Organisierte Kriminalität

"Die Mafia nutzt Deutschland zur Geldwäsche"

In Deutschland könne die Mafia ungestört dunkle Geschäfte machen, meint Francesco Forgione, Präsident der italienischen Antimafia-Kommission. Im Interview mit Morgenpost Online sagt Forgione, wie Deutschland den Kampf gegen die organisierte Kriminalität erfolgreicher führen kann.

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Morgenpost Online : Die Morde von Duisburg haben Deutschland bewusst gemacht, dass die Mafia nicht nur in Italien aktiv ist. Was hat sich seit den sechs Toten geändert?

Francesco Forgione : In Deutschland ist die Aufmerksamkeit für dieses Thema jetzt viel größer. Aber: Die Mafia-Organisationen waren schon lange vor Duisburg in Deutschland aktiv, sie sind es heute und werden auch in Zukunft in Deutschland ihre Geschäfte machen. Die gefährlichste Mafia derzeit ist sicher die N’drangheta aus Kalabrien.

Morgenpost Online : Wo ist die N’drangheta aktiv?

Forgione : Sie macht Geld mit Drogen und Waffen, wäscht Geld im Tourismus, im Bau, Gastgewerbe, Handel, bei Privatisierungen, versucht Anteile von Gazprom zu kaufen, investiert in Ostdeutschland. Kurz vor dem Fall der Mauer haben wir ein Telefongespräch abgehört. Da sagte die N’drangheta: Kauft in Ostdeutschland alles, was ihr kriegen könnt.

Morgenpost Online : Warum ist Deutschland wichtig?

Forgione : Wir dürfen nicht vergessen, dass zum Beispiel Duisburg und Düsseldorf nicht sehr weit weg von Frankfurt liegen, einer der größten Börsen der Welt. Das ist kein Zufall. Die Mafia-Organisationen sind echte Holdings geworden, die mit riesigen Summen agieren. Deutschland wird zur Geldwäsche benutzt, als Rückzugsgebiet für gesuchte Mafiosi. Außerdem für den Kokain-Verkauf. Die Gefährlichkeit und die Macht der N’drangheta in Deutschland waren vor Duisburg bemerkenswert und sind immer noch.


Morgenpost Online : Wie kommt es dann, dass sich Clans bekämpfen?


Forgione : Wo es wirtschaftlich etwas zu holen gibt, folgt die Gewalt, wie es in Duisburg geschah: Wer Interessen hat und viel Geld investiert, der hat Waffen, hat Hauptquartiere, hat Rückzugsgebiete, der hat ein ganzes System an Logistik. Ich bin froh, dass Duisburg Deutschland zum Nachdenken gebracht hat: Jetzt ist es wichtig, dass das nicht aufhört.

Morgenpost Online : Was kann Deutschland gegen die Mafia tun?

Forgione : Ich bin vor vier Wochen mit meiner Kommission durch Deutschland gereist. Überall sind wir auf viel Aufmerksamkeit gestoßen: Die Morde haben die Institutionen sensibilisiert. Aber es gibt Probleme. Auf der einen Seite macht die Mafia transnationale Geschäfte, aber die Länder, in denen sie arbeitet, haben ganz unterschiedliche Möglichkeiten bei der Verbrechensbekämpfung. Deutschland hat kein Gesetz gegen Mafia-Organisationen wie wir es kennen, es gibt etwa keine Möglichkeit, präventiv Eigentum zu entziehen. In Deutschland muss man damit bis nach dem Strafprozess warten. Dabei ist die Beschlagnahmung von Kapital und Eigentum der Königsweg der Mafia-Bekämpfung in Italien.

Morgenpost Online : Wie könnte man den Kampf effizienter führen?


Forgione : Wir brauchen einen europäischen Rechtsraum für die Ermittlungen gegen die Mafia, ein abgestimmtes Strafrecht. Ansonsten bleiben wir bei der Koordination der Polizeibehörden stehen. Außerdem gibt es eben nationale Besonderheiten: Als ich mit meiner Kommission in Düsseldorf und Frankfurt war, wurde uns gesagt: Ja, die Mafia gibt es. Aber Prozesse? Keine! Das liegt daran, dass es in Deutschland rechtlich schwierig ist, Telefone abzuhören. Das verstehe ich, weil das Land die Erfahrung des Nationalsozialismus und dann des Kommunismus gemacht hat, da ist man sehr sensibel. In Italien wird präventiv abgehört.


WELT ONLINE : Kann man als Bürger Mafia-Aktivitäten erkennen?

Forgione : Mafiosi haben es nicht auf der Stirn geschrieben, dass sie Mafiosi sind. In die Pizzeria „Da Bruno“ in Duisburg, wo die Morde geschahen, gingen alle zum Essen. Alle. Den deutschen Behörden war schon sehr lange bekannt, dass „Bruno“ ein Restaurant war, das Verbindungen zur N’drangheta hatte. Ich glaube, Deutschland muss aufwachen und verstehen, dass alles zusammenhängt: Wenn Geld von Italien nach Deutschland kommt, dann folgen auch die Mafiosi. Es kommt kein Kapital, ohne dass auch Mafiosi kommen. Deshalb müssen wir die Wirtschaft in ganz Europa transparenter machen.

Morgenpost Online : Nach Duisburg erwartete man einen Krieg der Clans, auch hier. Warum ist das nicht passiert?

Forgione : Duisburg war das erste und einzige Mal, dass ein Clan-Kampf außerhalb des eigenen Territoriums geführt wurde. Das zeigt, dass es große Interessen in Duisburg zu verteidigen gab. Nun hält sich die N’drangheta wieder an ihr Gesetz. Mitte September haben die alten Clan-Chefs eine „Pax Mafiosa“ zwischen den Familien verabredet: Keine Kämpfe mehr. Nun wollen sie dahin zurück, wo sie vor Duisburg waren. Schließlich wurde die N’drangheta deshalb so mächtig, weil niemand auf sie geachtet hat. Duisburg hat Deutschland und Europa geweckt und bedroht die Geschäfte.

Morgenpost Online : In Italien gab es große Erfolge gegen die Mafia. Ist sie bald besiegt?


Forgione : Die größten Erfolge hatten wir im Kampf gegen die Cosa Nostra, die steckt in einer schweren Krise. Aber wir müssen aufpassen, dass sie sich nicht neu organisiert. Zum Glück ist die Gesellschaft zuletzt sehr aktiv geworden. In Palermo gibt es die ersten Händler, die Schutzgeld anzeigen, das gab es noch nie. Auch der Unternehmerverband rebelliert. Das ist einzigartig. Das große Problem ist das Zusammenspiel von Politik und Mafia. Mit der Mafia zu brechen, heißt auf Wählerstimmen zu verzichten. Hier ist noch ein weiter Weg zu gehen.

Morgenpost Online : In Deutschland haben Sie auch Italiener getroffen. Was haben sie Ihnen erzählt?

Forgione : In Berlin haben sich 60 Pizzerien zusammengeschlossen, gegen Schutzgeld. Kürzlich hat eine Pizzeria zwei Personen angezeigt, die Schutzgeld eingefordert haben. Das war ein starkes Signal: Italiener, die im Ausland Italiener anzeigen. Der Großteil der Italiener arbeitet seit Jahren in Deutschland und lehnt nichts mehr ab, als wenn Italiener gleich für Mafiosi gehalten werden.