Nicht einmal ihr letzter Auftritt will glücken. Heute will Andrea Ypsilanti verkünden, ob sie noch einmal als Spitzenkandidatin gegen Roland Koch antritt. Die Partei, sagte sie vorgestern, habe ihr die Kandidatur angetragen. Aber am Freitag kursierten schon Gerüchte, sie lasse ihrem unbekannten Stellvertreter Wolfgang Schaub den Vortritt. Eine Pressekonferenz wurde angesetzt, dann wieder abgesagt.


Dabei sind Weitermachen, Rückzug oder Teilrückzug wohl nur noch scheinbar Optionen. Im Kern kann Ypsilanti nur noch über ein Datum entscheiden: Geht sie jetzt, wozu ihr Franz Müntefering geraten hat, oder geht sie im Januar nach einer zu erwartenden Wahlniederlage. Die Geschichte der Politikerin Andrea Ypsilanti scheint zu Ende.


Wenn sie heute noch einmal ihr Gesicht den Kameras präsentiert – auf dem Landesparteitag, der über die Spitzenkandidatur entscheiden soll – kann bei der so oft als maskenhaft Beschriebenen keine Entschlossenheit und keine Kosmetik mehr die Verzweiflung verbergen, die sie in den vergangenen Tagen empfunden hat. Carmen Everts, die Abgeordnete, die Ypsilantis Triumph in letzter Minute verhinderte, hat von Schlaflosigkeit und Erbrechen berichtet und damit die physische Dimension der Ereignisse angedeutet. Normalerweise braucht Macht Jahre, um sich in Politikergesichter einzugraben. Bei Ypsilanti haben Monate gereicht.


Sie hat mehrmals angedeutet, dass sie sich als Frau verfolgt fühlt. Das ist – angesichts der Männer, die sie beratend abschotten und der drei Frauen, die ihr aus Gewissensgründen nicht folgten – leidlich absurd. Genau wie der Vorwurf der „Machtgeilheit“, der Ypsilanti nun allenthalben gemacht wird. Macht ist die zentrale politische Kategorie. Ypsilanti hat aber nicht in politischen, sondern in ideologischen Kategorien gedacht. Damit war sie erstaunlich lange erfolgreich. Daran ist sie letztlich gescheitert.


Normalerweise muss ein Politiker sein Programm so lange durch Kompromisse nach vielen Seiten verwässern, bis es mehrheitsfähig ist. Ypsilanti hingegen glaubte, das einmal als richtig Erkannte sei durchsetzbar, wenn man es nur konsequent genug verfechte. Dieser Glaube gründete, so unwahrscheinlich das klingt, auf Erfahrung.


Einem überregionalen Publikum wurde die Soziologin, die als Stewardess und Sekretärin gearbeitet hat, bevor sie Funktionärin wurde, vor ziemlich genau fünf Jahren durch einen Ausspruch Gerhard Schröders bekannt: von „den Ypsilantis“ lasse er sich nicht seine Politik vorschreiben, polterte der Bundeskanzler. Damit wollte er die Agenda-Kritikerin stigmatisieren, erreichte jedoch das Gegenteil.


Zwar stand Ypsilanti nicht nur gegen Schröder, sondern gegen die überwältigende Mehrheit ihrer eigenen Partei und die öffentliche Meinung. Wenige Jahre später aber hatte sich der Wind gedreht. Die SPD wollte von ihrer Reformpolitik nichts mehr wissen und gab Ypsilanti nachträglich Recht: Auf dem Hamburger Parteitag vor einem Jahr erhielt kein Vorstandsmitglied mehr Stimmen als sie.

Gegen Widerstände Recht zu behalten – nach dem gleichem Muster verlief auch ihre Nominierung zur Spitzenkandidatin: Sie stand gegen die Bundes-SPD, gegen die Führung der Hessen-SPD und gegen die Basis, die sich auf Regionalkonferenzen mit 70 Prozent für ihren Gegner Jürgen Walter ausgesprochen hatte. Ypsilanti gab nicht auf, ging als Chancenlose in den Nominierungsparteitag – und triumphierte nach einer leidenschaftlichen Rede.


Sie möge nun wenigstens im Wahlkampf auf die Mitte setzen, riet ihr die Berliner Parteizentrale. Aber die Kandidatin dachte nicht daran, sagte in Interviews, „Mitte“ sei als Begriff verbraucht und präsentierte ein sehr linkes Programm der „sozialen Moderne“. Das bestand im Wesentlichen aus der Rücknahme der rot-grünen Reformen in Berlin und dem Ende der schwarz-gelben Sparpolitik in Wiesbaden.


Dieser Sozialrestauration fehlte noch das utopische Moment, ohne das keine Ideologie auskommt. Das lieferte Hermann Scheer, der vor gut zweieinhalb Jahren zu Ypsilanti fand. Scheer, der lange in Baden-Württemberg lebte und jetzt in Berlin wohnt, interessierte Hessen nur als Experimentierfeld. Hier wollte er ein Konzept beweisen, an dem nicht weniger als die ganze Welt genesen sollte.

Ypsilanti hatte sich schon bei ihrer Nominierung auf Adorno und Horkheimer berufen, nun kehrte mit Scheer eine Prise Herbert Marcuse zurück: Die Vorstellung, ein revolutionärer Umschlag der gesellschaftlichen Verhältnisse ins radikal Bessere sei erzwingbar, wenn man nur entschlossen und rücksichtslos genug vorgehe. Scheer spricht nicht vom Ausbau alternativer Energien, sondern von der „Energiewende“, die ein „Solarzeitalter“ einläuten solle.


Im Kern wollte Scheer die Kommunalpolitiker entmachten, die in Hessen wie überall in Deutschland oft die Aufstellung von Windrädern verhindern. Ein zentralistisches Projekt zur Menschheitsbeglückung wie aus dem Jahrhundert der Ideologien. Aber Scheers Energiewende passte in eine Zeit, in der die Deutschen scharenweise ins Kino liefen, um sich von Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ den drohenden Weltuntergang durch Erderwärmung vorhersagen zu lassen. In den Koalitionsverhandlungen konnte Ypsilanti Scheer nicht opfern – wie ihr jetzt viele nachträglich empfahlen –, denn damit hätte sie auch den ideologischen Glutkern ihres Projektes entsorgt.


Hermann Scheer ist Ypsilantis Ideengeber, aber nicht der Vater ihres Erfolges: Dieser Titel gebührt nur einem Mann: Roland Koch. Der erfolgreiche Ministerpräsident und erfahrene Wahlkämpfer hatte seine Konkurrentin unterschätzt. Ein seltsames Bündnis aus konservativen Eltern und GEW-Lehrern probte den Aufstand gegen eine unglückliche Bildungspolitik, bei der die Einführung des G8-Turboabiturs wie ein Angriff auf das bürgerliche Gymnasium wirkte. Ypsilanti setzte sich clever an die Spitze der Protestbewegung. Als sie dann noch eine Unterschriftenaktion zum populären Thema Mindestlohn startete, stolperte Koch. Statt seine Politik der Modernisierung zu verteidigen, verstrickte sich der Ministerpräsident in eine Kampagne gegen kriminelle Ausländer.


Wähler der Mitte, die an Kochs Regierung wenig auszusetzen hatten, stimmten im Januar gegen diese Art, Wahlkampf zu machen. Zumal Ypsilantis hundertfach wiederholte Versprechen, nicht mit der Linkspartei zusammen zu arbeiten, aus einem simplen Grund glaubwürdig klang: Eine so dreiste Lüge hielt niemand für möglich. Es kam anders.


Für ihr rot-rot-grünes Projekt hat Ypsilanti schon vor dem Super-Gau Anfang dieser Woche ein Menge geopfert: erst ihre persönliche Glaubwürdigkeit, dann den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck und vielleicht auch die Aussichten der SPD im nächsten Bundestagswahlkampf.


Die linke Mehrheit gegen alle Widerstände doch zu schmieden, wirkte von außen selbstmörderisch. Aber Ypsilanti hatte ja schon oft gegen alle Widerstände und Ratschläge am Ende Recht behalten. Erfahrung kann auch blind machen.