Vor der Küste Alexandrias (Ägypten) haben Unterwasserarchäologen einen außergewöhnlichen Fund gemacht: In den Überresten eines versunkenen Palastes entdeckten sie einen bronzenen Siegelring, dessen Gravur den berühmten Leuchtturm von Alexandria zeigt. Das Bauwerk gehörte zu den sieben Weltwundern der Antike. Nach Angaben des Europäischen Instituts für Unterwasserarchäologie (IEASM) ist es das erste bislang bekannte Siegel dieser Art. Das ägyptische Ministerium für Tourismus und Altertümer gab die Entdeckung Anfang Oktober bekannt.

Archäologischer Fund im einstigen Machtzentrum

Der Siegelring lag zwischen den Überresten des Palastes von Antirhodos, der während der ptolemäischen Epoche genutzt wurde. Die Gravur ist zwar teilweise abgenutzt, ähnelt aber nach Angaben des ägyptischen Ministeriums Darstellungen des Leuchtturms auf Münzen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus.

Für Grabungsleiter Franck Goddio ist vor allem der Fundort von Bedeutung. „Die Entdeckung des Siegels ist umso bedeutender, als es im legendären Palast auf der Insel Antirhodos ausgegraben wurde, dem einstigen Machtzentrum der Stadt“, erklärte er laut einer Mitteilung des IEASM.

Der Fund könnte darauf hindeuten, dass der Palast nicht ausschließlich als Residenz diente. Nach Einschätzung der Forscher gab es dort möglicherweise auch Verwaltungsräume, in denen Aufgaben rund um den berühmten Leuchtturm organisiert wurden. Ob der Ring tatsächlich von einem Beamten oder einem anderen Angehörigen der damaligen Elite getragen wurde, ist bislang nicht bekannt.

Auch seine genaue Datierung und Größe wurden bisher nicht mitgeteilt. Der Archäologe Hector Williams von der University of British Columbia, der die Fundstätte mehrfach besucht hat, betonte gegenüber „The Art Newspaper“, dass die wissenschaftliche Bedeutung erst anhand genauer Angaben zum Fundort und eines zeitlich einzuordnenden archäologischen Zusammenhangs abschließend beurteilt werden könne.

Münzen liefern Hinweise auf das Weltwunder

Der Leuchtturm, nach der vorgelagerten Insel Pharos genannt, wurde um 280 vor Christus errichtet. Mit einer geschätzten Höhe von mehr als 100 Metern zählte er zu den imposantesten Bauwerken der antiken Welt. Über Jahrhunderte diente er Seefahrern als weithin sichtbare Orientierungshilfe bei der Einfahrt in den Hafen Alexandrias. Wie das Bauwerk tatsächlich aussah, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Archäologen und Bauforscher sind auf antike Schriftquellen, Münzbilder und wenige erhaltene bauliche Überreste angewiesen. Die jetzt entdeckte Gravur ist deshalb ein weiteres Zeugnis für das Erscheinungsbild des verlorenen Weltwunders.

New find in the eastern port of Alexandria
Der Siegelring zeigt den Leuchtturm von Alexandria, eines der sieben Weltwunder der Antike.© Franck Goddio/Hilti Foundation | Christoph Gerigk

Auf Münzen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus ist der Leuchtturm in einer dreigeteilten Form dargestellt: mit einem quadratischen Sockel, einem achteckigen Mittelteil und einem runden oberen Abschnitt. Auch die Gravur auf dem Siegelring scheint diesem Aufbau zu entsprechen. Einige Fachleute vermuten zudem, dass eine kleine Unregelmäßigkeit an der Spitze Rauch darstellen könnte, der von einer Lampe aufsteigt. Ob die Gravur tatsächlich dieses Detail zeigt, ist allerdings nicht gesichert.

Der griechische Geograf Strabon beschrieb den Leuchtturm nach seiner Ägyptenreise zwischen 29 und 25 vor Christus als einen weithin sichtbaren Turm aus weißem Stein. Er erklärte, das Bauwerk sei notwendig gewesen, weil die flache und von Untiefen geprägte Küste den ankommenden Schiffen die Orientierung erschwerte.

Ein versunkener Palast aus Kleopatras Zeit

Die Ausgrabungen auf Antirhodos fördern seit Jahren neue Erkenntnisse über das königliche Viertel Alexandrias zutage. Im antiken Hafen gelegen, beherbergte die Insel einen Palast, den bereits Strabon erwähnte. Die Unterwasserarchäologen legen dort schon seit Jahren architektonische Überreste auf einer Fläche von mehreren tausend Quadratmetern frei.

Neben dem Siegelring fanden sie Keramik- und Glasobjekte aus unterschiedlichen Epochen. Nach Angaben des ägyptischen Ministeriums reichen die Funde vom vierten Jahrhundert vor Christus bis zum vierten Jahrhundert nach Christus. Dazu gehören Alltagsgegenstände, Tafelgeschirr, Amphoren, Öllampen und Glasgefäße.

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Bereits im vergangenen Jahr hatte das Team in der Umgebung der versunkenen Insel einen als „schwimmenden Vergnügungspalast“ bezeichneten Fund aus der Zeit Kleopatras bekannt gemacht. Die aktuellen Untersuchungen konzentrieren sich unter anderem auf den Tempel der Isis, den Palast und weitere Bereiche der einstigen Königsinsel.

Die Entdeckungen helfen dabei, die politische, religiöse und wirtschaftliche Bedeutung des antiken Alexandria besser zu verstehen. Die Stadt war unter Alexander dem Großen als Residenz für sein geplantes Weltreich angelegt worden. Nach seinem Tod führten die Ptolemäer, seine Nachfolger in Ägypten, den Ausbau zu einem bedeutenden Zentrum der hellenistischen Welt fort.

Erdbeben brachten den Leuchtturm zum Einsturz

Der Pharos überdauerte den Niedergang der ptolemäischen Dynastie und blieb noch viele Jahrhunderte in Betrieb. Erst schwere Erdbeben und die fortschreitende Zerstörung führten im Mittelalter zum Ende des Bauwerks. Besonders die Beben von 1303 und 1323 werden mit seinem endgültigen Einsturz in Verbindung gebracht.

Im Jahr 1477 ließ der Mamlukensultan Qait Bey an der vermuteten Stelle des Leuchtturms eine Festung errichten. Für deren Bau wurden Überreste des antiken Bauwerks verwendet. Teile davon sind bis heute in der Zitadelle erhalten.

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Unter Wasser liegen weitere architektonische Fragmente, die Wissenschaftlern helfen sollen, die Gestalt des Pharos genauer zu rekonstruieren. Die Arbeit ist schwierig: Die Überreste sind über eine große Fläche verteilt, und schlechte Sicht sowie ein unebenes Meeresbett erschweren die Untersuchungen.