Eine Studie hat faszinierende Erkenntnisse über die Bestattungstraditionen der Neandertaler und des frühen Homo sapiens zutage gefördert. In Westasien untersuchten Archäologinnen und Archäologen zahlreiche Gräber, die zwischen 35.000 und 120.000 Jahre alt sind, und stellten dabei sowohl bemerkenswerte Parallelen als auch deutliche Unterschiede im Bestattungsverhalten der beiden Menschengruppen fest.

Wo vergruben Neandertaler und Homo sapiens ihre Toten? – Neue Studie gibt Einblick

Auf den ersten Blick zeigen die in der Fachzeitschrift „L’Anthropologie“ veröffentlichten Studienergebnisse deutliche Unterschiede im Bestattungsverhalten. „Neandertaler begruben ihre Toten in Höhlen. Frühe Homo sapiens begruben ihre Toten entweder außerhalb von Höhlen oder unter den Höhleneingängen, nicht unter der Höhlendecke“, erklärte die Paläoanthropologin Ella Been von der Universität Tel Aviv in Israel im Gespräch mit „Live Science“.

Auch die Position der Verstorbenen handhabten die prähistorischen Kulturen verschieden: „Frühe Homo sapiens begruben ihre Toten fast immer in der Embryostellung, mit nach unten zur Brust geneigtem Kopf“, sagte Been. Dagegen sollen die Neandertaler ihre Toten in unterschiedlichsten Positionen bestattet haben.

Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Sowohl Neandertaler als auch frühe moderne Menschen gaben den Toten Grabbeigaben mit. Bei archäologischen Ausgrabungen wurden in den Gräbern der Neandertaler etwa Wildziegenhörner und Schildkrötenpanzer entdeckt. In den Begräbnisstätten der frühen Homo sapiens fanden sich hingegen Hirschgeweihe, Wildschweinkiefer und Muscheln.

Der Schädel eines Neandertalerskeletts.
Die Rekonstruktion einer Bestattung der Neandertaler.© De Agostini/Getty Images | Getty Images

Die Levante, der östliche Mittelmeerraum, in der die 32 untersuchten Gräber gefunden wurden, spielte eine zentrale Rolle in der Menschheitsgeschichte. In dieser Region begegneten sich Neandertaler und Homo sapiens, wobei sie vermutlich Wissen und Kultur teilten. Laut der Studie begannen beide Gruppen vor etwa 90.000 bis 120.000 Jahren unabhängig voneinander mit der Tradition des Begräbnisses. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand waren sie auch die einzigen, die diese Praktik durchführten.

„Wir wissen, dass es andere Homininen gab, die gewisse Bestattungspraktiken hatten und etwas mit ihren Toten machten, aber niemand sonst legte seine Toten in Löcher und bedeckte sie, wie wir und die Neandertaler es taten“, so die Hauptautorin der Studie, Been.

Forscher sprechen Klartext: Weltweite Verbreitung der Bestattungspraktiken bleibt unklar

Schon länger vermuteten Wissenschaftler, dass die Levante eine zentrale Durchzugsregion für aus Afrika migrierende Menschengruppen war. „Dies war für mich der überraschendste Fund“, erklärte Ella Been. „Erst als wir ihre Bestattungsgewohnheiten verglichen, stellten wir fest, dass alle anderen Bestattungsplätze in Afrika und Europa nach der Levante kamen.“

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Die Forscher vermuten, dass die Begräbnisrituale nicht nur spirituelle Bedeutung hatten, sondern auch ein Mittel zur territorialen Markierung waren. „Wir wissen, dass viele Gruppen, die im selben Gebiet leben, durch Bestattungen ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Höhlen kennzeichnen, wenn es zu Druck kommt, etwa hinsichtlich der Ressourcen“, so Been.

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So erstaunlich die neuen Erkenntnisse auch sind, sind die Untersuchungen noch nicht aussagekräftig genug. Laut John Hawks, Paläoanthropologe an der University of Wisconsin–Madison, reicht die bisherige Datenmenge nämlich noch nicht aus, um die Levante als Ursprung weltweiter Bestattungspraktiken zu belegen. Auch Been stimmt damit überein und fügte hinzu: „Wir sollten mehr Ausgrabungen durchführen“, um diese Hypothese weiter zu stützen.