„Krebs verändert alles, das ganze Leben, den Alltag, alles. Die Todesangst, die ist das Schlimmste“, sagt Sandra Fuchs. Bei der 48-jährigen Essenerin wurde im März 2024 ein Zervixkarzinom entdeckt: Gebärmutterhalskrebs. Eine lebensbedrohliche Erkrankung, die in den allermeisten Fällen – wie bei ihr – durch Humane Papillomviren (HPV) verursacht wird. Ein Krebs, vor dem die HPV-Impfung schützen kann, indem sie HPV-Infektionen verhindert.

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Seit genau 20 Jahren gibt es diese Impfung gegen Krebs. Die Ständige Impfkommission empfiehlt sie allen Mädchen und Jungen zwischen neun und 14 Jahren. Doch in Deutschland ist nicht einmal die Hälfte in dieser Altersgruppe tatsächlich gegen HPV geimpft.
Dabei ist Gebärmutterhalskrebs nicht das einzig Böse, was HP-Viren verursachen. Auch Penis-, Anal-, Schamlippen- und Scheidentumoren gehen auf ihr Konto, genau wie solche im Mund-Rachen-Raum. Und Feigwarzen, die häufigste sexuell übertragbare Erkrankung.
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„Die Impfung deckt nicht alle Virustypen ab, aber die wichtigsten“
Sandra Fuchs ist nicht gegen HPV geimpft. Als sie Teenager war, gab es die im September 2006 erstmals zugelassene Impfung noch gar nicht. Ihr Tumor war bei der Diagnose fast sechs Zentimeter groß: riesig. Zu groß, als dass allein eine radikale Operation hätte helfen können, bei der man ihr die Gebärmutter entfernt hätte. Die Essenerin erhielt über sechs Wochen Chemotherapie und Bestrahlungen, anschließend eine sogenannte Brachytherapie. Dabei werden unter Narkose verbliebene Tumorreste gezielt durch die Scheide bestrahlt. Auch 36 Lymphknoten wurden Fuchs entnommen. Um abzuklären, wie weit sich der Krebs schon verbreitet hatte. „Alle 36 waren zum Glück unauffällig“, sagt die Mutter einer Achtjährigen.
Fuchs zählt zu den rund 4300 Frauen im Jahr, bei denen Gebärmutterhalskrebs neu diagnostiziert wird. HPV-Infektionen sind weitaus häufiger. „Nicht jede HPV-Infektion verursacht Krebs“, erklärt Dr. Mareike Bommert, Fuchs‘ behandelnde Oberärztin im Zentrum für Gynäkologische Onkologie an den Evangelischen Kliniken Essen-Mitte. Es gebe 200 verschiedene Virustypen. „Die Impfung zielt auch nicht auf alle Typen, sie deckt aber die wichtigsten ab. Bestenfalls gelingt es uns damit, die HPV‑assoziierten Krebsarten zu eliminieren.“
Stiko empfiehlt die Impfung auch Jungen
Dazu allerdings müssten noch weit mehr Mädchen und Jungen geimpft werden: am besten zweimal vor ihrem 15. Geburtstag, rät die Stiko – noch vor dem ersten Geschlechtsverkehr, vor dem ersten Kontakt mit Humanen Papillomviren, die sexuell übertragen werden. „Catch-up“-Impfungen zahlen die Krankenkassen bis zum 18. Lebensjahr, „und bis 26 zeigen sie sich meist großzügig“, versichert Bommert.
Zunächst hatte die Stiko nur Mädchen die HPV-Impfung empfohlen. Seit 2018 legt sie sie auch Jungen ans Herz. Weil HPV-Infektionen bei ihnen ebenso zu Krebs führen können, insbesondere im Mund-Rachen-Raum. Vor allem aber, weil sie (ungewollt) Mädchen infizieren können. „Beim Geschlechtsverkehr übertragen sie unbemerkt die Viren“, erklärt Bommert. „Jungen sind ein Erreger-Reservoir.“
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Andere Länder haben deutlich höhere Impfquoten
Zahlen des RKI zufolge sind in Deutschland bisher nur 55 Prozent der Mädchen unter 15 sowie 35 Prozent der Jungen in diesem Alter vollständig gegen HPV geimpft. „Zu wenig, viel zu wenig“, bedauert Bommert. 90 Prozent jeweils sollten es laut nationalem Impfplan sein. Norwegen, Island und Portugal haben einem aktuellen Bericht der Pharmazeutischen Zeitung zufolge die Quote erreicht (für Mädchen), Dänemark, Schweden, Spanien, Luxemburg und Malta liegen bei über 80 Prozent. Deutschland belegt mit Platz 19 einen der hinteren Plätze unter allen EU-Ländern.
In Australien, berichtet die Gynäkologin Bommert, würden Kinder schon seit Langem im Rahmen eines flächendeckenden Schulimpfprogramms gegen HPV geimpft. In Deutschland gibt es keine flächendeckenden Schulimpfprogramme, weitverbreitet ist dagegen: Impfmüdigkeit. „Und das nicht erst seit Corona.“ Das Alter der Zielgruppe sei zudem ein schwieriges, so die Gynäkologin. „Mit neun bis 14 sind viele nicht mehr beim Kinder- und Jugendarzt. Und noch nicht beim Hausarzt. Deshalb kommen wir kaum an sie ran. Diese Lücke ist schwer zu schließen.“

500 Millionen Impfdosen schon verabreicht
500 Millionen Dosen der drei zur Verfügung stehenden Vakzine wurden weltweit schon verabreicht, zehn Millionen allein in Deutschland. Die Impfung gilt als sicher. Sowohl der Berufsverband der Frauenärzte und Frauenärztinnen wie auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe rufen klar dazu auf. Laut RKI verhindert die die Impfung 96 Prozent der HPV-bedingten Krebserkrankungen im Mund-Rachen-Raum, 95 Prozent der Gebärmutterhalskrebs-Fälle sowie 97 Prozent der Krebsfälle im Analbereich. Ein Bericht des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane aus dem vergangenen Jahr untermauert die Impfempfehlung ebenfalls. Hinweise auf schwerwiegende Nebenwirkungen gäben auch Langzeitdaten nicht her, heißt es darin.
Impfskeptiker wie der Verband ÄFI (Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung) fürchten indes, dass Geimpfte sich in falscher Sicherheit wiegen, und daher nicht mehr zur Vorsorge gehen. Vor allem bezweifeln sie aber den Nutzen dieser Impfung. Dass die Zahl der Gebärmutterhals-Krebserkrankungen zurückgehe, sei Spekulation. Dazu gebe es ja gar keine Daten, sagen sie.
Impfskeptiker bezweifeln Rückgang der Krebsfälle
Das stimme, räumt Mareike Bommert ein. „Wir können bislang wissenschaftlich nur nachweisen, dass die Zahl der Krebsvorstufen durch die Impfung deutlich sinkt. Aus diesen Vorstufen erwächst aber der Krebs.“ Dass auch die Zahl der Krebsfälle tatsächlich sinke, werde man erst in einigen Jahren sehen können – weil bis zu 30 Jahre nach einer HPV-Infektion vergehen könnten, bevor daraus ein Tumor wird.
Dass Geimpfte nicht mehr zur Vorsorge gingen, fürchtet sie nicht. „Die haben mit der Impfung schon ihre Motivation bewiesen, sich schützen zu wollen.“ 20- bis 34-jährigen Frauen zahlen die Kassen einmal im Jahr eine gynäkologische Untersuchung inklusive Pap-Test (Abstrich zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und seinen Vorstufen), älteren alle drei Jahre einen kombinierten PAP/HPV‑Test.
Sandra Fuchs‘ Tochter fragt schon, wann sie denn endlich geimpft werden könne. „Im nächsten Jahr ist es so weit“, sagt die Mutter. Die Tränen fließen, als sie erzählt, wie dramatisch für ihre ganze Familie ihre Krebsdiagnose gewesen sei. „Muss ich jetzt sterben?“, fragte nicht nur sie sich. „Es sind keine Frauen um die 70, die Gebärmutterhalskrebs bekommen. Es sind meist jüngere Frauen, Frauen wie Frau Fuchs. Die noch arbeiten, die Kinder haben oder noch haben wollen, die mitten im Leben stehen“, sagt Bommert. „Denen zieht die Diagnose den Boden unter den Füßen weg.“ Keine hundert Meter hätte sie nach der Chemo laufen können, ohne eine Pause einzulegen, erzählt Fuchs. Das hätte sie vor ihrer Tochter nicht verheimlichen können – weswegen das Mädchen an diesen Tagen in der Schule Bauchschmerzen vorgetäuscht hat, um an Mamas Seite sein zu können.
36 Lymphknoten entfernt: „Sie fehlen“

Seit August 2024 ist Fuchs‘ Tumor „in Remission“, nicht mehr nachweisbar. Für Volleyball und Joggen, die beiden Sportarten, die Sandra Fuchs früher liebte, reicht die Kraft noch nicht. Aber die 48-Jährige arbeitet inzwischen wieder. Ein Jahr war sie raus aus ihrem Job als Key-Account-Managerin in der Modebranche. 20 Kilo hat sie zugelegt, weil die Lymphflüssigkeit in ihrem Körper nicht mehr so abfließt, wie sie es tun sollte, sich vor allem im Bein staut. Im Dezember muss sie deswegen operiert werden.
Zweimal in der Woche geht sie zur Physiotherapie und Lymphdrainage. Alle drei Monate steht eine Kontrolluntersuchung in der Gynäkologie an, alle sechs ein neues CT oder MRT. Die Nächte davor und die danach, bis das Ergebnis vorliegt, sind Nächte, in denen sie nicht schläft. „Der Tumor ist verschwunden, die Angst, dass er zurückkehrt, ist geblieben. Ich denke täglich daran. Diese Angst wird mich nie mehr verlassen. Sie überschattet mein Leben.“










