Instagram und ich haben schon lange kein gutes Verhältnis zueinander. Meine Generation, die Gen Z, nennt sowas toxisch. Mit einer soliden Bildschirmzeit von zwei Stunden malträtiere ich täglich mein Hirn und meinen rechten Daumen. Am liebsten abends im Bett. Irgendeine Influencerin beim Buchweizen-Brot-backen macht mich müde – ein Video einer abstrusen Rede von Trump wieder hellwach – Einschlafen ist da schwierig.

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Auf Instagram gibt es immer wen, der früher aufsteht, weiter joggt und mehr Bücher liest als ich. Und ich Trottel klicke auch noch auf solche Beiträge, obwohl ich weiß, dass ich mich danach absolut unambitioniert finde. Die App hat mich voll im Griff und tut alles, damit ich immer weiter scrolle.

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Und trotzdem war Instagram bislang auch digitaler Wohlfühlort: Freunde schicken mir Videos von Dackeln auf Skateboards oder Beiträge zu aktuellen Debatten, die uns beschäftigen. Zum Beispiel die viel zu hohen Mieten. Kollektive Zukunftsangst. Die Algorithmen verstehen uns. Ich weiß, auch da liegt das Problem: Ich sehe fast nur, was ich sehen will. Das ist meine kleine Blase. Doch all das könnte sich nun ändern. Ich muss überlegen, ob ich Instagram nicht schon viel früher hätte endgültig löschen sollen.

Instagram: Zuckerbergs neuer Kurs macht mir Bauchschmerzen

Anfang Januar verkündete Meta-Chef Mark Zuckerberg, nicht mehr länger mit Faktencheckern zusammenzuarbeiten. Inhalte sollen nicht mehr moderiert werden. Instagram gehört neben Facebook zu Meta. Zuckerberg erklärte, die Faktenchecker seien politisch zu voreingenommen. Er forderte mehr „Meinungsfreiheit“.

Illustration - Social Media Apps
Instagram kann eine regelrechte Sogwirkung haben (Symbolbild).© DPA Images | Yui Mok

All das passierte pünktlich zu Trumps Amtsantritt. User berichteten davon, dass Hashtags wie #Democrats (Demokraten) und #Abortion (Abtreibung) auf Instagram kurzzeitig nicht auffindbar waren. Bei mir funktionierte das immerhin die ganze Zeit. Über einen Monat ist vergangen und viel geändert hat sich auf meinem Verlauf eigentlich nicht. Trotzdem habe seit Januar immer wieder ein ungutes Kribbeln im Scroll-Daumen – wird Instagram jetzt wie X?

Nachdem Tech-Milliardär Elon Musk die Plattform X gekauft hatte, habe ich sie verlassen. Mein Feed bestand plötzlich aus Hetze gegen Minderheiten und beleidigenden Kommentaren. „Andere Meinungen müssen wir in einer Demokratie halt aushalten“, sagte kürzlich ein Bekannter zu mir über X. Ich finde nicht, dass wir Hass aushalten sollten. Das Wort Freiheit ist fehl am Platz, wenn Menschen für ihre Existenz beschimpft werden und sich dadurch nicht mehr frei fühlen.

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Trotzdem frage ich mich nach dem Gespräch mit dem Bekannten, ob ich es mir bislang zu bequem gemacht habe. Habe ich durch meine Blase auf Instagram verlernt, in die Konfrontation zu gehen und Dinge auszudiskutieren? Meine hohe Bildschirmzeit auf der App habe ich vor mir selbst damit gerechtfertigt, dass ich wissen muss, was die Gesellschaft gerade bewegt. Immer wieder heißt es, die sozialen Medien seien entscheidend für unsere Demokratie. Instagram ist der öffentliche Marktplatz unserer Zeit. Ich glaube, das Problem daran ist: Bei jedem User stehen ganz andere Marktstände.

Instagram-Boykott: Ein Superreicher soll nicht mehr so viel Macht über mich haben

Meine Freunde und ich können noch so viel teilen, posten und uns wahnsinnig selbstwirksam vorkommen – bei vielen Usern ist der Feed ein anderer. Das ist die Logik der App. Und am Ende entscheidet doch ohnehin ein einzelner Mensch, wie es auf der Plattform zugeht, oder nicht? Das wäre dann wohl Mark Zuckerberg. Wenn er will, dass wir auf Instagram mehr von Trump sehen, dann sehen wir mehr von Trump.

Volontärin Emily Kietsch
Emily Kietsch ist Volontärin in der FUNKE Zentralredaktion in Berlin.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

In den letzten Wochen lese ich von immer mehr Nutzern, die Instagram boykottieren wollen. Der Grund erscheint auch mir erstmal plausibel: Ein einzelner Superreicher sollte nicht mehr so viel Macht über mich haben. Der rechte Kurswechsel bringt meine Blase endgültig zum Platzen.

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Tschüss, Zuckerberg! Entschlossen deinstalliere ich Instagram. Diesmal beende ich die toxische Beziehung wirklich. Ich habe das schon öfters probiert und dann nie länger als ein, zwei Wochen durchgehalten. Auch jetzt sitze ich Abends da und weiß nicht, was ich machen soll – das endlose Scrollen fällt ja weg. Mein Partner hat Instagram noch nie angerührt und kriegt trotzdem mit, welche Themen die Menschen beschäftigen und worüber gestritten wird. Es geht genauso gut ohne die App. Meine Ausrede, dass ich informiert bleiben will, zählt nicht.

App löschen klappt nicht – das ist der Grund

Nach ein paar Tagen habe ich Instagram wieder auf meinem Handy. Ich will die Dackel-Videos zurück. Schmerzlich muss ich feststellen: Ich bin zu egoistisch und faul, um meine Gewohnheiten zu ändern. Mein ganzer Idealismus geht schnurstracks über Bord. Ich bin süchtig. Das Problem hatte ich bei X nie. Da war es leicht, zu gehen.

The Inauguration Of Donald J. Trump As The 47th President
Nachdem Elon Musk Twitter übernahm und zu X machte, verließen viele Nutzerinnen und Nutzer die Plattform.© Getty Images | Pool

Meine Gedanken rütteln weiter an meinem Gewissen: Bewirkt ein Boykott nicht das Gegenteil? Beschleunigt das nicht einfach nur, dass irgendwann nur noch rechte Schreihälse die Plattform bespielen? Ich drehe mich im Kreis, bin ratlos. Also frage ich eine gute Freundin, was sie jetzt macht. Zuckerberg weiter unterstützen oder Instagram den Rücken kehren? „Du kaufst doch auch Produkte mit Palmöl, oder nicht?“, fragt sie mich. Ja schon, sage ich, finde aber, dass das vom Thema ablenkt.

Boykott kommt für meine Freundin nicht infrage

Meine Freundin ist nicht so unsicher mit dem Boykott, wie ich: „Ob sich jetzt eine Einzelperson oder meinetwegen auch ein paar Tausende von Meta abwenden, macht für mich keinen Unterschied, außer dass man sich selbst besser fühlt“, fährt sie fort. Sie findet: Einzig die Politik könne etwas ändern. Ich muss ihr zustimmen. Würden die Plattformen gesetzlich dazu gezwungen werden, ihre Algorithmen transparenter zu machen, gegen Falschinformationen und Hasskommentare vorzugehen und Inhalte mehr zu moderieren, wäre das sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung.

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Durch das Gespräch mit meiner Freundin sehe ich klarer. Am Ende bleibt mir die Erkenntnis: Ich bin Teil einer Generation, die zwar digital abhängig ist, aber sich nun einmal über die sozialen Medien informiert hält. So zeigen die Ergebnisse des Reuters Digital News Report 2024, analysiert vom Hans-Bredow-Institut, dass in Deutschland jede zweite Person unter 35 auf den sozialen Medien mit Nachrichteninhalten in Kontakt kommt. 16 Prozent der 18- bis 24-Jährigen beziehen ausschließlich über soziale Medien ihre Nachrichten und Informationen.

Die Plattform zu verlassen, würde bedeuten, diesen Fakt zu ignorieren und einen wichtigen Kanal für politische Bildung und Diskussion aufzugeben. Vielleicht liegt die Lösung nicht im radikalen Boykott, sondern in einem bewussteren Umgang mit der Plattform. Vielleicht ist das auch nur eine meiner weiteren Ausreden. Alles für den nächsten Klick Dopamin.