Eigentlich hatte Deutschland beim Eurovision Song Contest 2025 so vielversprechende Chancen wie lange nicht. Mit „Baller“ präsentierten Abor & Tynna eine durchaus mitreißende Nummer, und Stefan Raab schien seit Lena Meyer-Landruts Sieg 2010 noch einen Rest Showglanz auf seiner Weste zu tragen. Am Ende hieß es: „Du gewinnst hier nicht den ESC-Pokal!“. Deutschland landet mit 151 Punkten auf Platz 15, auf dem Podium stehen Österreich (436 Punkte), Israel (357 Punkte) und Estland (356 Punkte).

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Der Auftritt von Abor & Tynna blieb nicht mehr als ein erfrischendes Gegenprogramm zu vielen anderen ESC-Performances: scheinbar improvisierte Tanzeinlagen. Schwarze Outfits im Meer der Pailletten. Eine wackelige Stimme, die die Elektropop-Hymne kaum tragen konnte, aber dennoch zum Mitsingen animierte. Die 24-jährige Sängerin Tynna und ihre Tanzcrew feierten wie der harte Kern in den späten Stunden einer Berliner WG-Party.
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Wo andere auf Perfektion setzten, entschieden sich Raab und das Geschwisterduo aus Wien für Echtheit. Einst hatte Meyer-Landrut mit einem simplen schwarzen Kleid und jugendlicher Schnodderigkeit den Sieg geholt. Auch Abor & Tynna erhielten Standing Ovations und dank Tschechien und der Ukraine sogar zwei Mal „Douze Points“ – zwölf Punkte. Doch ist Europas größter Musikwettbewerb bereit für diese Art von Authentizität oder gelten beim ESC weiterhin Glitzer, Glamour und seichte Showeinlagen?
In unserem Newsblog zum Eurovision Song Contest 2025 lesen Sie alle Informationen zur Show und aktuelle Entwicklungen.

Beim ESC 2025 setzen viele auf bewährte Musiktricks
Viele Länder setzen bei ihren Auftritten auf die die Trickkiste der Popgeschichte: Italien schickte mit dem nachdenklich-schönen Lucio Corsi eine Kombination aus Bowie und Pierrot, Griechenland mit der Brillenträgerin Klavdia eine junge Nana Mouskouri, und Luxemburgs Laura Thorn recycelte France Gall. Dazwischen: viel musikalischer Einheitsbrei, bedeutungslose Texte, Pop-Choreografien von der Stange und Safri-Duo-Gedächtnisbeats.

Die Halle wirkte stellenweise so inspiriert wie ein Wohnzimmerpublikum nach dem dritten ESC-Getränk. Pyrotechnik und Dampfmaschinen verblassen, wenn selbst TikTok inzwischen die spannendere Dramaturgie liefert. Lichtblicke jenseits des Trash-Niveaus bieten originellere Ideen: Lettland schickte mit Tautumeitas einen harmonischen Chor aus Waldfeen, die Schweiz mit Zoë Më eine Stimme, die mit einem einfachen Barhocker-Auftritt für große Emotionen sorgte. Estlands Tommy Cash brachte mit seiner Espresso-Macchiato-Parodie im Vorfeld sogar italienische Kaffee-Puristen aus dem Konzept.
ESC 2025: Österreich sorgt für Standing Ovations, Finnland für Verwirrung
Auch der Auftritt von Gewinner JJ alias Johannes Pietsch aus Österreich war musikalisch anspruchsvoll und inszenatorisch eigenwillig: ein wackeliges Segelschiff, ein fragwürdiger Nietenmantel, eine höhenverstellbare Stimme, die die Gesangsausbildung des Countertenors eindeutig offenlegt. Schon vor der Show galt der 24-Jährige mit seinem Titel „Wasted Love“ als Favorit, Standing Ovations bestätigten die Prognosen.

Für das, was die Generation Z als „cringe“ bezeichnet, sorgten dagegen plumpe Sex-Provokationen: Finnlands Erika Vikman schwebte auf einem goldenen Mikroständer durch die Halle und sang „Ich komme“ – eine Mischung aus Rammstein und Varieté. Armeniens Beitrag: ein ölverschmierter, oberkörperfreier Mann auf dem Laufband. Malta, dessen Interpretin Miriana Conte schon vor dem ESC mit einem vulgären Wortspiel für Aufmerksamkeit gesorgt hatte, präsentierte eine Mischung aus „Call on Me“ und Influencertum.
Angesichts solcher Inszenierungen ist es kein Wunder, dass Experten und Expertinnen dem linearen Fernsehen und den Samstagabendshows regelmäßig das Ende voraussagen. Thomas Gottschalk hat sich ins Archiv der Fernsehgeschichte verabschiedet, Stefan Raab könnte ihm nach einem kurzem RTL-Intermezzo und seinem erneuten ESC-Rückschlag folgen. Ob der ESC diesen Weg geht, entscheidet sich daran, ob er künftig mehr sein will als eine Dauerwerbesendung für das Gastland oder ein Lagerfeuer-TV für Nostalgiker.
Die „wahre Gewinnerin des Abends“ hatte keinen ESC-Beitrag
Dass es auch anders geht, zeigte Moderatorin Hazel Brugger. Mit trockenen Pointen, Turnschuhen und Millennial-Zynismus war die Comedian der Gegenentwurf zur Hochglanzmoderation. Ihre Emotionslosigkeit erklärte die Tochter eines Schweizers und einer Deutschen mit ihrer Herkunft: „Bei der Geburt meines Kindes habe ich mich so gefreut, dass ich fast gelächelt hätte.“ Am Ende steht sie bei JJs Siegerauftritt mit Tränen der Rührung auf der Bühne.
So viel Menschsein ist beim glattgebügelten ESC selten. Auf X, ehemals Twitter, feierten einige Nutzer und Nutzerinnen Brugger prompt als „wahre Gewinnerin des Abends“. Da dürfte Gottschalk nicht nur auf Bruggers opulent mit Perlen bestickten Blazer neidisch sein. Lesen Sie auch: Das waren die Moderatorinnen des ESC 2025 - auch eine Deutsche

Auch ESC-Publikum und -Jurys zeigten in den vergangenen Jahren, dass Talent und Originalität beim Weichspüler-Wettbewerb durchaus noch Wertschätzung erfahren. Ein Blick auf die letzten Gewinner-Acts macht Hoffnung: Vorjahres-Star Nemo aus der Schweiz trat am Samstag im Brautkleid mit Pelzmütze auf, Vorvorjahres-Gewinnerin Loreen aus Schweden bleibt als zweifache ESC-Siegerin eine Ausnahmeerscheinung – und Österreichs letzter ESC-Erfolg mit Conchita Wurst galt schon 2014 als Symbol für Vielfalt und Wandel.
Der Sieg von JJ zeigt, dass der ESC immer noch ernstzunehmende Musikerinnen und Musiker hervorbringt. Deutschland bleiben diesmal nur ein Platz im Mittelfeld und ein erneuter ESC-Kater. Für die kommenden Jahre heißt es: Kreativität neu denken. Immerhin hat „Baller“ gezeigt, dass ein bisschen Authentizität im Glitzerkosmos des ESC für frischen Wind sorgen kann. Oder wie junge Menschen sagen: Realness.



