- Was die Löwin in Berlin, ist ein Kätzchen in Sachsen-Anhalt
- Der dort angeblich gesichtete Puma war wohl nur ein Stubentiger
- Die Samtpfote wurde sogar mit Drohnen gejagt
In Braunsbedra, so mögen böse Zungen behaupten, sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Rund 11.000 Menschen leben in dem bescheidenen Ort am Geiseltalsee in Sachsen-Anhalt, etwa 30 Kilometer westlich von Leipzig. An diesem Dienstag gehen sie einkaufen, warten auf den Bus oder unterhalten sich im Vorgarten. Und das, obwohl ihre Idylle ständig von Martinshörnern und Rotorblättern durchbrochen wird: Polizei, Katastrophenschutz und Feuerwehr jagen ein Phantom. Genau genommen eine „Großkatze“, die am See ihr Unwesen treiben soll.
Puma in Sachsen-Anhalt? Tier kleiner als angenommen
Am Dienstagnachmittag gab das Landratsamt des Saalekreises eine Pressemitteilung heraus, die als Zurückrudern interpretiert werden kann. Am Dienstag sei ein zweites Video mit einer Tiersichtung eingegangen, hieß es. Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um dasselbe Tier handele. „Aus der Perspektive des neuen Videos ist das zu sehende Tier kleiner als zunächst zwingend zu vermuten und durch die Experten bisher eingeschätzt wurde“, heißt es in ungelenkem Behördendeutsch. Die Bilder würden weiter von Experten geprüft. „Die großflächige Suche ist aber eingestellt“, sagte Susanne Lange, Sprecherin des Saalekreises, am Mittwochmorgen unserer Redaktion..
In einem Interview mit RTL zeigte sich Braunsbedras Bürgermeister Steffen Schmitz überzeugt, dass die Puma-Hypothese ad acta gelegt werden könne. „Also es ist kein Puma in Braunsbedra, es wird sich sicherlich um eine Katze gehandelt haben. Welche Arzt ist nicht ganz klar, aber das spielt auch keine Rolle“, sagte Schmitz dem Sender.
Bereits am Freitag, 13. Juni, soll das Tier im Bereich des Hafens gesichtet worden sein. Als Beweis dient ein wackliges Handyvideo. Zu sehen ist ein Feld am Waldrand sowie eine massige Silhouette mit katzenartigem Gang, die an den Bäumen entlang schleicht. Bei genauerem Hinsehen scheint ein langer Schwanz erkennbar. Eine Stimme hinter der Kamera mutmaßt: „Weißt du, was das ist? So was wie ein Puma!“
Sachsen-Anhalt: Behörden vermuteten mit „80-prozentiger Sicherheit“ Puma
Der Landkreis Saalekreis hat die Aufnahme, die in der Nähe der Marina von Braunsbedra entstanden sein soll, als „vertrauenswürdig“ eingestuft. Sabine Faulstich, Ordnungsdezernentin des Kreises, hatte gegenüber der „Mitteldeutschen Zeitung“ (MZ) zunächst berichtet, man habe das Video Experten vorgelegt. Diese hätten bejaht, „dass es sich um eine Großkatze handelt“ – mit „80-prozentiger Sicherheit um einen Puma“.
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Eine offizielle Bestätigung gab es vorerst nicht. Dennoch setzte das Bundesamt für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz (BBK) über die Warn-App Nina eine Meldung an die Bevölkerung ab. „Nähern Sie sich keinesfalls dem Tier! Vermeiden Sie es, sich in Wiesen und Wäldern aufzuhalten“, warnte die Behörde. Wer das Tier sehe, solle sofort über die 112 Feuerwehr und Rettungsdienst informieren.
Eine ukrainische Familie, die am Dienstag ein Picknick am Wasser machte, hat von all der Aufregung nichts mitbekommen: „Wir sprechen kein deutsch und haben die Zeitungen nicht gelesen. Aber jetzt wo wir es wissen, machen wir uns keine Sorgen. Das Tier hat wohl eher Angst vor Menschen.“

Christoph Dose, und Rudolf Hähnel kommen beide ursprünglich aus der Nähe von Braunsbedra. Christoph ist zu Besuch aus Bad Tölz (Bayern). Sie wollen den Abend in einer Strandbar am See ausklingen lassen. Christoph lacht und sagt, aus „Bad Tölz bin ich ganz andere Tiere gewohnt“. In der Vergangenheit seien dort in der Nähe Braunbären gesichtet worden. Er wundert sich, dass noch keine Wildtierkamera den vermeintlichen Puma erfasst habe. Rudolf macht sich keine Sorgen, mit dem Puma in Kontakt zu kommen. „Ich denke, der bleibt eher im Wald und versteckt sich dort.“

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Sven Bremer und Rudolf Hähnel verbringen mit ihren Wohnmobilen einen Kurzurlaub am Geisetalsee - 50 Meter neben der Böschung, an der das erste Video von dem Tier aufgenommen wurde. Sie haben die Nachricht von der vermeintlichen Puma-Sichtung morgens in den Nachrichten gehört. „Wir waren uns kurz nicht sicher, ob wir überhaupt anreisen können. Der Betreiber des Campingplatzes hat aber auf Nachfrage gesagt, es gibt keine Einschränkungen. Die Fahrräder, die wir eigentlich mitnehmen wollten, haben wir lieber zu Haue gelassen. Denn Wildkatzen greifen am ehesten Objekte an, die sich schnell bewegen, denke ich.“ Dass das Tier zu einer Gefahr in der Nähe des Campingplatzes wird, glauben sie aber nicht.
Reiner Schreiber ist Hausmeister auf dem Gelände am See. Er gießt gerade mit einem Schlauch die Blumen auf der Rückseite einer Eisdiele. „Ich habe mir heute keine Sorgen gemacht. Ich war schon in der schwedischen Wildnis und bin dort Wölfen recht nahe gekommen. Aber meine Frau, die macht sich Sorgen. Sie hat mich heute um halb drei angerufen und hat gebeten, dass ich sie von der Arbeit abhole. Sie arbeitet in einer Spielhalle in der Nähe der ersten Sichtung des Tieres.“
Immer neue Sichtungen: Drohneneinheit suchte nach „Großkatze“
Das Gebiet, in dem die Raubkatze vermutet wird, umfasst mehrere an den Geiseltalsee angrenzende Kommunen. Seit Montagabend wird es großräumig überwacht. „Wir verfolgen die Spuren der Einsatzleitung, wenn neue Anrufe mit Hinweisen oder Sichtungen reingekommen sind“, erklärt Thomas Junge von der Drohneneinheit der Freiwilligen Feuerwehr aus dem Nachbarort Mücheln unserem Reporter vor Ort.
Hier die Großkatze vom Geiseltalsee.
— Doktor Dementi (@doktordementi) 16. Juni 2025
Quelle TikTok👇🏼 pic.twitter.com/TDUUKluMwr
Die letzte heiße Spur erreichte sie gegen 15 Uhr am Dienstag: Die „Großkatze“, wie das Tier von den Einsatzkräften genannt wird, soll an einer Schule gesichtet worden sein – nur anderthalb Kilometer entfernt. „In einem Raster suchen wir die Gegend, in der die Sichtungen gemeldet wurden, sukzessive mit den Drohnen ab. Wir hoffen, das Tier schnell zu finden, damit sich die Bevölkerung wieder in Sicherheit wiegen kann“, so Junge. Es komme schon ab und an vor, dass sie mit Drohnen nach Personen oder sogar Tieren suchen. „Aber ein Puma – das ist bisher einzigartig.“
Sollte das Tier gefunden werden, planen die Behörden, es zu betäuben, wie aus einer Mitteilung des Landkreises hervorgeht. Anschließend soll das Tier in einen Zoo gebracht werden, erste Anlaufstellen hätten bereits zugestimmt. Woher die mutmaßliche Raubkatze stammen könnte, bleib derweil zunächst unklar. Bisher habe sich auch kein Zoo oder privater Halter gemeldet, hieß es weiter. Alle bekannten Tierhalter seien angefragt worden. Auch eine illegale Haltung des Tieres sei deshalb nicht auszuschließen.
Experte skeptisch: „Es müssten Spuren vorhanden sein“
Der Berliner Wildtierexperte Derk Ehlert äußerte sich gegenüber dieser Redaktion skeptisch: „Ich gehe bei der Einschätzung, dass es sich hierbei um ein Raubtier handelt, nicht mit. Es ist alles viel zu unscharf, ich kann da ein Tier erkennen, aber nicht, um welches Tier es sich handelt.“ Auch den Ort im Video könne er nicht wiedererkennen, obwohl er sich im Geiseltal gut auskenne, so Ehlert.
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„Außerdem, noch ein wichtiger Punkt: Wenn dort wirklich ein Puma war, müssten eigentlich Trittsiegel vorhanden sein, also Spuren, die das Tier im Acker hinterlassen hat. Wären die vorhanden, würde man sehr schnell erkennen können, um welches Tier es sich handelt.“ Eine erste mögliche Spur meldeten die Behörden am Dienstagnachmittag: In der Nähe des Sees sei in den vergangenen Tagen ein gerissenes Kalb gefunden worden. Der Kadaver werde nun untersucht, um zu klären, ob das Kalb tatsächlich von einer Raubkatze getötet wurde.
Begegnung mit einer Raubkatze – So verhalten Sie sich richtig
Der Landkreis warnte indes die Bevölkerung: „Beim Zusammentreffen nicht in die Augen, sondern auf den Körper schauen, langsam zurückweichen und großmachen. Hunde bitte an Leine führen!“ Das rät auch Dr. Friederike Scholz, Wildtierexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Weglaufen sei bei einer Raubtier-Begegnung die denkbar schlechteste Idee – „weil man dadurch den Jagdinstinkt wecken kann“. Im „sehr unwahrscheinlichen“ Fall eines Angriffs: „am besten Hinhocken und Hände im Nacken zusammenlegen“, um Nacken und Bauch zu schützen.

An den Spekulationen, um welches Tier es sich in Braunsbedra handeln könnte, möchte auch Scholz sich nicht beteiligen. Im Allgemeinen gelte jedoch: „Wenn es ein Puma ist, würde ich die Gefahr noch ein bisschen geringer einschätzen, auch wenn Pumas körperlich in der Lage sind, einen schwer zu verletzen. Einem Löwen hätte man nicht viel entgegenzusetzen.“ Vor einem Raubtier dieser Art war im Juli 2023 in Kleinmachnow, südwestlich von Berlin, gewarnt worden. 30 Stunden lang jagten die Behörden die Löwin, von der ebenfalls ein verwackeltes Handyvideo existierte. Am Ende entpuppte sich die Großkatze als Wildschwein.
Der Fall in Sachsen-Anhalt rief auch Tierschutzorganisationen auf den Plan. PETA lobte 500 Euro Belohnung für Hinweise auf den möglichen Halter des Tieres aus und betonte die „ungeahnten Ausmaße“, welche der Handel mit gefährlichen Wildtieren in Deutschland erreicht habe. „Sogar Großkatzen wie Tiger und Löwen sind im Internet käuflich erwerbbar und in vielen Bundesländern, darunter Sachsen-Anhalt, dürfen sie legal privat gehalten werden.“ PETA fordere daher „zum Schutz von Mensch und Tier ein generelles Haltungs- und Verkaufsverbot von Wildtieren“.










