Die Ampel springt auf Grün, doch der Wagen fährt nicht sofort los – und binnen Sekunden ertönt die erste Hupe. Ein paar Meter weiter drängelt ein Autofahrer per Lichtsignal, ein anderer gestikuliert wütend hinter der Frontscheibe. Und der Radler, der einer Fußgängerin ausweichen muss, zeigt dieser den Vogel.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass Rücksichtnahme im Straßenverkehr schwindet. Das wird durch Langzeitstudien der Verkehrsunfallforschung der Versicherer (UDV) sogar belegt. In diesem Jahr etwa stieg der Anteil derer, die manchmal drängeln, auf 47 Prozent. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2023 waren es nur 39 Prozent. Und 55 Prozent der Befragten müssen sich nach Ärger im Verkehr erst mal abreagieren.
Aggression im Straßenverkehr: Warum fällt Ärger im Auto leichter?
Laut Studie haben sich in diesem Jahr fast alle 23 erhobenen Werte zur Messung von aggressivem Verhalten im Vergleich zu 2023 verschlechtert. Ein Trend, der seit etwa zehn Jahren anhalte. Darüber hinaus habe sich 2026 ein bekanntes Muster gezeigt: Menschen schätzen ihr eigenes Verhalten meist weniger aggressiv ein als das der anderen. Warum aber fällt es vielen Menschen im Straßenverkehr offenbar leichter, ihrem Ärger freien Lauf zu lassen?
Dr. Wolfgang Fastenmeier ist Professor für Arbeitspsychologie und Psychologie des Verkehrswesens in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und kennt die Antwort: Wer im Wagen sitze, so Fastenmeier, sei von den anderen Verkehrsteilnehmern räumlich getrennt. Er oder sie befände sich gewissermaßen in einem geschützten Raum. „Im Auto fällt aggressives Verhalten leichter“, sagt Fastenmeier. Hemmungen fielen deutlich schneller als bei einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht.

Dabei beschränkt sich das Problem laut dem Experten keineswegs auf Autofahrer. Auch zwischen Radfahrern und Fußgängern komme es häufig zu Konflikten. Bei Radfahrern beobachtet der Verkehrspsychologe sogar ein besonders selbstbewusstes Auftreten. Sie seien schnell, wendig und könnten sich einer Konfrontation deutlich leichter entziehen als Fußgänger. Auch das senke die Schwelle für ausgelebte Aggressivität.
Mehr Aggression, mehr Unfälle? Was die Zahlen zeigen
Für den Verkehrspsychologen liegt ein wesentlicher Grund für die Entwicklung im Verkehrssystem selbst. Wer am Verkehr teilnimmt, verfolge meist ein klares Ziel: möglichst schnell und ungehindert von A nach B zu kommen. „Wenn es dabei zu Störungen kommt, etwa durch andere Verkehrsteilnehmer, Baustellen, Lieferdienste oder Staus, führt das schnell zu Frustration. Und aus Frustration kann Aggression entstehen“, erklärt Fastenmeier. Man werde ungeduldig und fahre möglicherweise riskanter, indem man dichter auffahre oder fester aufs Gaspedal drücke.
Die Annahme, dass der Verkehr mit steigender Aggression auch gefährlicher werde, verneint Wolfgang Fastenmeier. „Das Unfallgeschehen nimmt nicht zu. Über die letzten 30 bis 50 Jahre haben wir einen kontinuierlichen Rückgang der Unfallzahlen erlebt. Seit vielen Jahren bewegen wir uns im Grunde auf einer Art Plateau“, sagt er. Zwar schwankten die Zahlen leicht, im Mittel aber seien sie gleichbleibend. Wissenschaftliche Belege für mehr Unfälle durch riskantes Fahren gebe es also nicht.
Für den Experten sind Aggressionen bei der Beurteilung der Situation auf Deutschlands Straßen aber auch nur ein Problem. Ein anderes sei Ablenkung. Auch die könne dazu führen, dass Verkehrsteilnehmer unberechenbar reagierten, zu spät bremsten oder andere gefährdeten. Smartphones spielten dabei eine Rolle, aber auch die Bedienung moderner Fahrzeuge. Wolfgang Fastenmeier kritisiert insbesondere die zunehmende Digitalisierung der Cockpits.
Touchscreens im Auto: Wie Ablenkung den Verkehr gefährdet
Touchscreens bündeln zahlreiche Funktionen, ersetzen aber häufig Tasten und Drehregler, die sich ohne Blickkontakt einfach bedienen lassen. „Die Folgen können sein, dass man unaufmerksam wird, zu schnell oder zu langsam fährt oder zu dicht auffährt. Das periphere Sehen verschlechtert sich, und es kommt zu mehr Blickfixationen.“ Wer einen vertrauten Knopf ertasten könne, müsse den Blick nicht lange von der Straße abwenden.
Auch die Unfallforschung der Versicherer hat diese Probleme erkannt. In einer Untersuchung zur Fahrzeugbedienung kommt sie zu dem Schluss, dass Touchdisplays zwar viele Funktionen integrieren, ihre Bedienung aber vom Fahren selbst ablenken kann. Genauso wie die Nutzung von Smartphones: Laut UDV-Studie schreibt jeder Vierte während der Fahrt zumindest ab und an Nachrichten, jeder Fünfte nutzt soziale Netzwerke. „Das Leben wird immer hektischer, wir sind quasi permanent erreichbar, der Druck nimmt zu“, sagt UDV-Leiterin Kirstin Zeidler. „Der Zeitgeist läuft der Sicherheit entgegen.“
Lesen Sie auch
Mehr zum Thema Psychologie lesen Sie hier
Was gegen Aggression im Straßenverkehr helfen soll
Bei aller Kritik an wachsender Aggressivität im Straßenverkehr ist dem Verkehrspsychologen Fastenmeier dennoch wichtig zu betonen: Die meisten Menschen verhalten sich beim Fahren regelkonform. Rüpelhaftes Verhalten sei nicht die Norm, auch wenn einzelne Begegnungen und schwere Unfälle besonders im Gedächtnis blieben. Seine Empfehlung: Eine umfassendere Ausbildung beim Führerschein, verständliche Verkehrsführungen, ablenkungsarme Fahrzeugbedienung und eine Kultur der Rücksichtnahme könnten dazu beitragen, Konflikte zu entschärfen.










