Der Schuldspruch des Gerichts in der bretonischen Stadt Vannes war keine Überraschung: Joël Le Scouarnec hatte während des Prozesses gestanden, er habe als Magen- und Darmchirurg jahrelang 189 Minderjährige sexuell missbraucht und 111 Minderjährige vergewaltigt. Die 300 Kinder befanden sich dabei oft unter Narkose und wussten nachher „von nichts“, was ihr seelisches Leiden später nur noch verschlimmerte.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Der 74-jährige Täter hatte in seinem Schlusswort selber erklärt, er verdiene „keine Milde“. Das Gericht verordnete ihm die 20-jährige Höchststrafe für Vergewaltigung – allerdings ohne anschließende Sicherheitsverwahrung. Diese wirklich lebenslange Verwahrung hatte die Staatsanwaltschaft verlangt, weil Le Scouarnec für Kinder „hochgefährlich“ bleibe. Die fünf Richter gingen nicht darauf ein.

Hier berichtet eine Betroffene: Arzt missbrauchte Amélie – „Ich war erst neun Jahre alt“

Pelicot & Le Scouarnec: Frankreich hat zwei Monster-Prozesse hinter sich

Der dreimonatige Prozess in Vannes war ein einziger Albtraum. Wochenlang wechselten sich die Opfer im Zeugenstand ab. Sie hatten von der Polizei erfahren, dass ihre Namen in den Notizheften des Chirurgen figurierten – mit einem präzisen Beschrieb jeder Schandtat. Die Ermittlerin, die den Heftinhalt auswertete, musste sich in der Folge selber krankschreiben lassen; bei ihrer Aussage vor Gericht brach sie in Tränen aus. Ein Psychiater gab zu Protokoll, er habe „noch nie so viele Perversionen in einer einzigen Person vereinigt gesehen“ wie in Le Scouarnec.

„Nie wieder“ steht auf dem Schild eines Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude im französischen Vannes, wo der Chirurg Joël Le Scouarnec verurteilt wurde.
„Nie wieder“ steht auf dem Schild eines Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude im französischen Vannes, wo der Chirurg Joël Le Scouarnec verurteilt wurde.© AFP | DAMIEN MEYER

Der Fall weist gewisse Parallelen zur Causa Pelicot auf – benannt nach dem Mann, der in Südfrankreich seine Frau Gisèle Pelicot jahrelang immer wieder mit Medikamenten betäubt und dann anderen Männern zum Missbrauch überlassen hatte. Dominique Pelicot war auch geständig. Vor Gericht gaben sich beide Angeklagten betroffen von der Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Taten.

Für Psychiater waren das Zeichen einer massiven Persönlichkeitsspaltung, aber auch des Versuches, die Gerichtsverhandlung zu dominieren, war zu lesen: Indem sie ein Geständnis ablegten, bestimmten die beiden Mitsiebziger in gewisser Weise selbst das Strafmaß, nämlich die Höchststrafe. Beide wussten, dass sie wohl nie mehr auf freien Fuß kommen werden. Und beide haben weitere Prozesse zu gewärtigen. Gegen Le Scouarnec wurde noch während des Prozesses ein neues Dossier wegen „unidentifizierter Opfer“ eröffnet. Verfolgt wird er auch, weil er gestanden hatte, sich an seiner Nichte vergangen zu haben.

Kindesmissbrauch: Warum stoppten Behörden den Arzt nicht früher?

Vor dem Gericht in Vannes entrollten Angehörige nach dem Schuldspruch ein langes Transparent mit den 300 Vornamen der Opfer. Demonstranten prangerten das jahrelange Wegschauen der Ärzteschaft und Behörden an. Die regionale Ärztekammer hatte Le Scouarnec nach einer ersten Verurteilung 2005 wegen pädophiler Akte weiterarbeiten lassen.

Das Szenario wiederholte sich an allen Kliniken, an denen Le Scouarnec tätig war. Sein Anwalt Thibaut Kurzawa erklärte diese Woche in seinem Schlussplädoyer: „Es gibt zwar nur einen Schuldigen, aber mehrere Verantwortliche.“ Mehrere Mediziner und Beamte waren während des Prozesses in den Zeugenstand gerufen worden – aber alle schoben die Verantwortung auf andere Stellen und Instanzen.

Lesen Sie auch

In Vannes verlangten Opfervertreter am Mittwoch zudem eine von den Behörden lancierte „Konferenz des Ärzte-Korps“ zur Verhinderung pädophiler Übergriffe im Gesundheitswesen. Die Regierung nahm dazu am Mittwoch keine Stellung. Le Scouarnec ist der schlimmste, aber bei weitem nicht der einzige Fall sexuellen Missbrauchs an französischen Krankenhäusern. So wurde etwa im April ein Klinik-Psychiater in Marseille zu zwölf Jahren Haft verurteilt, weil er sich an vier Patienten vergangen hatte.