Zusammenfassung

  • Umweltminister Till Backhaus musste sich in einer Sondersitzung für die umstrittene Walrettung von „Timmy“ rechtfertigen.
  • Interne Dokumente zeigen, dass trotz Warnungen von Experten und Mitarbeitern der Transport des geschwächten Wals auf Druck von außen genehmigt wurde.
  • Mehrere Anzeigen laufen nun gegen das Ministerium und Backhaus, während weiterhin Fragen zu politischen Motiven hinter der Aktion offen bleiben.

Das Schicksal des Buckelwals „Timmy“ versetzte im Frühjahr 2026 ganz Deutschland in Aufruhr. Was sich rund um den mehrfach gestrandeten Wal abspielte, glich dabei zeitweise einem Drehbuch für einen Actionfilm: ein hilfloses Tier, dramatische Rettungsversuche, engagierte Wal-Fans, ein millionenschwerer Unternehmer und Streit hinter den Kulissen. Am Ende stand eine spektakuläre Rettungsaktion, der Wal starb trotzdem. Doch damit ist die Geschichte von „Timmy“ noch nicht vorbei. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) musste sich am Mittwoch in einer Sondersitzung des Agrarausschusses für die gescheiterte Rettungsaktion einer privaten Initiative rechtfertigen.

Pikant war nicht nur die Frage, warum die Rettung des mehrfach gestrandeten Buckelwals letztlich scheiterte. Sondern auch, wie die Entscheidung für den privaten Rettungsversuch zustande kam – und ob der Minister dabei Warnungen aus seinem eigenen Haus überging. Anlass dafür seien laut Fraktion neue Erkenntnisse aus Recherchen der „Zeit“ und der „Ostsee-Zeitung“. Beide Zeitungen haben jeweils rund 1700 Seiten mit internen Vermerken, Stellungnahmen und E-Mails aus Backhaus’ Ministerium einsehen können.

Ob er aus heutiger Sicht noch einmal „als Minister mit dieser Initiative einen solchen Versuch unternehmen“ würde, verneinte Backhaus am Mittwoch in der Sondersitzung im Schweriner Landtag. Die Sitzung fand, anders als ursprünglich geplant, öffentlich statt. „Für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern war dieser Versuch erfolgreich. Das Tier ist erfolgreich geborgen worden“, sagte Backhaus. Bei der privaten Initiative habe einiges nicht richtig funktioniert, etwa die vorher vereinbarte lückenlose Dokumentation des Transports des Wals auf dem Schiff und die Übermittlung der vollständigen Tracker-Daten. Auch entstandene Mehrkosten, etwa Personalkosten, habe das Ministerium noch nicht von der Initiative zurückerhalten.

Fragwürdige Rettungsaktion: CDU fordert Aufklärung von Minister Backhaus

„Die Begründungen des Umweltministers zur Duldung der sogenannten ‚Rettungsaktion‘ halten einer sachlichen und transparenten Überprüfung schlicht nicht mehr stand“, hatte die artenschutzpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Beate Schlupp, zuvor gesagt. Ihre Fraktion hatte von Till Backhaus „volle Transparenz“ darüber erwartet, „welche fachlichen Gutachten seiner Entscheidung damals tatsächlich zugrunde lagen“.

Die Ausgangslage war eigentlich eindeutig: Fachleute hatten angesichts des schlechten Zustands des Tieres vor einem aufwendigen Transport gewarnt. Das Umweltministerium hatte zunächst selbst keine weiteren Rettungsversuche in Aussicht gestellt. Doch wenige Tage später änderte sich die Lage grundlegend. Am 15. April gab Backhaus überraschend grünes Licht für den Plan einer privaten Initiative, „Timmy“ auf einem Lastkahn aus der Ostsee in Richtung Nordsee zu bringen. Finanziert wurde die Aktion unter anderem vom Mitbegründer der Media-Markt-Kette Walter Gunz und der Unternehmerin Karin Walter-Mommert.

Zuletzt warfen veröffentlichte Recherchen ein anderes Licht auf die Vorgeschichte dieser Entscheidung. Wie die „Zeit“ und die „Ostsee-Zeitung“ berichteten, soll es innerhalb des Ministeriums erhebliche Bedenken gegen die Rettungsaktion gegeben haben. Mitarbeiter sollen vor den Folgen gewarnt haben, während zugleich der Druck von außen zunahm. Eine zentrale Rolle spielte dabei offenbar Walter Gunz. So schrieb die „Zeit“, dass der Unternehmer sich persönlich bei Backhaus für die Genehmigung des Transports eingesetzt hatte. Wie aus den Dokumenten ebenfalls hervorgegangen sei, schrieb Gunz am 11. April an den Minister: „Vielleicht können wir gemeinsam den Wal retten und Sie die Wahl retten.“ Zu diesem Zeitpunkt befand sich die SPD in Mecklenburg-Vorpommern bereits im Wahlkampf und lag in Umfragen deutlich hinter der AfD.

Vorwurf: Backhaus soll interne Warnungen ignoriert haben

Nur vier Tage später gab Backhaus schließlich den privaten Rettern grünes Licht. Besonders brisant ist dabei der Vorwurf, dass Backhaus die Warnungen aus dem eigenen Ministerium nicht ausreichend berücksichtigt habe. Nach den Recherchen der beiden Zeitungen sollen sich Mitarbeiter gegen den Kurs von Backhaus gestellt haben. Ein Abteilungsleiter habe sich schließlich sogar wegen „Überlastungs- und Erschöpfungszustand“ krankgemeldet. Damit stellt sich eine politische Frage, die über das Schicksal des Wals hinausgeht: War Backhaus‘ Entscheidung für die Rettungsaktion tatsächlich eine fachliche – oder spielten politische und persönliche Einflussnahmen eine Rolle?

Mit einem Lastkahn wurde der geschwächte Wal in die Ostsee transportiert.
Mit einem Lastkahn wurde der geschwächte Wal in die Ostsee transportiert.© dpa | Philip Dulian

„Es stellt sich die dringende Frage, wieso eine Maßnahme ohne belastbare wissenschaftliche Erfolgsaussichten überhaupt erst grünes Licht erhalten konnte“, schreibt die Sprecherin Schlupp in ihrer Stellungnahme. Bei der Staatsanwaltschaft in Schwerin sind inzwischen mehrere Hundert Anzeigen im Zusammenhang mit dem Fall Timmy eingegangen. Mehrere davon richten sich auch gegen das Ministerium und Till Backhaus. Die Anzeigen werden derzeit noch geprüft. Unsere Redaktion hat das Ministerium von Till Backhaus mit den Medienberichten und den daraus resultierenden Fragen konfrontiert und um Stellungnahme gebeten. Das Ministerium hat sich jedoch bis zur gesetzten Frist nicht geäußert.

mit dpa