Jahrelang hatte Amélie Lévêque auf diesen Moment gewartet. „Dieser Mann hatte mich nach meiner Blinddarmoperation im Krankenhausbett vergewaltigt, als ich neun war“, sagt sie mit beherrschter Stimme. „Jetzt, 34 Jahre später, als ich ihn vor Gericht zum ersten Mal wieder sah, hatte ich Mühe, ihm ins Gesicht zu sagen, was ich mir vorgenommen hatte.“
Verständlich: „Dieser Mann“, wie ihn Amélie Lévêque nennt, soll der schlimmste Kinderschänder Frankreichs sein. Er heißt Joël Le Scouarnec, war über die Bretagne hinaus als Bauch- und Darmchirurg angesehen und hat vor allem viele Kinder behandelt. Heute ist er 74 und angeklagt, unter Narkose 299 Minderjährige im Durchschnittsalter von elf Jahren sexuell missbraucht zu haben.
Ein Gericht in der bretonischen Kleinstadt Vannes verhandelt seit gut drei Monaten diesen unvorstellbaren Fall, in dem Le Scouarnec lebenslängliche Haft droht. Der Hauptsaal ist zu klein für alle Beteiligten, die Verhandlung muss in zwei weitere Theaterräume übertragen werden. Die Opfer wechseln sich seit Wochen im Zeugenstand ab. Neun von zehn der heute erwachsenen Nebenkläger haben keine Erinnerung an die Tat, da sie während der Gewalttat sediert waren. Aber alle berichten über seelisches Leiden.






