Es ist ein Moment, den Alexus Fiordilino nach eigenen Angaben nie vergessen wird: Sie verabschiedet sich von ihrem kleinen Sohn Vincent, umarmt ihn ein letztes Mal und nimmt an, dass er gestorben ist. Doch mehr als fünf Stunden später erfährt die Mutter, dass der Junge noch lebt. Er wird in der Leichenhalle des Krankenhauses entdeckt und anschließend in eine Kinderklinik gebracht.

Mutter erinnert sich an den Abschied

Der Notfall begann am Super-Bowl-Sonntag. Vincent war im heimischen Swimmingpool gefunden worden. Angehörige versuchten, ihn wiederzubeleben, anschließend wurde der Junge in die Notaufnahme gebracht. Nach Angaben eines Polizeiberichts ging der Notruf gegen 17.38 Uhr ein.

Dort übernahm ein medizinisches Team die Wiederbelebungsmaßnahmen. Alexus Fiordilino schilderte NBC News, dass der behandelnde Arzt ihr erklärt habe, die Blutwerte ihres Sohnes seien so stark verändert, dass selbst eine erfolgreiche Wiederbelebung kein Leben ohne schweres Leiden ermöglichen würde.

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Der Arzt habe ihr mitgeteilt, dass er den Todeszeitpunkt feststellen wolle. Um 18.20 Uhr erklärte Toosi Vincent für tot. „Ich wollte einfach nur Hilfe“, sagte die Mutter im Gespräch mit ABC15. Sie habe darauf vertraut, dass die Ärzte alles versucht hätten, um ihren Sohn zu retten.

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Beim Abschied seien ihr jedoch Zweifel gekommen. Auch Angehörige hätten den Eindruck gehabt, dass das Kind noch atmete. Nach Darstellung der Mutter wurde ihnen erklärt, die beobachteten Geräusche seien normale Reaktionen nach den Wiederbelebungsmaßnahmen.

Mehr als fünf Stunden in der Leichenhalle

Nach Angaben von NBC News dokumentierten Polizeibeamte bereits nach der Todesfeststellung mögliche Atembewegungen. Ein Ermittler berichtete demnach von einem weiteren hörbaren Atemzug gegen 19.18 Uhr, als das Kind für den Transport in die Leichenhalle vorbereitet wurde.

Auch bei einer späteren Kontrolle habe ein Beamter eine Bewegung wahrgenommen, die wie ein Atemzug oder das Entweichen von Luft gewirkt habe. Dem Polizeibericht zufolge erklärte eine Pflegekraft, es handle sich um sogenannte agonale Atmung, die unter anderem im Zusammenhang mit Wiederbelebungsmaßnahmen auftreten könne.

Um 19.23 Uhr sei die Tür des Kühlraums geschlossen worden. Erst als Mitarbeiter des medizinischen Untersuchungsdienstes gegen 23.52 Uhr eintrafen, um den Körper abzuholen, stellten sie fest, dass Vincent noch lebte.

Das Kind wurde unmittelbar in eine Kinderklinik gebracht. Seine Mutter berichtete NBC News, sie und ihr Mann hätten zunächst unter Schock gestanden, als sie von der Entdeckung erfuhren. Danach hätten sie vor Erleichterung geweint.

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Doch die dramatische Wendung bedeutete nicht, dass Vincent wieder gesund wurde. Nach Angaben seines Anwalts John Brewer erlitt der Junge schwere Hirnschäden. Er könne nicht selbstständig sitzen oder krabbeln, habe Schluckprobleme und leide unter Krampfanfällen. Die Familie müsse sich auf eine langfristige Versorgung einstellen.

Bluttest wirft Fragen zum Ablauf auf

Besonders kritisch sieht der Anwalt den zeitlichen Ablauf rund um eine Blutgasanalyse. Ein solcher Test liefert unter anderem Informationen über den Säure-Basen-Haushalt des Blutes und kann bei der medizinischen Beurteilung schwer erkrankter Patienten eine Rolle spielen.

Nach Darstellung Brewers stützte der Arzt seine Entscheidung, die Wiederbelebungsbemühungen zu beenden, auch auf die Ergebnisse dieses Tests. Aus den von ABC15 ausgewerteten Unterlagen gehe jedoch hervor, dass Toosi den Todeszeitpunkt um 18.20 Uhr festlegte, während die Testergebnisse demnach erst um 18.38 Uhr vorlagen – also 18 Minuten später.

Auch die Entscheidung, keine Körperkerntemperatur zu messen und keine Erwärmungsmaßnahmen durchzuführen, sei laut den von ABC15 geprüften Unterlagen teilweise mit den Blutwerten begründet worden.

Der Anwalt der Familie stellt deshalb die Frage, auf welcher Grundlage die medizinischen Entscheidungen getroffen wurden. Er kündigte gegenüber NBC News eine formelle Beschwerde gegen den Arzt und das Krankenhaus an.

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Die vorliegenden Angaben belegen zunächst eine zeitliche Diskrepanz zwischen der dokumentierten Todesfeststellung und dem angegebenen Zeitpunkt der Testergebnisse. Ob daraus ein medizinischer Fehler folgt und welche Bedeutung die Ergebnisse für die Behandlung hatten, ist damit noch nicht abschließend geklärt.

Krankenhaus und Arzt äußern sich nicht zu Einzelheiten

Das Mercy Gilbert Medical Center reagierte auf eine Anfrage von ABC15 mit einer Stellungnahme des Trägers Dignity Health. Darin bezeichnete das Unternehmen den Fall als herzzerreißend. Wegen des Schutzes der Patientendaten könne man keine Informationen zu den Beteiligten oder zur Behandlung veröffentlichen. Die Sicherheit der Patienten und eine hochwertige medizinische Versorgung hätten höchste Priorität.

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Der Anwalt des Arztes, Scott Holden, erklärte ebenfalls, sein Mandant wünsche dem Kind weitere Genesung. Aus Gründen des laufenden Rechtsstreits und des Schutzes medizinischer Daten könne er sich zu den Einzelheiten der Behandlung derzeit nicht äußern. Eine abschließende Bewertung des medizinischen Vorgehens liegt damit bislang nicht vor.

Keine Anklage gegen die Eltern

Der Fall hatte bereits zuvor für Schlagzeilen gesorgt. Nach Angaben von NBC News hatte die Polizei Ermittlungen gegen die Eltern aufgenommen und eine Anklage wegen Kindesmisshandlung empfohlen. Hintergrund war, dass Vincent während einer Super-Bowl-Feier im Familienpool gefunden worden war. Laut Polizeibericht hatten beide Eltern angegeben, am Morgen Cannabis konsumiert zu haben.

Die zuständige Staatsanwältin von Maricopa County, Rachel Mitchell, teilte im Juli jedoch mit, dass die Eltern nicht angeklagt würden.

Auch die Ermittlungen zum Verhalten des medizinischen Personals sind noch nicht abschließend bewertet. Die Polizei von Gilbert erklärte gegenüber ABC15, die bislang zusammengetragenen Erkenntnisse begründeten keinen hinreichenden Verdacht auf eine Straftat durch das medizinische Personal. Deshalb seien keine Anklagen gegen die Beteiligten auf den Weg gebracht worden. Der Fall werde nun der Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates zur Prüfung vorgelegt.

NBC News berichtete allerdings, die Behörde habe zunächst noch keine Entscheidung darüber getroffen, ob sie den Fall selbst überprüfen werde.

Für die Familie bleibt damit vieles offen. Vincent lebt inzwischen wieder zu Hause, ist nach Angaben seines Anwalts jedoch auf umfassende Unterstützung angewiesen. Seine Mutter hofft, dass die offenen Fragen zum Ablauf im Krankenhaus geklärt werden. „Es ist etwas, das kein anderer Elternteil erleben sollte“, sagte sie NBC News.