Caserta

Italienische Stadt kämpft gegen Autoklau-Statistik

Eine Stadt wehrt sich gegen Brüssel: Laut einer europäischen Statistik werden im süditalienischen Caserta mehr Autos geklaut als irgendwo sonst in Europa. In der Stadt selbst will man das nicht glauben. Doch Caserta liegt im Windschatten der Einflusszone des Mafia-Clans der "Casalesi".

1217 Zimmer hat im süditalienischen Caserta das barocke Schloss, es ist eine der größten Palastanlagen Europas und wird in der Anzahl der Räume nur noch durch den Palast von Versailles übertroffen. In einer anderen Statistik liegt Caserta dafür an der Spitze: Nirgendwo sonst als hier im Norden von Neapel, so veröffentlichte es kürzlich die EU-Kommission, werden mehr Autos geklaut. Die „Casertani", die Einwohner von Caserta, sind erbost: „una sciocchezza", sagen sie. „Schwachsinn."

Die umstrittene Liste, in der Caserta ganz oben steht, ist Tabelle Nummer 6 auf Seite 5 eines kleinen Berichts auf dessen Deckblatt steht: „Lebensqualität in europäischen Städten". Unter acht Kriterien hat das Europäische Statistikinstitut „Eurostat" europäische Städte untersucht, nach ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten: Nirgendwo, so kann man da lesen, gibt es demnach mehr Kinositze pro 1000 Einwohner wie im italienischen Ancona, nämlich 129,6; nirgendwo regnet es mehr als in Halle an der Saale, nämlich an 266 Tagen im Jahr.; und nirgendwo werden eben mehr Autos geklaut als in Caserta, nämlich 15,3 pro 1000 Autos.

Rino di Giacomo arbeitet seit sieben Jahren bei der Autovermietung „Noleggio Autosud" in Caserta und er kann sich kaum erklären, wie die Leute in Brüssel ausgerechnet auf sein Caserta kamen. 25 Autos parken bei ihm in der Garage, bisher kommen alle brav zurück, wenn er sie verleiht. „Es ist drei Jahre her, dass wir einen Diebstahl hatten", erklärt er. Gut, ein bisschen vorsichtig ist er: „Ich vermiete nur Autos, die nicht besonders gesucht sind, also keine Fiats, Alfas oder Lancias", sagt er; im Moment habe er nur Nissans, sie seien weniger klaugefährdet. Andere Autovermietungen in Caserta nehmen es lockerer „Alles Schwachsinn", sagt ein junger Verkäufer von „Avis" kaum, dass man ihm die Statistik vorgelegt hat, „wir haben keine Probleme. Wir vermieten alle Autos, die auf dem Markt sind." Ob er spezielle Versicherungen verkaufe? Ob er besondere Wegfahrsperren in den Autos habe? „Schwachsinn", sagt er wieder.

In der Einflußzone der "Casalesi"

Gänzlich harmlos ist Caserta aber auch wieder nicht. Denn rund um die Stadt mit dem prächtigen Schloss tummeln sich die Kriminellen. Caserta liegt in der Einflußzone des Clans der „Casalesi", benannt nach dem Provinznest Casal di Principe. Die Casalesi haben nicht nur unlängst sechs afrikanische Einwanderer ermordet, sondern wurden auch durch das Buch „Gomorra" des Autors Roberto Saviano italienweit und im Ausland bekannt. Zwar beschäftigt sich der Clan eigentlich mehr mit Drogen-, Menschen-, und Müllhandel, doch in seinem Windschatten knacken dann gewöhnliche Verbrecher die Autos.

„Die Autoklauer haben nichts mit den Casalesi zu tun aber sind eine sehr findige, sehr gut organisierte Bande", sagt der örtliche Richter Raffaello Magi, „sie fahren die geklauten Autos aufs Land, bauen sie auseinander und verkaufen sie weiter." Der Polizeichef von Caserta, Rodolfo Ruberti glaubt mehr an einen Autoklautourismus: „Das sind einzelne Leute", meint er, „die kommen aus Neapel, schauen sich nach einem Auto um, machen es auf und fahren wieder." Er hat keinen Zweifel an der Statistik: „Wenn das die EU sagt, wird es schon stimmen."

Im Rathaus von Caserta grübelt Alessandro Cascaterra über der Statisti, er macht sich Sorgen um das Bild seiner Stadt. „Immer das gleiche", klagt er, „ wenn es um Lebensqualität geht, stehen wir ganz unten, wenn es um Autoklau geht, ganz oben." Er meint aber, Caserta werde Unrecht getan. „Die Statistiker schreiben einfach ‚Caserta', doch die Zahlen stammen aus der ‚Provinz Caserta'": Die Casalesi morden, klauen und betrügen irgendwo in der Provinz, aber hängen bliebe alles an der braven Provinzhauptstadt.

Ist Caserta also der Himmel auf Erden? „Gut, bei uns ist es nicht so harmlos wie in Bozen", meint Alessandro Cascaterra, „aber dass hier am laufenden Band Autos geklaut werden, stimmt einfach nicht." Aber wer möchte das schon ausprobieren.

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