Der Prozess gegen die mutmaßliche Kindsmörderin Lindsay Clancy ist in den USA gescheitert. Der Richter stellte am Freitag in Plymouth im Bundesstaat Massachusetts abschließend fest, dass sich die Geschworenen nicht über die Schuldfähigkeit der 36-Jährigen einigen konnten. Die frühere Krankenschwester hatte die Tötung ihrer drei Kinder zwar gestanden, laut ihrem Anwalt litt sie aber unter einer sogenannten Wochenbettpsychose und war damit schuldunfähig.

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In letzter Minute wies ein Berufungsgericht einen Antrag der Verteidigung zurück, einen der Geschworenen auszutauschen. Er hatte den elf anderen Jury-Mitgliedern nicht zugestimmt, die Clancy offenbar für schuldunfähig erklären wollten. Die Angeklagte hatte in dem fast sechswöchigen Verfahren angegeben, eine Stimme habe ihr befohlen, ihre Kinder zu töten. Der live übertragene Prozess sorgte in den USA für viele Schlagzeilen.
Wie der US-Sender „CNN“ berichtet, habe der Richter eine Statusanhörung für den 29. September angesetzt. Lindsay Clancys Verteidigungsteam könnte das Gericht bitten, sie für nicht schuldig zu erklären. Der Bezirksstaatsanwalt von Plymouth County, Timothy Cruz, habe gesagt, die Staatsanwaltschaft werde in einer Anhörung entscheiden, ob der Fall neu verhandelt wird.
Geschworener verweigert Anweisung – Richter lehnt Ausschluss ab
Wenige Stunden davor hatte der Prozess einen unerwarteten Eklat erlebt. Die Jury-Vorsitzende hatte Richter William Sullivan in einer Notiz darüber informiert, dass sich ein Geschworener weigere, seine Anweisungen zum Grundsatz des „vernünftigen Zweifels“ zu befolgen.
Daraufhin beantragte die Verteidigung überraschend, diesen Geschworenen aus dem Verfahren auszuschließen – ein Antrag, den der Richter ablehnte. Im Gerichtssaal war hörbares Erstaunen zu vernehmen. Zu dem Zeitpunkt war die Jury bereits seit rund 35 Stunden mit der Beratung über ein einstimmiges Urteil beschäftigt, nach fast sechs Wochen Prozess.
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Richter im Lindsay‑C.-Prozess befragt Geschworene einzeln
Nach der Auseinandersetzung zwischen Verteidiger Kevin Reddington und Staatsanwältin Jennifer Sprague ließ Sullivan jedes Jury-Mitglied einzeln in den Gerichtssaal rufen und erinnerte alle noch einmal daran, dass eine Verurteilung nur bei einstimmiger Überzeugung jenseits eines vernünftigen Zweifels möglich sei. Reddington ging während der Unterbrechung zu seiner im Rollstuhl sitzenden Mandantin, um sie über die Entwicklung zu informieren – eine sichtlich angespannte Situation.
Der Richter begründete seine Entscheidung damit, dass es ihm nicht zustehe, sich in laufende Beratungen einzumischen oder Partei zu ergreifen. Staatsanwältin Sprague unterstützte diese Haltung und betonte, es lasse sich von außen nicht beurteilen, wer in der Beratung richtig oder falsch liege. Reddington selbst erklärte später vor Journalisten, ihm liege lediglich die Notiz der Vorsitzenden vor, wonach ein einzelner Geschworener sich weigere, die Rechtsanweisung zum Zweifelsgrundsatz zu akzeptieren; über eine zuvor kursierende Information zu einer Stimmverteilung von 11 zu 1 wollte er sich nicht äußern.

Mutmaßlicher dreifacher Kindsmord: Lindsay C. gibt Tötung ihrer Kinder zu
Die 36-jährige Lindsay C. hatte eingeräumt, ihre fünfjährige Tochter Cora, ihren dreijährigen Sohn Dawson und ihren acht Monate alten Sohn Callan im Januar 2023 im gemeinsamen Haus der Familie getötet zu haben. Die Tat selbst wird von der Verteidigung nicht bestritten, im Zentrum des Prozesses steht allein die Frage der Schuldfähigkeit. Ihre Anwälte argumentieren, sie habe zur Tatzeit unter einer schweren Wochenbettpsychose gelitten und nicht zwischen Recht und Unrecht unterscheiden können.
Nach der Tat war Lindsay C. aus dem Fenster im zweiten Stock des Familienhauses gesprungen und seither von der Hüfte abwärts gelähmt. Ihre Verteidigung führt zusätzlich Depressionen, Angstzustände und Schlafprobleme nach der Geburt sowie möglicherweise verschlechternde Medikamente an. Mehrere Zeugen berichteten zudem von einer männlichen Stimme, die ihr angeblich befohlen habe, die Kinder zu töten. Die Staatsanwaltschaft hält dem entgegen, dass sie trotz ihrer psychischen Erkrankung schuldfähig gewesen sei und gezielt gehandelt habe.
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Wochenbettpsychose weiter im Fokus
Der Fall hat auch außerhalb des Gerichtssaals große Aufmerksamkeit ausgelöst. Zahlreiche Frauen bekundeten ihre Solidarität mit Lindsay C. und berichteten von eigenen psychischen Problemen nach der Geburt; vor dem Gericht in Plymouth versammelten sich wiederholt Hunderte Unterstützerinnen, die auf ihrer Ansicht nach unzureichende Hilfsangebote für Mütter in psychischen Krisen aufmerksam machen wollten. Gleichzeitig gibt es Kritik an der intensiven medialen Begleitung des Verfahrens.
Die Wochenbettpsychose gilt als seltene, aber besonders schwere psychische Erkrankung, die unter anderem Halluzinationen, Wahnvorstellungen und starke Stimmungsschwankungen auslösen kann. Sie wird als psychiatrischer Notfall eingestuft und kann auch Frauen treffen, bei denen zuvor keine psychische Erkrankung bekannt war. Wissenschaftliche Untersuchungen gehen von etwa 0,9 bis 2,6 Fällen pro 1000 Frauen aus.











