Ilse Aigner spricht so, wie es viele Bauern von einer Landwirtschaftsministerin erwarten: Bayerisch. Weiche, halsige Vokale und ein rollendes R verleihen ihren Sätzen eine zutrauliche Melodik. Das Lächeln, das die 43-Jährige seit der Nominierung durch ihren CSU-Parteichef und Amtsvorgänger, Horst Seehofer, nicht ablegt, macht sie zu einer Sympathieträgerin. Hier, so wirkt es, freut sich eine aus ganzem Herzen über die Funktion, in der sie am Freitag von Bundespräsident Horst Köhler ernannt wurde.
Aigner ist erst die zweite Frau an der Spitze des Ministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucher. Vergleiche drängen sich auf mit der ersten, Renate Künast. Dass eine Ministerin sich um Landwirtschaft kümmern sollte, war vielen Bauern 2001 noch schwer zu vermitteln, dass es eine Grünen-Politikerin sein sollte war ein Schock. Künast hat sich schließlich Respekt verschafft, warm wurden die Landwirte nicht mit der Berlinerin. Bis heute wird auf Dorffesten spöttisch das Künast-Schnitzel auf den Grill geworden – Zucchinischeiben – eine Anspielung auf den von der Ministerin geförderten Öko-Landbau.
Ilse Aigner ist der denkbar stärkste Kontrast zu Renate Künast und profitiert doch von ihrer Vorgängerin. Seit Künast werden Verbraucherschutz und Landwirtschaft gemeinsam gedacht. Ernährung ist das Scharnier, das beides zur Deckung bringt. So umstritten der Ressortzuschnitt ist, die Bauern haben den Dreiklang verinnerlicht. Früher verstanden sie sich als Erzeuger, heute ist ihnen die Rolle des Ernährers wieder wichtiger.
Gerade deshalb aber wollen die meisten von Gentechnik nichts wissen. Dass Aigner Seehofers Linie fortführen und die Koexistenz zwischen konventionellem Anbau und Genpflanzen verbessern will, wird für Konflikt sorgen. Auch in Brüssel warten Ende November harte Verhandlungen auf sie, wenn die von der EU geplanten Kürzungen bei den Agrarbeihilfen verhandelt werden.
Doch bis dahin wollen die Bauern Aigner tatsächlich erst einmal Zeit lassen. „Sie kommt aus dem ländlichen Raum und weiß, wo bei den Bauern der Schuh drückt“, sagte Gerd Sonnleitner, Präsident des Bauernverbandes nach ihrer Ernennung. „Wir geben Ilse Aigner einen großen Vertrauensvorschuss.“
Aigners Heimatort, Feldkirchen-Westerham bei Rosenheim, hat nicht einmal 200 Einwohner. Nach einer klassischen Karriere in der Kommunal- und Landespolitik zog sie 1998 für den Wahlkreis Starnberg-Bad Tölz in den Bundestag ein. Die Region ist Bauland reicher Münchner, geliebtes Ausflugsziel und doch traditionelles Bauernland. Hier gilt es stets den Ausgleich zu schaffen zwischen gewachsenen Strukturen und zugezogenem Geldadel. Da wundert es nicht, dass Aigner neben der Lebensmittelsicherheit auch gleiche Lebensbedingungen in Stadt und Land als einen ihrer verbraucherpolitischen Schwerpunkte nannte.
Nicht nur ihre ländliche Herkunft, auch ihre Arbeitsbiographie macht Ilse Aigner den Bauern sympathisch. Nach der Mittleren Reife lernte sie Radio- und Fernsehtechnikerin, arbeitete im elterlichen Elektrohandwerksbetrieb. Nach einer Weiterbildung wurde sie Hubschrauber-Technikerin. Ob das die Union veranlasste, sie in ihrer ersten Bundestagsfunktion zur Berichterstatterin für die Weltraumforschung zu machen, bevor sie sich auch um Landwirtschaft und Bildung kümmern durfte? Obwohl Ilse Aigner nie eine Hochschule besucht hat, führt sie seit 2005 die Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der Union – eine Auszeichnung allemal.
Mit der ausstrahlenden Ilse Aigner könnte das Anliegen der Landwirtschaft wieder besser nach außen wirken als unter Horst Seehofer. Der fühlte sich auf dem Kartoffelacker immer etwas unwohl und wirkte bei seinen Entscheidungen bisweilen genervt und kraftlos. Auf der gestrigen Pressekonferenz sagte Aigner dennoch: „Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß.“ Seehofer kommentierte: „46“. Es gibt Minister mit größeren Füßen.



