reicht, ließ sie wie im Wahlkampf offen.

„Ich mache hier keine Koalitionsspekulationen“, antwortete Kraft auf die Frage, ob sie notfalls mit Hilfe der Linken Ministerpräsidentin werden will. Kraft wiederholte ihre Standardeinschätzung, dass die Linke nicht regierungsfähig sei und verlegte sich ansonsten aufs Daumendrücken.

Die Grünen spielten den Koalitionsball schnell in das Feld der SPD. „Die SPD muss entscheiden, ob sie mit der Linken reden will“, sagte Landeschefin Daniela Schneckenburger. Die Grünen seien bereit, die Regierungsfähigkeit der Linkspartei zu testen. Aber auch die Tür zur CDU hielten sich die Grünen offen.

„Wir sind natürlich auch mit der CDU gesprächsbereit. Wir haben das immer als Zweitoption benannt. Die müssten wir ausloten“, sagte Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann am in der ARD.

Die CDU bemühte sich, der SPD die rot-rot-grüne Option aus der Hand zu schlagen. Deutschland brauche angesichts der Euro-Krise stabile Regierungen, „da muss Nordrhein-Westfalen seinen Beitrag leisten„, sagte Integrationsminister Armin Laschet (CDU), der den abgetauchten Rüttgers in der Fernsehrunde der Spitzenkandidaten vertrat.

„Um zu verhindern, dass die Linke in die Regierung kommt muss man auch jede Anstrengung nutzen.“ Dass die CDU gerade Laschet geschickt hatte, kommt nicht von ungefähr. Der Aachener war Mitglied der „Pizza-Connection“ junger Bundestagsabgeordneter von CDU und Grünen und hat in seiner Heimatstadt ein schwarz-grünes Bündnis geschmiedet.

dpa