Sie galten lange als kompromisslose Fleischesser – als Jäger, die Wildtiere erlegten und deren Muskelfleisch über dem Feuer brieten. Doch das Bild vom Neandertaler als Steinzeit-Karnivoren bekommt neue Facetten. Denn aktuelle Forschungen deuten darauf hin, dass sie nicht nur auf frisches Fleisch aus waren, sondern auch Verwesendes verzehrten, inklusive der Maden, die sich darin tummelten.

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Eine neue Studie unter Leitung von Melanie Beasley, Anthropologin an der Purdue University (USA), liefert nun handfeste Hinweise: Fliegenlarven, die sich in verwesendem Fleisch entwickeln, könnten eine wichtige Rolle in der Ernährung von Neandertalern gespielt haben. Und genau diese Praxis könnte erklären, warum in Knochen von Neandertalern außergewöhnlich hohe Stickstoffwerte nachgewiesen wurden, Werte, die sogar über jenen von Raubtieren wie Löwen oder Wölfen liegen.
Stickstoff-Werte werfen Fragen auf
Seit den 1990er-Jahren ist bekannt, dass die Isotopensignaturen – chemische Fingerabdrücke in Knochen – von Neandertalern auf eine extrem fleischreiche Ernährung hindeuten. Doch Forscher rätselten: Derart hohe Mengen an magerem Fleisch sind für den menschlichen Organismus kaum verdaulich. Der moderne Mensch kann – ebenso wie seine fossilen Verwandten – nur begrenzte Mengen Eiweiß verstoffwechseln. Zu viel davon kann zu einer gefährlichen Stoffwechselstörung führen, früher bekannt als „Hasen-Hunger“.
Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert
Deshalb vermuteten manche Wissenschaftler schon länger, dass unsere Vorfahren nicht nur Muskelfleisch aßen, sondern auch fett- und nährstoffreichere Bestandteile verwerteten, etwa Knochenmark oder Innereien. Anthropologe John Speth von der University of Michigan ging noch weiter: Er vermutete, dass auch verwesendes Fleisch samt Maden bewusst konsumiert wurde. Lange blieb diese Idee randständig – bis Melanie Beasley sie 2017 bei einem Vortrag hörte und beschloss, sie experimentell zu überprüfen.
Forschung an menschlichen Körperspenden
Beasley untersuchte Stickstoffwerte in verwesendem Gewebe menschlicher Körperspenden, die auf einem Forensikgelände im Freien verwitterten. Besonders auffällig: Die Maden, die sich im Gewebe entwickelten, wiesen deutlich höhere Stickstoffwerte auf als das Gewebe selbst. Das spricht dafür, dass Fliegenlarven – vermutlich unweigerlich mitverzehrt – zur besonderen Isotopensignatur der Neandertaler beigetragen haben könnten.
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Beasley vermutet: Wenn Neandertaler Fleisch lagerten oder aßen, war es fast nie völlig frei von Insekten und Maden wurden unweigerlich Teil des Menüs. In vielen indigenen Kulturen, etwa bei Inuit-Gruppen, gilt fermentiertes oder von Maden durchzogenes Fleisch als Delikatesse. Für europäische Entdecker hingegen war es oft kaum erträglich, wie historische Berichte zeigen.
Ekel ist kulturell geprägt
Karen Hardy, Archäologin an der Universität Glasgow, sieht in den neuen Ergebnissen eine sinnvolle Ergänzung unseres Verständnisses der Steinzeitkost. Dass Menschen damals Maden aßen, sei angesichts des Ressourcenmangels und der kulturellen Praktiken eigentlich logisch. Der westliche Ekel gegenüber Insekten sei kein universelles Phänomen: Laut UN ernähren sich heute rund zwei Milliarden Menschen weltweit regelmäßig von Insekten.
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Spuren von Maden lassen sich archäologisch kaum nachweisen, da sie schnell zerfallen. Umso wichtiger sind chemische Analysen wie die von Beasley. Doch sie mahnt auch zur Vorsicht: Ihre Studie basiert auf modernen menschlichen Geweben, nicht auf Tierfleisch, wie es Neandertaler gejagt hätten. Außerdem können sich die verwendeten Fliegenarten von jenen in der Altsteinzeit unterschieden haben.











