Bundesliga

Abschied von Kobiashvili – „Ich bereue keinen Tag bei Hertha“

Hertha-Routinier Levan Kobiashvili spricht über seinen Abschied im Olympiastadion gegen Borussia Dortmund, ein ausgeschlagenes Bayern-Angebot und sein Verhältnis zu Schiedsrichter Wolfgang Stark.

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Letzter Vorhang am heutigen Nachmittag für Levan Kobiashvili: Im ausverkauften Olympiastadion bestreitet der 36-Jährige sein 351. und letztes Bundesliga-Spiel für Hertha BSC gegen Borussia Dortmund (15.30 Uhr).

Zählt man seine 100 Länderspiele für Georgien, 32 DFB-Pokal-Spiele, 52 Europacup-Einsätze sowie 86 Zweitliga-Partien zusammen addiert sich der Profinachweis von Kobiashvili auf imposante 620 Profi-Einsätze.

Zum Abschluss seiner Karriere spricht Kobiashvili in der Morgenpost über ein konkretes Angebot des FC Bayern, über Schiedsrichter Wolfgang Stark und seine Pläne nach dem kommenden Wochenende.

Berliner Morgenpost: Herr Kobiashvili, sind Sie nah am Wasser gebaut?

Levan Kobiashvili: Eigentlich bin ich ein Mensch, der seine Gefühle nicht zeigt. Aber innerlich tut es mir sehr weh, dass es jetzt vorbei ist. Es kann sein, dass es Tränen geben wird. Sicher wird es ein sehr emotionaler Tag für mich.

Haben Sie schon realisiert, dass es nun zu Ende geht?

Nein. Überhaupt nicht. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich ab Sommer nicht mehr täglich zum Training fahren werde. Das wird der größte Einschnitt in meinem Leben. So richtig begreifen werde ich das wohl erst in ein paar Monaten. Und das wird unglaublich schwer werden.

Sie waren 21, als Sie aus Tiflis nach Deutschland kamen und für den SC Freiburg spielten. Seitdem sind 16 Jahre vergangen. Können Sie sich noch erinnern, für wen sie damals bei ihrem ersten Spiel gegen Cottbus eingewechselt wurden?

Könnte das Michael Frontzeck gewesen sein?

Richtig.

Meine Güte, das zeigt ja auch, wie lange ich schon dabei bin. Ich habe mir in den letzten Tagen Fotos aus meiner Karriere angesehen. Mein erstes Bundesligaspiel zum Beispiel gegen den FC Bayern – da hießen die Gegenspieler noch Matthäus und Effenberg. Das ist alles ewig her.

Wie hat sich das Profi-Sein in der Bundesliga in diesen 16 Jahren verändert?

Ich persönlich habe mich eigentlich kaum verändert. Ich wusste immer, was ich will und was ich dafür tun und lassen muss. Aber um mich herum hat sich fast alles verändert. Als ich in Freiburg angefangen habe, haben wir auf einem Ascheplatz trainiert, wenn schlechtes Wetter war. Das würde es heute nicht mehr geben. Früher sind im Winter auch andauernd Spiele ausgefallen, wenn Schnee lag. Heute ist das kaum noch vorstellbar.

Wie hat sich das Medieninteresse verändert?

Komplett. Damals in Freiburg hat es kaum jemanden interessiert, was wir nach dem Training gemacht haben. Heute wird man überall beobachtet. Aber für mich persönlich ist das egal.

Warum?

Ich wollte nie groß in der Öffentlichkeit stehen. Dafür war ich immer zu schüchtern. Wenn irgendwo ein positiver Artikel über mich in der Zeitung stand, habe ich das ehrlich gesagt sehr selten gelesen. Nur wenn das Gegenteil passiert ist: Wenn irgendwo Kritik an mir stand, dann habe ich das aufgesogen. Das hat mich viel mehr interessiert.

Wie hat sich die Rangordnung in der Kabine verändert?

Früher hatten die Alten die Macht. Wenn junge Spieler zu früh ihre Meinung gesagt haben, wurde sie schief angeguckt. „Halt den Mund, du bist gerade mal 18!“, hieß es dann. Heute ist das ganz anders. Heute sind die Jungen viel früher schon akzeptiert in der Kabine.

Sie hatten insgesamt 16 Trainer in Ihrer Karriere in Deutschland. Von Volker Finke, über Jupp Heynckes und Felix Magath bis hin zu Otto Rehhagel und Jos Luhukay. Welcher davon war der unangenehmste?

Oh, darauf würde ich am liebsten nicht antworten. Die meisten Trainer waren sehr gut. Probleme hatte ich eigentlich nie mit einem. Aber Felix Magath war sicherlich ein Trainer, den viele als unangenehm bezeichnen würden. Der hat so hart trainieren lassen, dass man nach Spielabpfiff noch fit genug gewesen wäre, noch einmal 90 Minuten zu spielen.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann selbst Trainer zu werden?

Das ist nicht mein Ziel. Ich will in Zukunft zwar meinen Trainerschein machen, aber das Trainer-Sein steckt nicht in mir. Jedenfalls noch nicht.

Stimmt es, dass Sie eigentlich nie in die Bundesliga wollten?

Das stimmt. Ich wollte immer nach Spanien. Bundesliga kam gar nicht in Frage, als ich Georgien mit 21 verlassen wollte. Tja, und jetzt sitze ich hier, und habe nie irgendwo anders gespielt als in der Bundesliga.

Gab es nie die Möglichkeit, nach Spanien zu wechseln?

Nach Spanien konkret nicht. Nach Italien hätte ich gehen können. Oder nach England. Aber es ist kein Zufall, dass ich in 16 Jahren nur für drei Klubs gespielt habe. Umzüge in ein anderes Umfeld fallen mir sehr schwer, und ich habe mich immer wohl gefühlt, wo ich war.

Gibt es etwas in Ihrer Karriere, das Sie im Nachhinein bereuen, nicht getan zu haben?

Nein. Als ich auf Schalke war, hatte ich ein konkretes Angebot von Bayern München. Früher gab es auch Interesse von Inter Mailand, AC Florenz, Newcastle und Tottenham. Und klar, vielleicht hätte ich jetzt ein paar Titel mehr gesammelt, und vielleicht wäre meine Karriere ganz anders verlaufen. Aber das ist nicht wichtig. So, wie es gelaufen ist, ist es gut, und ich bin mehr als zufrieden.

Bayern München. Da hätten die meisten wohl nicht nein gesagt.

Jeder Spieler hat den Traum, irgendwann bei einem ganz großen Klub zu spielen. Und mir ging es auch so. Aber letztlich habe ich gemerkt, dass mir das eigentlich gar nicht wichtig ist. Wichtig war mir immer, dass die Leute mich gern im Klub haben, dass sie mich anerkennen und dass ich mich wohlfühle. So war es damals auf Schalke, und deshalb bin ich geblieben. Und so war es auch hier bei Hertha. Ich habe nicht einen einzigen Tag bereut, dass ich hierher gekommen bin.

Sie hatten auch sehr schwere Zeiten hier. Was würden Sie Wolfgang Stark sagen, wenn Sie ihn heute noch einmal treffen würden (die Aussage des Schiedsrichters nach dem skandalösen Relegationsspiel in Düsseldorf, Kobiashvili hätte ihn geschlagen, führte zu einer Rekordsperre von siebeneinhalb Monaten/Anm. der Redaktion)

Ich würde ihm meine Hand geben. Die Sache ist für mich vorbei. Vor Düsseldorf waren wir keine Freunde, und wir werden es auch jetzt nicht sein. Aber ich würde ganz normal „Hallo“ sagen.

Was werden Sie am Profi-Leben nicht vermissen?

Die Trainingslager. Ein paar Tage mit den Jungs von zu Hause weg zu sein, ist ja ok. Aber eine ganze Woche war immer hart für mich. Mir hat meine Familie gefehlt. Jetzt muss ich nicht mehr andauernd weg.

Ihre Familie hat sich Jahre lang nach Ihrer Karriere gerichtet. Ihre Frau ist von Tiflis mit nach Freiburg, Gelsenkirchen und Berlin gezogen. Ist es nun an der Zeit, etwas zurückzugeben?

Für meine Frau war das nie leicht. Viele denken: Spielerfrau zu sein, ist doch klasse. Aber jeder Mensch hat auch eigene Wünsche und Hoffnungen. Meine Frau hatte auch Ziele, und plötzlich musste sie mir alles unterordnen. Das war für sie eine schwierige Zeit. Jetzt wird sich das ändern. Sie arbeitet und studiert in Berlin. Und wir werden deshalb auch hier bleiben.

Sie werden eine Stelle bei Hertha bekommen. Was genau werden Sie ab Sommer machen?

Trainer werde ich nicht, und es wird auch nichts mit der ersten Mannschaft zu tun haben. Aber genau definiert ist meine Arbeit noch nicht. Erst einmal bleibe ich ein Jahr bei Hertha. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Vielleicht arbeite ich irgendwann für den georgischen Fußball-Verband.

Manche erfolgreichen Sportler nutzen in ihrer Heimat ihre Popularität, um in die Politik zu gehen. Wäre das für Sie vorstellbar?

Es gibt tatsächlich Anfragen von georgischen Parteien. In Georgien gibt es viele Beispiele dafür, dass Ex-Sportler in die Politik gehen. Aber ich sehe mich im Fußball. Man sollte das machen, was man am besten kann.

Studieren Sie noch?

Ja, ich habe im Dezember oder Januar meine Abschlussprüfungen in Sportmanagement. Ich wollte wissen, wie das alles so funktioniert. Als Spieler denkt man, man hätte alles begriffen und wüsste wie es läuft. Aber das stimmt natürlich nicht. Ich wollte einen richtigen Einblick haben.

Worauf freuen Sie sich am meisten nach Ihrer Karriere?

Auf Urlaub. Ich freue mich darauf, endlich mehr Zeit zu haben. Ich freue mich, dass ich nicht mehr Lacktattests machen und zwei Mal am Tag trainieren muss. (lacht)

Werden Sie weiter Fußball spielen?

Ich werde weiter mit meinen Freunden Fußball spielen. Gar nichts zu machen, kann mir nicht vorstellen. Dann isst man nur noch, und das ist nicht schön.

Angst, dick zu werden?

Angst nicht. Aber schön wäre es nicht. Von daher muss ich mich schon noch etwas bewegen.

Die viereinhalb Jahre bei Hertha waren nicht die einfachsten in Ihrer Karriere. Düsseldorf, zwei Abstiege. Im Vergleich zu Freiburg und Schalke, was war die Station Hertha für Sie in Ihrer Karriere?

Hertha war ein toller Abschluss meiner Karriere, trotz der negativen Erfahrungen, und ich werde die Zeit hier niemals vergessen. Vor allem die aktuelle Saison war sehr wichtig für mich. Ich wollte nach der langen Sperre unbedingt noch einmal Bundesliga spielen. Sehen Sie, wenn man 36 ist und im Training oder im Spiel hinterher läuft, kommen Sprüche: „Der kann nicht mehr, der alte Mann. Der muss aufhören.“ Das wollte ich nicht zulassen. Deshalb bin ich über meine Grenzen gegangen – in jedem Training, in jedem Spiel. Ich habe immer am Limit gespielt. Am Ende konnte ich sogar noch viele Spiele machen. Und das macht mich stolz.

Wie sollen sich die Leute an den Fußballer Levan Kobiashvili erinnern?

An einen Menschen, den sie mochten. Das würde ich mir wünschen.

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