Man muss sich August Pfluger gerade als überglücklichen Menschen vorstellen. Anders als 27 andere Eltern, die seit Freitag um das Leben ihrer Kinder bangen. Der republikanische Abgeordnete des Parlaments im texanischen Austin hatte seine beiden Töchter kurz vor dem amerikanischen Nationalfeiertag in das berühmte christliche Mädchen-Sommer-Freizeitlager Camp Mystic geschickt.

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In der seit 1926 bestehenden Einrichtung rund 130 Kilometer nordwestlich von San Antonio urlaubten schon die Kinder von Präsident Lyndon B. Johnson. Laura Bush, die Frau des früheren Präsidenten George W. Bush, war Betreuerin in einem Haus, das sich rühmt, „jungen Mädchen eine gesunde christliche Atmosphäre zu bieten, in der sie herausragende persönliche Qualitäten und Selbstwertgefühl entwickeln können“.
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In der Nacht zu Freitag wurde die gesunde Atmosphäre zum tödlichen Horror. Der Pegel des nahe gelegenen Guadalupe River stieg nach dammbruchartigen Regenfällen binnen 45 Minuten um fast neun Meter an. Bäume, kleine Häuser, Autos, Brücke – das Monster riss alles mit sich. Bis Sonntagnachmittag deutscher Zeit meldeten die Behörden der Landkreise um das Epi-Zentrum Kerr County 68 Tote, darunter mindestens 21 Kinder.
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Die Vermissten-Suche läuft mit über 1000 Einsatzkräften auf Hochtouren. August Pflugers Töchter hatten großes Glück. Aber aus Camp Mystic, wo insgesamt 750 Mädchen die Zeit um den Independence Day verbringen sollten, fehlt drei Tage nach der Katastrophe nach Angabe des Sheriffs von 27 Mädchen weiter jede Spur.
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An der für die Eltern eingerichteten Anlaufstelle in der Grundschule in Ingram spielen sich seither herzzerreißende Szenen ab. Weinende Mütter liegen sich in den Armen. Väter, denen die Qualen des Wartens ins Gesicht geschrieben stehen, verdrücken Träne um Träne. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf“, sagte ein bärtiger Anwalt aus Dallas im Gespräch mit Reportern, „ich will, dass mein Mädchen nach Hause kommt.“ Andere, die Eltern von Greta Toranzo und Molly Dewitt, haben Fotos von ihren Töchtern in sozialen Medien veröffentlicht: „Bitte nehmen Sie mit uns Kontakt auf, wenn Sie sie sehen.“
Viele der Wartenden schöpfen Mut aus Episoden, wie sie Jenny MacLennan erlebt hat. Ihre Tochter (10) hatte laut „New York Times“ das Glück, dass die Hütte, in der sie untergebracht war, hoch genug lag, um den Wassermassen zu trotzen. Betreuer brachten sie zu einem Hubschrauber, der das Kind aus der Gefahrenzone flog. Am Freitagnachmittag nahmen die MacLennans ihr Mädchen, das erschöpft, aber gefasst gewirkt habe, erleichtert in die Arme.

Die Kleine habe im Auto die typischen Mystic-Lieder gesungen, die seit 1926 an diesem traditionsreichen Ort zu hören sind. Mystic-Mädchen tragen sonntags, wenn es gebratenes Hähnchen gibt, weiße Kleidung. Sie lernen Reiten. Und wie man Dankeskarten schreibt. Das Highlight eines Summer-Camps ist ein Kriegskanu-Rennen auf dem Guadalupe. Dabei heißt das Motto der Mystic-Gemeinde: „Seid freundlich zueinander.“
Schuldzuweisungen nach Flut-Katastrophe: Sind die USA schlecht vorbereitet?
Gouverneur Greg Abbott versicherte in Presse-Konferenzen, dass die Suchtrupps nicht aufhören werden, bis alle Vermissten gefunden sind. „Doch von Stunde zu Stunde schwinden die Überlebenschancen“, sagen Rettungskräfte vor Ort. Sie bestätigen, dass Dick Eastland, der Leiter von Camp Mystic, der seit 50 Jahren mit seiner Frau Tweety auf dem Gelände lebte, zu den Todesopfern zählt.
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Unterdessen machen erste Schuldzuweisungen die Runde. So soll der Nationale Wetterdienst, der erstmals am Donnerstag warnte, die horrenden Wassermassen nicht avisiert haben. Die Meteorologen, die durch Kürzungen der Trump-Regierung landesweit 600 Stellen verloren haben, dementieren das vehement. Sie verweisen darauf, dass der Guadalupe schon vor fast 40 Jahren zum nassen Grab wurde. Damals wurde zehn Jugendliche aus einem Camp nach einem Sturm in den Tod gerissen. Seither ist die Gegend als „Sturzflut-Allee“ bekannt, weil sich zwischen den anmutigen Hügeln leicht das Wasser staut.
Texas-Vizegouverneur Dan Patrick, ein ultra-konservativer, gottesfürchtiger Mann, würgte die Ursachenforschung fürs Erste ab. „Ich bitte die Menschen in Texas, heute ernsthaft zu beten – kniend zu beten – dass wir diese jungen Mädchen finden.“








